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Serifos auf den Kykladen: Geprägt vom einstigen Bergbau

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Verladetreppe in Mega Livadi
Verladerampe in Mega Livadi Copyright  Νίκος Κοκολάκης © Μουσείο Κυκλαδικής Τέχνης
Copyright Νίκος Κοκολάκης © Μουσείο Κυκλαδικής Τέχνης
Von Yorgos Mitropoulos
Zuerst veröffentlicht am
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Die lebendige Geschichte der Bergwerke von Serifos wird in einem digitalen Archiv bewahrt. Es dokumentiert die Erinnerungen und Erfahrungen der Bergleute und ihrer Nachkommen.

REPORTAGE AUS SERIFOS: GIORGOS MITROPOULOS

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Serifos gehört zu den schönsten Inseln der Kykladen. Hinter dem starken Tourismusboom verbirgt sich jedoch eine Geschichte, die viele kaum kennen. Die Insel war schon in der Antike ein wichtiges Bergbauzentrum. Der Boden ist vor allem an Hämatit und Magnetit reich. Bis heute ist fast die halbe Insel von Stollen und Schächten durchzogen – ein Erbe der jahrzehntelangen Erzförderung.

Im Südwesten, besonders in Mega Livadi und Koutalas, sieht man noch heute verrostete Gleise, Maschinen, Werkzeuge, Loren und hölzerne Verladerampen. Sie zeugen von der intensiven Bergbautätigkeit, die die Insel bis Mitte des 20. Jahrhunderts prägte.

Mega Livadi
Mega Livadi Νίκος Κοκολάκης © Μουσείο Κυκλαδικής Τέχνης

In neuerer Zeit begann der Abbau von Eisenerz im Jahr 1870 und wurde ab 1885 systematischer. Die Jahresproduktion erreichte immer wieder 200.000 Tonnen. Nicht nur Einheimische arbeiteten in den Minen. Viele Menschen kamen aus anderen Teilen Griechenlands auf die Insel, um hier Arbeit zu finden. Im Jahr 1963 stellten die Betreiber den Betrieb endgültig ein.Die meisten Beschäftigten mussten auswandern und sich neue Berufe suchen. Die Orte verödeten. Die Geschichte der Minen blieb jedoch tief im Selbstverständnis und in der Seele der Bewohner verankert.

Um diese Erinnerungen sichtbar zu machen und zu bewahren, organisierte die Gesellschaft der Freunde von Serifos das Programm "Die lebendige Geschichte der Minen von Serifos“ mit Unterstützung des Programms Cycladic Identity des Museums für Kykladische Kunst. Forschung, Interviews und Materialsammlung dauerten ein Jahr. Das Ergebnis ist eine Reise in die Vergangenheit. Eine berührende Spurensuche in den Erinnerungen der Menschen und in der Geschichte der Minen, festgehalten in einem gedruckten und einem digitalen Album.

Mega Livadi
Mega Livadi Νίκος Κοκολάκης © Μουσείο Κυκλαδικής Τέχνης

Das digitale Archiv umfasst mehr als 250 Fotos, seltene Dokumente, Zeitungsberichte jener Epoche und zehn eindringliche Zeitzeugenberichte von Minenarbeitern und ihren Nachkommen, die noch leben. Das galt als notwendig, denn über Jahrzehnte lebte die Geschichte der Minen vor allem in den Erzählungen der Menschen weiter, die dort gearbeitet und gelebt hatten. Da die Generationen nach und nach gehen, mussten diese Berichte festgehalten werden, bevor sie für immer verloren gehen. Parallel dazu stehen an den historischen Orten Hinweistafeln mit QR-Code. Dort können Besucher die Interviews der Bergleute nachlesen.

Am 5. und 6. September stellte die Gesellschaft der Freunde für Kulturerbe und Umwelt "Serifos“ das Programm den Bewohnern vor. Sie organisierte eine Podiumsdiskussion mit ehemaligen Minenarbeitern und deren Nachkommen und eine Führung durch die Minengelände in Mega Livadi, geleitet von Thodoris G. Livanios.

Die Büste von Konstantinos Speras in Mega Livadi
Die Büste von Konstantinos Speras in Mega Livadi Νίκος Κοκολάκης © Μουσείο Κυκλαδικής Τέχνης

Katerina Papathoma, Vizepräsidentin der Gesellschaft der Freunde von Serifos, war Programmleiterin. Sie stammt zwar nicht von der Insel, lebt aber seit Jahren hier und hat sie lieben gelernt. Sie sprach mit Euronews über dieses Projekt:

"Die Gesellschaft der Freunde von Serifos verfolgt zwei Ziele. Erstens wollen wir die lebendige Geschichte der Minen von Serifos bewahren und erhalten. Das geschieht durch die Aufzeichnungen und die Gespräche, die uns die Bergleute und ihre Nachkommen auf der Insel gegeben haben. Zweitens wollen wir diese Geschichte verbreiten. Es ist Tatsache, dass selbst wir, die hier auf Serifos leben, diese Geschichte oft nicht wirklich kennen.“

Bergleute Ende des 19. Jahrhunderts
Bergleute Ende des 19. Jahrhunderts (Αρχείο Εθνικού Ιστορικού Μουσείου)

Serifos war nach Lavrio das bedeutendste Bergbauzentrum Griechenlands. Die Minen von Mega Livadi gelten heute als historischer Ort. Dort kam es 1916 zum blutigen Streik der Bergleute. Sie forderten die Einführung des Achtstundentags und menschenwürdigere Arbeitsbedingungen von der deutschen Betreiberfamilie Gromman. Der Aufstand erfasste alle. Auslöser waren Hungerlöhne, endlose Schichten, erbärmliche Lebensverhältnisse und das völlige Fehlen von Sicherheitsvorkehrungen. Immer wieder starben Arbeiter oder wurden dauerhaft verletzt.

Der Streik endete in einem Blutbad. Vier Streikende kamen ums Leben (Th. Kouzoupis, M. Zoilis, M. Mitrofanis, I. Protopappas) und zwei Gendarmen wurden getötet (Ch. Chrysanthou und I. Triantafyllou). Konstantinos Speras (1893–1943) war der Initiator des Streiks. Er wurde auf Serifos geboren und spielte später eine wichtige Rolle in der griechischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung.

Beladung an der alten Holzrampe auf der Ostseite von Mega Livadi, 1890–1893
Beladung an der alten Holzrampe auf der Ostseite von Mega Livadi, 1890–1893 (Οικογενειακό Αρχείο Άννας Γρώμαν)

Die Gemeinde Serifos bemüht sich seit Jahren, das Gebiet von Mega Livadi in ein offenes Bergbaumuseum zu verwandeln. Es soll die Geschichte der Minen und die besondere Identität des Ortes sichtbar machen und einer verlassenen Gegend eine neue, nachhaltige Entwicklung geben. An dem historischen Ort, an dem der Streik stattfand, trafen wir den Bürgermeister von Serifos, Konstantinos Revindis, der an der Führung teilnahm:

"Wir stehen an dem historischen Ort, an dem am 21. August 1916 der Streik der Bergleute für den ersten Achtstundentag und bessere Arbeitsbedingungen stattfand. Diesen Ort wollen wir hervorheben und hier ein Freilicht-Bergbaumuseum schaffen, das die Geschichte ohne Worte erzählt, nur über die Spuren."

Mine in Mega Livadi
Mine in Mega Livadi Γιώργος Μητρόπουλος

Das Programm "Die lebendige Geschichte der Minen von Serifos“ finanziert das Cycladic Identity, eine wichtige Initiative des Museums für Kykladische Kunst, die seit 2022 läuft. Ziel ist es, das immaterielle Kulturerbe zu schützen, das die Geschichte der Insel über die Jahrhunderte geprägt hat. Bis heute hat das Museum 26 Programme auf 15 Kykladeninseln unterstützt. Bald werden zehn weitere für das Jahr 2027 bekannt gegeben.

Mine in Mega Livadi
Mine in Mega Livadi Γιώργος Μητρόπουλος

"Eines der Programme, für das wir heute hier sind, dokumentiert die reiche Geschichte der Minen von Serifos. Wir halten es für äußerst wichtig, dass die mündlichen Zeugnisse der Bergleute – oder ‚Metallioten‘, wie man sie auf der Insel nannte – festgehalten, digitalisiert und als Vermächtnis für die junge Generation bewahrt werden“, betont Theano Agalloglou, Projektmanagerin des Cycladic Identity des Museums für Kykladische Kunst.

Programm und Album wurden am Samstag, 5. September, im Theater des Serifos-Vereins in Chora präsentiert. Dort teilten ehemalige Minenarbeiter und Nachkommen von Bergarbeiterfamilien ihre Geschichten und Erinnerungen mit dem Publikum.

Die Präsentation im Theater des Serifos-Vereins
Die Präsentation im Theater des Serifos-Vereins Νίκος Κοκολάκης © Μουσείο Κυκλαδικής Τέχνης

Der Zeitzeugenbericht von Andreas Livanios (Katsafouris)

In die Minen kam ich um 1956/57. Ich war noch ein Kind. Ich ging dorthin, weil damals alle dort arbeiteten. Ganz Serifos lebte von den Minen. Es war eine große Strapaze. Wer aus Mega Livadi oder Koutalas stammte, hatte es etwas leichter, denn sie wohnten in der Nähe. Ich komme aus Kallitso im Norden. Um nach Mega Livadi zu gelangen, liefen wir drei Stunden zu Fuß. Wir mussten um zwei Uhr nachts aufstehen, uns fertig machen und kurz vor drei aufbrechen, damit wir um etwa zehn vor sechs, Viertel vor sechs, auf der Baustelle waren. Wenn wir um sechs und eine Minute kamen, schickte man uns ins Büro. Dann war der Tageslohn weg. Es war mühsam, denn es war Nacht, es gab keinen Weg, kein Licht. Wir liefen durchs Dunkel, in Kälte und Regen, auf einem schmalen Pfad durch die Felder. Ich arbeitete an Kompressoren, die Druckluft erzeugten. Morgens kam ich, legte ein kleines Stück Dynamit ein, schlug mit einem Hämmerchen auf die Zündkapsel, und so sprang die Maschine an.

Von den Minen blieben nur Verschleiß und Leid. Sie haben die Eingeweide von Serifos ausgehöhlt. Es gibt Stollen in den Bergen, in denen man sich verirrt, wenn man hineingeht. Heute raubt mir schon der Gedanke daran den Atem. Der ganze Reichtum ist von hier verschwunden. Für die Insel blieb nichts. Serifos hätte ein kleines Paris werden können, wäre der Abbau fair organisiert gewesen.

Chora von Norden auf einer Ansichtskarte, etwa 1965
Chora von Norden auf einer Ansichtskarte, etwa 1965 (Συλλογή ΑΣΓ)

Der Zeitzeugenbericht von Alexandros Livanios

Meine Eltern, mütterlicherseits wie väterlicherseits, waren Bergleute. Der Vater meiner Mutter überlebte, obwohl er schwer verletzt wurde. Er lag etwa zwei Jahre in Krankenhäusern. Er kam körperlich unversehrt davon, doch zwei Jahre lang war sein Geist wie ausgelöscht. Mein anderer Großvater, Alexandros Klaos von der Seite meines Vaters, wurde getötet. Er blieb in einer Mine am Aspros Kavos. Mein Vater lernte seinen eigenen Vater nie kennen. Meine Großmutter war mit ihm schwanger, als ihr Mann starb. Es gibt auf Serifos keine Bergarbeiterfamilie ohne Verletzte oder Tote.

Die Minen waren Segen und Fluch zugleich. Sie hielten die Menschen auf der Insel, denn die Minen waren der Hauptberuf, die Landwirtschaft nur Nebenerwerb. Die Männer arbeiteten von Nacht zu Nacht in den Minen. Nur der Sonntag blieb für die Felder. Oft übernahm die Frau die Arbeit auf dem Acker, weil der Mann ständig unterwegs war. Wer von Chora nach Mega Livadi musste, hatte einen Weg von fast zwei Stunden. Er musste nachts aufbrechen und nachts zurückkehren.

Die Schule in Mega Livadi hatte 150 Kinder, als ich dort zur Schule ging. Nach und nach verödete sie. Aus dem Ort wurde eine Art Nekropole. Im Winter lebt dort fast niemand. Nach der Schließung der Minen wanderten viele Menschen innerhalb Griechenlands und ins Ausland ab. Ich ging zur See. Ich lernte zunächst als Dreher und Maschinist und suchte dann meinen Weg in der Schifffahrt, weil es dort besseres Brot und deutlich mehr Geld gab_._

Koutalas, Gesamtansicht von der See aus, 1961
Koutalas, Gesamtansicht von der See aus, 1961 (Συλλογή Α. Ζ. Φραγκίσκου, 1961-1965. Αρχείο Εργαστηρίου Αστικού Περιβάλλοντος Εθνικού Μετσόβιου Πολυτεχνείου)

Der Zeitzeugenbericht von Thodoris G. Livanios

Ich bin Hobbyforscher und Volkskundler. Ich habe Dutzende Menschen aus den Minen interviewt, die heute leider nicht mehr leben, darunter auch Menschen, die den Streik von 1916 noch erlebt haben. Es sind einmalige Aufzeichnungen, die in meinem Archiv liegen.

Wir sind Kinder von Bergleuten, Kinder von Arbeitern. Wir sind Nachkommen von Opfern, nicht von deutschen Ausbeutern. Ich habe viele Erinnerungen, denn ich habe die Minen als Kind erlebt und später erschütternde Berichte dokumentiert, die bislang kaum genutzt wurden. Ich habe zahlreiche Dokumentarfilme, Fernseh- und Radiosendungen gemacht und den Volkskultur-Schatz von Serifos aufgezeichnet.

Serifos ist heute eine leere Hülle. Die Gromman-Familie und die jeweiligen Betreiber profitierten von dem Erz. Sie tranken den Schweiß der Arbeiter, sie tranken ihr Blut. Am Ende blieben viele von ihnen unbezahlt zurück.

Blick auf die Windmühlen von Chora auf einer Ansichtskarte, etwa 1960
Blick auf die Windmühlen von Chora auf einer Ansichtskarte, etwa 1960 (Συλλογή ΑΣΓ)
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