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Deutschlands Gasspeicher so leer wie nie – andere EU-Länder sind besser vorbereitet

Der Gasspeicher Rehden in Niedersachsen im Jahr 2009.
Der Gasspeicher Rehden in Niedersachsen im Jahr 2009. Copyright  Copyright 2009 AP. All rights reserved.
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Von Maja Kunert
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Deutschlands Gasspeicher sind so leer wie nie - auch wegen der anhaltenden Blockade in der Straße von Hormus. Andere Länder in Europa sind besser vorbereitet, Italiens Gasspeicher ist zu über 80 Prozent gefüllt. Experten erklären, was in Deutschland falsch läuft.

Deutschlands Gasspeicher und deren Füllstand beschäftigt die Branche und Verbraucher mittlerweile jedes Jahr aufs Neue, wenn die Tempraturen sinken. In diesem Jahr ist die Lage besonders angespannt: Einen derart niedrigen Füllstand zu dieser Jahreszeit gab es seit dem Start der Datenerhebung vor 15 Jahren noch nicht.

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Anfang September lag der Füllstand laut dem Verband Initiative Energien Speichern (INES) bei rund 53 Prozent. Mitte September waren es rund 56 Prozent, wie Daten von Gas Infrastructure Europe zeigen. Damit liegt Deutschland weiterhin deutlich unter dem europäische Durchschnitt von etwa 67 bis 68 Prozent. Andere Länder wie Polen, Portugal oder Italien haben ihre Seicher zum gleichen Zeitpunkt bereits zu 80 Prozent oder mehr gefüllt.

Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag Deutschland zur gleichen Zeit noch bei knapp 70 Prozent, rund 14 Prozentpunkte höher als heute.

Die niedrigen Füllstände treffen auf eine ohnehin angespannte Lage am Weltmarkt: Der europäische Referenzpreis TTF ("Title Transfer Facility") stieg zuletzt auf über 79 Euro pro Megawattstunde, den höchsten Stand seit Anfang 2023. Grund ist vor allem der Konflikt zwischen den USA und dem Iran, der die Straße von Hormus für einen erheblichen Teil des weltweiten LNG-Handels blockiert. Die Internationale Energieagentur (IEA) forderte deshalb strategische Gasreserven, flexiblere Einkaufsregeln und mehr internationale Zusammenarbeit.

Die Bundesregierung reagiert inzwischen ebenfalls: Wie zuerst der Spiegel und später das Handelsblatt berichteten, hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die staatlichen Energiekonzerne Sefe und Uniper gebeten, beim Auffüllen der Speicher zu helfen. Sefe hat demnach bereits begonnen, zusätzliches Erdgas einzukaufen, um vor allem den größten deutschen Speicher im niedersächsischen Rehden stärker zu befüllen. Bislang hatte Reiche staatliche Eingriffe abgelehnt, weil sie höhere Energiepreise vermeiden wollte.

Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke besuchen im Mai das Gelände der PCK-Raffinerie in Schwedt/Oder.
Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke besuchen im Mai das Gelände der PCK-Raffinerie in Schwedt/Oder. (c) dpa-Pool

Das Problem: Einspeichern lohnt sich zu wenig

Das übliche Geschäftsmodell der Gashändler beruht auf einem simplen Prinzip: billig einkaufen, wenn im Sommer wenig Nachfrage besteht, teurer verkaufen, wenn im Winter geheizt wird. Genau dieses Prinzip war über weite Teile des Sommers außer Kraft gesetzt.

Energieökonom Andreas Schröder vom Analysehaus ICIS erklärt das mit dem Ausbruch des Iran-Konflikts Ende Februar, der die Preise ungewöhnlich stark ansteigen ließ. "Das ist ein Problem für die Gasspeicher, weil die niedrige Preise im Sommer zur Einspeicherung brauchen, damit sie dann im teuren Winter verkaufen können", so Schröder. Erst in den vergangenen Wochen hat sich das laut Schröder etwas gedreht: Die Sommer-Winter-Spreizung, also die Preisdifferenz zwischen Sommer- und Wintergas, liegt inzwischen wieder leicht im Plus, um etwa 40 bis 50 Cent pro Megawattstunde. Das reicht zwar nicht für die vollen Kosten, macht das Geschäft für Sefe und Uniper aber wieder attraktiv genug.

Wie knapp die Zeit inszwischen wird, zeigen Berechnungen von Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Speicherverbands INES: "Um auf einen Füllstand von 77 Prozent zu kommen, müssten wir jetzt jeden Tag innerhalb der nächsten 46 Tage, die bis zum 1. November verbleiben, 1,1 Terawattstunden im Saldo in die Anlagen einlagern. Das ist ein Einspeicherwert, der so in den letzten drei Wochen nicht ein einziges Mal zu beobachten war." Setze sich der Trend fort, werde zum 1. November nur ein Füllstand von rund 65 Prozent erreicht, so Heinermann.

Andere Länder machen es anders

Italien hat seine Speicher aktuell zu rund 85 Prozent gefüllt und dürfte laut Schröder noch auf über 90 Prozent kommen. Rom hatte bereits zu Sommerbeginn feste Speichervolumina zu einem garantierten, attraktiven Spread verauktioniert und den Marktteilnehmern damit früh Planungssicherheit gegeben.

Frankreich unterstützt seine Speicherbetreiber seit rund zwei Jahren über eine Umlage und verhängt bei Nichtbefüllung Strafzahlungen. Österreich verfügt bereits seit Kriegsbeginn in der Ukraine über eine strategische Gasreserve, ähnlich wie inzwischen auch Polen und Spanien. Nach IEA-Schätzungen lagerten 2025 EU-weit bereits rund zwölf Milliarden Kubikmeter Gas in solchen strategischen Reserven.

Deutschland und die Niederlande verfolgten dagegen einen betont marktliberalen Ansatz, ohne Reserve und ohne vergleichbare Eingriffe, und fielen damit in diesem Sommer zurück. Gemeinsam mit der Slowakei und Irland bilden sie nun das europäische Schlusslicht.

Außenansicht des Gasspeicher "Bierwang" des Energieunternehmens Uniper in Unterreit bei München im Jahr 2022.
Außenansicht des Gasspeicher "Bierwang" des Energieunternehmens Uniper in Unterreit bei München im Jahr 2022. Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved

Reiches Kurswechsel: nur ein halber Schritt?

Dass Reiche nun Sefe und Uniper zum Einkauf aufgefordert hat, bewertet Schröder als "eine Art halber staatlicher Eingriff, oder indirekter". Die Ministerin muss dafür keine neuen Instrumente schaffen, sondern kann direkt auf die vollständig im Staatsbesitz stehenden Unternehmen einwirken, etwa über Zugeständnisse bei den Ausschüttungen an den Bund.

Das Bundeswirtschaftsministerium gibt sich gelassen: Nach derzeitigem Kenntnisstand sei im kommenden Winter nicht mit einer Gasmangellage zu rechnen. Füllstände von 60 bis 70 Prozent zu Winterbeginn reichten zusammen mit Importen über Pipelines und LNG-Terminals aus.

Auch die Bundesnetzagentur sieht ausreichende Kapazitäten; Behördenchef Klaus Müller verwies der Deutschen Presse-Agentur zufolge darauf, dass Deutschland bereits jetzt mehr Gas gespeichert habe, als im gesamten vergangenen Winterhalbjahr entnommen wurde.

Kritik an der bisherigen Strategie wächst

Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hält die niedrigen Speicherstände für ein ernstes Warnsignal, aber noch keine akute Mangellage. "Wenn der Winter kalt wird, Lieferungen ausfallen oder LNG auf dem Weltmarkt noch teurer wird, steigen jedoch Versorgungs- und vor allem Preisrisiken deutlich", so Kemfert.

Versorgungssicherheit sei ein öffentliches Gut und dürfe nicht davon abhängen, ob Händler kurzfristig damit Geld verdienen können. "Deshalb braucht es verbindlichere Füllstandsvorgaben und die Pflicht, gebuchte Speicherkapazitäten tatsächlich zu befüllen", fordert sie.

INES-Geschäftsführer Heinermann geht ähnlich weit, betont aber, dass strengere Vorgaben allein nicht genügen: "Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, dass der heutige Ordnungsrahmen für den Gasspeichermarkt grundlegenden Reformbedarf aufweist." Nötig sei ein verlässlicher Rahmen, "anstatt kurzfristig und tiefgreifend staatlich eingreifen zu müssen."

Bestehende Füllstandsvorgaben wertlos?

INES schlägt zwei Modelle vor: Entweder gleicht der Staat die Differenz zwischen Marktwert und Speicherkosten aus, etwa durch Boni, oder Lieferanten werden direkt zur Speichernutzung verpflichtet. Manche Länder kombinieren beides und verteilen die Differenzkosten über die Netzentgelte auf alle Marktteilnehmer.

Schröder vom Marktanalysehaus ICIS sieht noch eine andere Schwachstelle im System: Die bestehenden Füllstandsvorgaben seien zwar vorhanden, aber faktisch wertlos, weil sie nicht mit Strafen bewehrt sind.

In Frankreich, wo Bußgelder drohen, funktioniere das Prinzip besser. Zugleich verweist er auf ein Dilemma: Das Speichergeschäft leide ohnehin unter unattraktiven Margen, mehrere deutsche Standorte seien bereits zur Schließung angemeldet. Zusätzliche Strafen könnten das noch verschärfen.

Der LNG-Exportterminal von Plaquemines in Port Sulphur, im Bundesstaat Louisiana.
Der LNG-Exportterminal von Plaquemines in Port Sulphur, im Bundesstaat Louisiana. Christiana Botic/Verite News und Catchlight Local/Report for America via AP

"Der Puffer fehlt"

Nach ICIS-Berechnungen würde der Speicherstand in einem normalen Winter bis zum Frühjahr auf etwa 25 Prozent sinken, in einem kalten Winter auf etwa 20 Prozent, zuletzt erreicht im Jahr 2018. Schröder rechnet eher mit einem milden Winterbeginn durch ein mögliches El-Niño-Phänomen, betont aber die Unsicherheit solcher Prognosern.

Wirklich kritisch würde es erst, wenn mehrere Risiken zusammenkommen: ein anhaltender Iran-Konflikt, ausbleibende LNG-Volumen aus Katar und der Ausfall weiterer Infrastruktur. "Der Puffer fehlt. Der Puffer ist ausgezehrt", fasst er zusammen. Katar kämpft zusätzlich mit Ausfällen: Streiks im März beschädigten zwei Anlagen im Komplex Ras Laffan und nahmen laut IEA rund 17 Prozent der jährlichen Exportkapazität vom Markt, die Reparatur dürfte Jahre dauern.

Könnte mehr LNG das Problem lindern?

Flüssigerdgas deckt über die deutschen Terminals direkt 10 bis 15 Prozent des Verbrauchs, rechnet man indirekte Importe über Benelux hinzu, rund 40 Prozent. Ein Kapazitätsengpass sei laut Schröder nicht das Problem, die europäischen Terminals sind nicht ausgelastet.

Die Herausforderung liegt in der globalen Konkurrenz: Auch Japan, Südkorea und Taiwan erleben einen kalten Winter und fragen zeitgleich mehr LNG nach. Zudem hat Deutschland vergleichsweise wenige langfristige Lieferverträge und ist deshalb stärker auf kurzfristige, preisabhängige Lieferungen angewiesen als etwa die Niederlande oder Frankreich.

Rund 90 Prozent des deutschen LNG stammt derzeit aus den USA, was Schröder mit Blick auf die geplante EU-Abkehr von russischem Flüssiggas ab Januar skeptisch macht: Ausgerechnet in einem angespannten Winter würde Europas Abhängigkeit von Amerika weiter steigen.

Staatliche Gasreserve: bisher nur eine Ankündigung

Schröder verweist zudem auf die geplante staatliche Gasreserve, die bislang nur angekündigt, aber nicht gesetzlich verankert ist. Sie soll rund 24 Terawattstunden umfassen und frühestens ab 2027/28 einsatzbereit sein, für diesen Winter also zu spät. Deutschland hätte sie, ähnlich wie Österreich, bereits nach Kriegsbeginn in der Ukraine einführen können, kritisiert er.

Für Verbraucher bedeutet das: Die Gaspreise liegen aktuell bei rund 12 Cent pro Kilowattstunde, könnten bei anhaltender Krise aber auf 14 Cent oder mehr steigen. Viele Haushalte trifft das zunächst nur verzögert, da Preisgarantien das Risiko erst bei den Händlern belassen.

Löst sich der Nahost-Konflikt auf, könnten die Preise laut Schröder ähnlich schnell wieder sinken wie zu Jahresbeginn, als sie zeitweise bei rund 30 Euro pro Megawattstunde lagen. Der Markt gehe allerdings nicht von einer schnellen Beruhigung der Lage aus.

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