Erstmals schießt ein NATO-Kampfjet über einem baltischen Staat eine mutmaßlich verirrte ukrainische Drohne ab. Kyjiw bittet um Entschuldigung, Moskau droht mit Vergeltung und wirft Lettland vor, als Basis für ukrainische Drohnen zu vermitteln.
Eine mutmaßlich verirrte ukrainische Drohne ist am Dienstag in den Luftraum Estlands eingedrungen. Sie wurde von einem F-16-Kampfjet abgeschossen, der mit den NATO-Luftüberwachngsverbänden im Baltikum im Einsatz ist.
Der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur sagte, angesichts der Flugbahn der Drohne habe man entschieden: "Wir mussten sie vom Himmel holen." Es war das erste Mal, dass ein NATO-Kampfjet im baltischen Luftraum eine Drohne abgeschossen hatte.
"Sehr wahrscheinlich können wir heute sagen: Es war eine Drohne, die, sagen wir, für Angriffe auf Ziele in Russland bestimmt war."
Ukraine wirft Russland Umlenkungsmanöver vor
Experten aus der Ukraine und aus Estland arbeiteten an Maßnahmen, um ähnliche Vorfälle künftig zu verhindern, erklärte Heorhii Tykhyi, Sprecher des ukrainischen Außenministeriums.
"Wir entschuldigen uns bei Estland und all unseren baltischen Freunden für solche unbeabsichtigten Zwischenfälle. Wir standen und stehen über unsere zuständigen Institutionen in engem Kontakt, um jeden Fall vollständig aufzuklären und Wege zu finden, sie zu verhindern – auch durch den direkten Einsatz unserer Expertengruppen."
Tykhyi behauptete außerdem, Russland lenke mit elektronischer Kriegsführung ukrainische Drohnen gezielt in den baltischen Raum um.
"Moskau tut dies bewusst, begleitet von verstärkter Propaganda."
Russland drohte mit Vergeltung
Der russische Auslandsgeheimdienst SWR erklärte am Dienstag, die Ukraine bereite Drohnenangriffe auf Russland vom Gebiet der baltischen Staaten aus vor und drohte mit "Vergeltung".
Moskau behauptete, Riga habe Kyjiw erlaubt, Drohnen von lettischem Territorium aus zu starten, "trotz der Sorge, dadurch selbst zum Ziel von Vergeltungsschlägen aus Moskau zu werden". "Die primitive Russophobie der heutigen Machthaber in Lettland erwies sich als stärker als ihre Fähigkeit zum kritischen Denken oder ihr Selbsterhaltungstrieb."
Sowohl Lettland als auch die Ukraine wiesen die Vorwürfe zurück und sprachen von "einer weiteren Desinformationskampagne".
Lettland weist russischen Vorwurf zurück
Die lettische Ministerpräsidentin Evika Siliņa erklärte, Riga habe der Ukraine "niemals erlaubt, ihr Territorium oder ihren Luftraum für Verteidigungsschläge gegen Russland oder irgendein anderes Land zu nutzen".
"Wir haben das auf internationaler Bühne viele Male klargestellt. Russland ist der Aggressor, und die Ukraine hat jedes Recht, sich zu verteidigen."
In der vergangenen Woche ist die Regierung Lettlands auseinandergebrochen. Die Ministerpräsidentin trat zurück, nachdem zuvor der Verteidigungsminister wegen des Umgangs mit mehreren Zwischenfällen mit mutmaßlich aus der Ukraine stammenden Irrläufer-Drohnen sein Amt aufgegeben hatte.
Ihre Partei entzog der Koalition anschließend die Unterstützung.
Ein Sprecher des ukrainischen Außenministeriums ergänzte, "entgegen den Behauptungen der russischen Propaganda haben weder Estland, Lettland, Litauen noch Finnland jemals die Nutzung ihres Luftraums für Angriffe auf Russland erlaubt. Zudem hat die Ukraine eine solche Genehmigung nie beantragt".
"Die Ukraine nimmt ihr Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta wahr. Unsere legitimen militärischen Ziele befinden sich in Russland, und wir nutzen den russischen Luftraum, um sie zu erreichen."
Der Sprecher sagte außerdem, Moskau habe "kein Recht, der Ukraine, den baltischen Staaten oder Finnland die Folgen der eigenen Handlungen und, allgemeiner, seines Angriffskriegs anzulasten".
Russische Drohungen gegen die baltischen Staaten
Moskau hat Lettland und andere baltische Staaten wiederholt mit sogenannten "Vergeltungsschlägen" wegen ukrainischer Drohnenangriffe auf Russland gedroht.
Der SWR behauptet nun, "trotz der Angst Lettlands, selbst zum Ziel eines Vergeltungsschlags aus Moskau zu werden, hätten die Behörden in Kyjiw Riga von der Operation überzeugt". Außerdem gibt Moskau an, Angehörige der Drohnenkräfte der ukrainischen Streitkräfte seien "bereits nach Lettland verlegt worden".
"Man kann die Naivität der lettischen Führungspersönlichkeiten nur bedauern", erklärte der russische Auslandsgeheimdienst am Dienstag und richtete damit eine unverhohlene Drohung an Riga.
"Es sei daran erinnert, dass die Koordinaten der Entscheidungszentren auf lettischem Territorium wohlbekannt sind und die NATO-Mitgliedschaft des Landes diejenigen nicht vor gerechter Vergeltung schützen wird, die Terroristen Beistand leisten."
Seit Beginn seines großangelegten Angriffs auf die Ukraine droht Moskau in ähnlicher Sprache immer wieder damit, sogenannte Entscheidungszentren in der Ukraine ins Visier zu nehmen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor erklärt, den Erkenntnissen des ukrainischen Geheimdienstes zufolge bereite Russland neue Raketen- und Drohnenangriffe auf Ziele vor, die der Kreml als "Entscheidungszentren" bezeichnet. "Darunter sind knapp zwei Dutzend politische Zentren und militärische Kommandoposten", sagte Selenskyj am 15. Mai.