António Campinos meint, Europa habe das globale KI‑Rennen fast verloren. Öffnet die EU ihren Binnenmarkt, kann sie bei der nächsten Tech‑Revolution wieder vorn mitspielen.
Der Präsident des in München ansässigen Europäischen Patentamts (EPA) fordert, dass die Europäische Union ihren Binnenmarkt stärker zusammenführt. Nur so könne sie den globalen Wettlauf um Zukunftstechnologien gewinnen und Unternehmen mit Weltspitzeformat hervorbringen.
In der Euronews-Sendung Zwölf Minutes With räumte António Campinos ein, dass Europa den Wettlauf um die Vorherrschaft bei Clouddiensten und Künstlicher Intelligenz (KI) „mehr oder weniger verloren“ habe. Es gebe aber „technologische Schlachtfelder, auf denen wir in Europa noch Verbesserungen erreichen können“.
Die von ihm geleitete Münchner Behörde prüft jedes Jahr bis zu 200 000 Patentanmeldungen. Mit nur einer Anmeldung können Erfinderinnen, Erfinder und Unternehmen Schutz in bis zu 46 Staaten erhalten.
„Die nächste große Revolution ist für mich die Quantentechnologie. Wir befinden uns noch zwischen Grundlagenforschung und angewandter Entwicklung, kommen dem Markt aber bereits sehr nahe. Und genau an diesem Punkt verliert Europa meist den Wettbewerb um Innovation und Wettbewerbsfähigkeit“, erklärte Campinos.
Europa gilt als globale Hochburg für Forschung und Innovation. Doch Start-ups tun sich schwer, ihre Erfindungen auf den Markt zu bringen. „Wir haben ein Größenproblem und Schwierigkeiten, genug Kapital anzuziehen, um Ideen aus dem Labor in den Markt zu bringen“, sagte Campinos.
„Deshalb müssen wir unsere Prioritäten schärfen. Und dafür müssen wir den zersplitterten Binnenmarkt wirklich zusammenführen“, so Campinos. Europa solle seine Börsen stärker integrieren, damit Start-ups in diesen Zukunftsbranchen wachsen und zu „globalen Playern“ werden können.
Im Februar kamen die 27 Staats- und Regierungschefs der EU zu einer Klausurtagung auf dem belgischen Land zusammen – gemeinsam mit den früheren italienischen Regierungschefs Mario Draghi und Enrico Letta –, um neue Wege zur Belebung der stagnierenden Wirtschaft des Blocks zu suchen und regulatorische Hürden abzubauen.
Draghi und Letta verfassten zwei zentrale Berichte des Jahres 2024 zur Frage, wie die EU ihre wettbewerbliche Stärke im globalen Wettbewerb zurückgewinnen kann. Sie fordern eine vertiefte Integration der Union in Bereichen wie Energie, Kapitalmärkte, Telekommunikation und Innovation.
Die Analyse ist bekannt, doch die Umsetzung der Reformen stockt.
Die Europäische Kommission hat vergangene Woche Vorschläge präsentiert für eine neue, EU-weite Gesellschaftsform namens EU Inc. Sie soll es ermöglichen, ein Unternehmen online innerhalb von 48 Stunden für weniger als 100 Euro zu gründen und in der gesamten Union nur einem einheitlichen Regelwerk zu unterliegen.
Campinos begrüßte EU Inc als wichtigen Schritt, damit Start-ups und Unternehmen in der gesamten Union wachsen können. Zugleich betonte er, der Binnenmarkt müsse weiter „entfragmentiert“ werden.
„Wir müssen so viele bürokratische Hürden wie möglich abbauen, um ein wenig Raum zu schaffen für große Akteure, für Forschungszentren, für Universitäten, damit sie möglichst viele Ideen aus dem Labor in den Markt bringen können“, sagte Campinos. Unterbleibe dies, entstünden nichttarifäre Handelshemmnisse von rund 40 bis 60 Prozent bei Waren und von 100 bis 110 Prozent bei Dienstleistungen – und der Verlust eines möglichen BIP-Zuwachses von bis zu 700 Milliarden Euro.
Campinos ist überzeugt, dass eine Anpassung der EU-Wettbewerbsregeln an den globalen Markt und eine stärkere Integration der europäischen Börsen mehr Planungssicherheit und Chancen für wachsende Start-ups schaffen würde.
„Wir müssen uns das genau ansehen. In den vergangenen fünfzig Jahren ist in Europa kein Unternehmen entstanden, das 100 Milliarden Dollar wert ist oder gar eine Billion Dollar. Viele US- und chinesische Unternehmen erreichen diese Größenordnung“, fügte er hinzu.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat kürzlich eine Frist bis Juni für eine neue „Agenda“ zur wirtschaftlichen Wiederbelebung der EU gesetzt. Dazu soll die sogenannte Spar- und Investitionsunion gehören, die die europäischen Kapitalmärkte in einem einzigen Pool von Wertpapieren bündelt.
Die Ungeduld über das Reformtempo wächst. Eine Gruppe von EU-Regierungen, die weiter integrieren wollen, erwägt, ohne alle 27 Mitgliedstaaten voranzugehen. Das könnte einen neuen Präzedenzfall für die Arbeitsweise der Union schaffen.