Die Schriftrolle wurde in den 1750er Jahren entdeckt, war aber zu fragil. Mit KI entzifferten Forschende den Text und fanden eine Abhandlung über Ethik und Fortschritt.
Eine antike Schriftrolle, die den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. überstand, gibt nun endlich ihre Geheimnisse preis.
Wissenschaftler konnten die extrem zerbrechliche Rolle entziffern, ohne sie aufzuwickeln. Sie nutzten dafür künstliche Intelligenz. Zum Vorschein kam – ironischerweise – eine philosophische Abhandlung über Ethik, das Wesen des Menschen und moralischen Fortschritt.
PHerc. 1667, wie die Rolle genannt wird, gehörte zu einer Bibliothek verkohlter Manuskripte, die in den 1750er Jahren in der antiken römischen Stadt Herculaneum entdeckt wurde.
Insgesamt blieben rund 1.800 Papyrusstücke wie durch ein Wunder unter den Ruinen einer der prunkvollsten Villen der Stadt erhalten, die beim Ausbruch zerstört wurde. Die Fragmente bilden die einzige vollständig erhaltene Bibliothek aus der griechisch-römischen Welt.
Mit diesem Schatz kam jedoch ein neues Problem ans Licht.
Die Rollen hatten einen verheerenden Ausbruch überstanden und lagen Hunderte von Jahren unter vulkanischer Asche begraben. Jetzt waren sie zu fragil, um sie zu öffnen. Ein Aufrollen hätte bedeutet, dass sie zu Staub zerfallen. Also blieben sie sorgfältig versiegelt.
Im Jahr 2023 setzte die Vesuvius Challenge neue Anreize für Forschende und Papyrusfans: Die Initiative machte das Rätsel um die Rollen zu einem weltweiten Wettbewerb mit Preisgeldern.
Teilnehmende nutzten Computer-Vision und maschinelles Lernen, einen Bereich der KI, und erzielten damit belastbare Ergebnisse.
Noch im selben Jahr erhielt ein 21-jähriger Informatikstudent 40.000 Dollar. Er hatte als „erste Person seit zwei Jahrtausenden“ ein Wort – „purpur“ – in einer ungeöffneten Rolle identifiziert.
In diesem Monat gelang es einem Team von Wissenschaftlern verschiedener europäischer und US-amerikanischer Universitäten, den gesamten erhaltenen Text einer kompletten Rolle zu entziffern.
„PHerc. 1667 war zunächst ein geschwärzter, aufgerollter Klumpen verkohlten Papyrus“, erklärte die Vesuvius Challenge vergangene Woche. „Um sie zu lesen, haben wir die Rolle nie physisch geöffnet. Stattdessen scannten wir sie mit hochauflösenden Röntgenstrahlen, rekonstruierten die aufgewickelte Papyruslage im Inneren, glätteten sie zu einer lesbaren Oberfläche und nutzten maschinelles Lernen, um die schwachen Spuren der antiken Tinte sichtbar zu machen.“
Frühere Versuche, PHerc. 1667 zu öffnen, beschädigten den Papyrus und ließen nur noch acht Zentimeter von ursprünglich 19 bis 24 Zentimetern Höhe übrig. Aus diesem verbliebenen Abschnitt konnten die Forschenden den gesamten Text rekonstruieren: eine philosophische Abhandlung über Ethik, die sich mit Moral, Kunst und menschlichem Verhalten beschäftigt.
In der Rolle wird auch Aristocreon erwähnt, ein Neffe und Schüler des stoischen Philosophen Chrysippos. Fachleute verweisen darauf, dass Verweise, Sprache und Thema den Text in das 2. Jahrhundert v. Chr. datieren und wahrscheinlich die Lehre der Stoa widerspiegeln.
„Seit fast zwei Jahrtausenden sind viele dieser Texte zwar körperlich erhalten, geistig aber unzugänglich gewesen“, sagte Brent Seales, Mitbegründer der Vesuvius Challenge.
„Heute – nach jahrelanger interdisziplinärer Arbeit mit modernster Bildgebung, künstlicher Intelligenz (KI), wissenschaftlicher Forschung und einem Innovationswettbewerb – können wir sie endlich lesen.“
Der jüngste Durchbruch führte außerdem zur Identifizierung eines weiteren Buches des epikureischen Philosophen Philodemos aus einer anderen Rolle.
Mit erst einer entzifferten Schrift bleibt die Vesuvius Challenge jedoch weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein. Hunderte weitere Rollen sind noch versiegelt – ihre Geheimnisse warten darauf, entdeckt zu werden.
„Heute hören wir Stimmen, die seit 2.000 Jahren verstummt sind“, sagte Seales. „Zum ersten Mal legen wir sie frei und lesen sie – und vor allem beginnen wir, sie zu verstehen.“