Neue DNA-Analysen aus deutschen Megalithgräbern zeigen: Menschen der Steinzeit waren mobiler und sozial komplexer als lange angenommen. Sie wechselten den Wohnort, hatten Kinder mit mehreren Partnern. Die Studie wirft zugleich ein neues Licht auf Europas rätselhafte Megalithkultur.
Die Forscher staunten selbst über die Entdeckung: In zwei Megalithgräbern, die rund 225 Kilometer voneinander entfernt liegen, fanden sie die Überreste eines Vaters und seines Sohnes. Der eine wurde im heutigen Niedersachsen bestattet, der andere in Hessen – eine Distanz, die heute mit dem Auto in wenigen Stunden zurückgelegt wird. Vor mehr als 5.000 Jahren jedoch bedeutete sie eine tagelange Reise durch Wälder, Flusstäler und fremde Siedlungsgebiete.
Die genetische Verbindung zwischen den beiden Männern gehört zu den spektakulärsten Ergebnissen einer neuen Studie im Fachmagazin Science. Ein internationales Forschungsteam analysierte die DNA von 203 Menschen aus sechs jungsteinzeitlichen Megalithgräbern in Deutschland.
Die Untersuchung zeigt: Die Menschen der Steinzeit waren deutlich mobiler, vernetzter und sozial komplexer als lange angenommen.
„Alles deutet auf einen substanziellen Kontakt zwischen den einzelnen megalithischen Gemeinschaften hin“, sagte Studienleiter Ben Krause-Kyora gegenüber dem Spiegel.
Steinzeitliche Netzwerke statt isolierter Dörfer
Die untersuchten Grabanlagen liegen in Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und stammen aus dem vierten Jahrtausend vor Christus. Sie gehörten zur europäischen Megalithkultur – jener rätselhaften Epoche, in der Menschen tonnenschwere Steine transportierten und monumentale Grabanlagen errichteten.
Die Megalithkultur gilt als eine der ersten großen Kulturbewegungen Europas. Von Portugal bis Skandinavien entstanden über Jahrtausende hinweg monumentale Steingräber, Dolmen und Ritualanlagen. Lange wurde diskutiert, ob sich diese Bauweise durch wandernde Bevölkerungsgruppen verbreitete oder ob vor allem Ideen und kulturelle Praktiken weitergegeben wurden.
Die neue Studie spricht eher für Letzteres: Zwar standen die Gemeinschaften in engem Austausch und Menschen bewegten sich zwischen den Regionen. Doch größere genetische Verbindungen zu anderen europäischen Megalithgesellschaften fanden die Forschenden kaum.
Monumentale Bauwerke verbreiteten sich offenbar eher durch kulturellen Austausch als durch massive Wanderungsbewegungen.
Frauen zogen häufiger weiter
Die DNA-Analysen liefern auch intime Einblicke in das Familienleben der Jungsteinzeit. Offenbar blieben Männer häufig an ihrem Herkunftsort, während Frauen öfter zwischen Gemeinschaften wechselten – vermutlich im Zusammenhang mit Partnerschaften oder Heiraten.
In einem Grab fanden die Forscher einen Mann, der Kinder mit vier verschiedenen Frauen hatte. Ein anderer hatte Nachkommen mit mindestens zwei Partnerinnen.
Gleichzeitig widerlegt die Studie eine zentrale Annahme der Archäologie: Die monumentalen Gräber waren offenbar keine klassischen Familiengrüfte. Fast die Hälfte der Bestatteten war mit niemandem im selben Grab biologisch verwandt.
„Die Vermutung, dass die Megalithanlagen in der Regel so etwas wie Familiengruften waren, entpuppte sich als falsch“, sagte Krause-Kyora gegenüber dem Spiegel.
Die Forscher sprechen stattdessen von einer Form „sozialer Verwandtschaft“. Entscheidend für die Bestattung in den monumentalen Anlagen war offenbar nicht allein die biologische Familie, sondern die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft.
Männer dominierten die Gräber
Auffällig war zudem das Geschlechterverhältnis: Nur etwa 40 Prozent der Bestatteten waren Frauen. Warum Männer offenbar häufiger Zugang zu den prestigeträchtigen Grabstätten hatten, bleibt unklar. Die Forschenden vermuten soziale Hierarchien oder Machtstrukturen.
Auch Kontakte zu Jäger-und-Sammler-Gruppen spielten offenbar weiterhin eine Rolle. Die Studie deutet auf wiederholte Vermischungen zwischen sesshaften Bauern und nomadischen Gemeinschaften hin.
Krause-Kyora formulierte dazu im Spiegel augenzwinkernd eine mögliche Erklärung: „Vielleicht fühlten sich die Frauen von diesen attraktiveren und knackigeren Männern angezogen.“
Steinzeit-Forscher entdecken Genvariante, die vor chronisch entzündlichen Darmerkrankungen schützt
Für Ben Krause-Kyora ist die Verbindung von Archäologie und Genetik seit Jahren zentraler Forschungsschwerpunkt. Der Wissenschaftler vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Universität Kiel untersucht mithilfe alter DNA, wie Migration, Krankheiten und Lebensweisen die Entwicklung Europas geprägt haben.
Bereits im vergangenen Jahr sorgte er mit einer anderen Studie für Aufmerksamkeit. Damals analysierte sein Team 251 Genome aus 14.000 Jahren Menschheitsgeschichte und identifizierte eine Genvariante, die offenbar vor chronisch entzündlichen Darmerkrankungen schützt.
Die Variante des Gens IL23R war besonders bei frühen Bauern in Anatolien verbreitet und gelangte mit den ersten sesshaften Gemeinschaften nach Europa. Die Forschenden vermuten, dass sie den Menschen während des Übergangs von der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft zur Landwirtschaft einen evolutionären Vorteil verschaffte.
„Wir können zeigen, dass diese Genvariante bei den ersten sesshaften Bauern in Anatolien sehr verbreitet war und von dort mit Wanderungsbewegungen nach Europa gelangte“, erklärte Krause-Kyora damals.
Heute besitzt nur noch ein kleiner Teil der europäischen Bevölkerung diese genetische Variante. Die Erkenntnisse gelten zugleich als medizinisch relevant, weil moderne Medikamente gegen chronisch entzündliche Darmerkrankungen auf ähnlichen biologischen Mechanismen beruhen.
Die aktuelle Megalith-Studie zeigt nun erneut, wie moderne Genforschung dabei hilft, längst vergangene Gesellschaften neu zu verstehen – und dabei überraschend moderne Fragen sichtbar macht: Mobilität, soziale Zugehörigkeit, Familienmodelle und kultureller Austausch beschäftigten Menschen offenbar schon vor mehr als fünf Jahrtausenden.