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"Rückgrat der Truppe": Bundeswehr setzt Feldwebel-Beförderungen vorerst auf Eis

Verteidigungsminister Boris Pistorius am 1. Februar 2023während eines Besuchs beim Panzer-Bataillon 203
Verteidigungsminister Boris Pistorius am 1. Februar 2023während eines Besuchs beim Panzer-Bataillon 203 Copyright  AP Photo/Martin Meissner
Copyright AP Photo/Martin Meissner
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Ab Juli stoppt die Bundeswehr vorläufig Beförderungen für Hauptfeldwebel und Hauptbootsleute. Hintergrund ist eine grundlegende Reform des bisherigen Systems – mit möglichen Folgen für Karriere, Gehalt und Aufstiegschancen vieler Soldaten.

Ab dem 1. Juli diesen Jahres soll ein vorläufiger Beförderungsstopp für Hauptfeldwebel und Hauptbootsleute in Kraft treten, wie das Ministerium vergangenes Wochenende mitteilte. Hintergrund ist dem Verteidigungsministerium zufolge eine grundlegende Neuordnung des Beförderungssystems in der Feldwebellaufbahn.

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Zwar haben die Feldwebel weiterhin die Möglichkeit, zum nächsten Rang aufzusteigen, doch dürften sich viele Beförderungen nun voraussichtlich bis mindestens 2027 verzögern, bis eine neue Beförderungs-Systematik erarbeitet wird.

Der BundeswehrVerband zeigt sich alarmiert von der Entscheidung und sagt, sie habe "das Potential zum Supergau". Ein neues Bewertungssystem könnte demnach bedeuten, dass künftig deutlich weniger Soldaten die höchsten Unteroffiziersdienstgrade erreichen, und somit ihr Gehalt, Karriereplanung und Pension betroffen sind.

Vorgehen sei das "Gegenteil von wertschätzender Führung"

Die Entscheidung wurde vergangenes Wochenende auf den sozialen Medien geteilt, mit einem Beitrag auf Instagram, in dem es unter anderem hieß: "Wir wollten nicht, dass ihr es aus der Presse erfahrt" und der Betonung "Truppe First". Der BundeswehrVerband kritisiert die Kommunikation des Ministeriums, betont, dass "dieses Vorgehen das Gegenteil von 'wertschätzender Führung'" sei und hebt hervor, dass "so viele Fragen unbeantwortet bleiben".

So hinterfragt der Verband, warum das Verteidigungsministerium erst jetzt auf die Rechtsprechung aus dem Juli 2025 reagiere und ob überhaupt bereits ein konkreter Plan für die Umsetzung ab Januar 2027 existiere. Unklar sei zudem, ob betroffene Hauptfeldwebel und Hauptbootsleute, deren Beförderung bereits eingeplant war, diese später sicher nachholen können oder künftig sogar ihren Standort wechseln müssten. Der Verband wirft außerdem die Frage auf, nach welchen Kriterien künftig befördert werden soll und ob Eignung, Leistung und Befähigung bislang überhaupt ausreichend berücksichtigt wurden. Auch mögliche Auswirkungen auf andere Laufbahnen, etwa bei den Offizieren, stehen laut dem Verband somit im Raum.

Der Grund für den Beförderungsstopp liegt in der bisherigen Praxis der Bundeswehr, da bislang viele Beförderungen in der Feldwebellaufbahn im Wesentlichen nach Dienstzeit erfolgten. Das heißt: wer lange genug dabei war, stieg häufig automatisch weiter auf. So galt beispielsweise teilweise, dass nach 16 Jahren seit der Beförderung zum Feldwebel der Aufstieg zum Stabsfeldwebel möglich war.

Genau dieses System will das Verteidigungsministerium und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, nun ändern. Künftig soll stärker das Leistungsprinzip gelten, also Beurteilungen, Eignung und tatsächliche Verantwortung im Dienstposten.

Ein weiterer Auslöser war zudem auch juristisch, da eine Gerichtsentscheidung vom Juli 2025 vom Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen die bisherige Praxis infrage stellte. Dort heißt es, Beförderungen und Dienstposten wurden offenbar nicht immer ausreichend leistungsbezogen vergeben. Nach Ansicht des Gerichts schränken solche festen Wartezeiten den Bewerberkreis künstlich ein und verhindern damit eine echte "Bestenauslese". Zwar könne Dienstzeit grundsätzlich berücksichtigt werden, sie dürfe aber nicht das entscheidende Kriterium sein.

Berichten zufolge hat sich das Ministerium deshalb gezwungen gesehen haben, die gesamte Beförderungssystematik neu aufzusetzen.

Das "Rückgrat" der Bundeswehr

Feldwebel gelten als das Rückgrat der Bundeswehr. Sie gehören zur Laufbahn der Unteroffiziere mit Portepee – also höheren Unteroffizieren mit Führungsverantwortung – und übernehmen in vielen Einheiten zentrale Aufgaben im Alltag der Truppe. Dazu zählen unter anderem die Ausbildung von Soldaten, die Führung von Gruppen oder Zügen, die Organisation des Dienstbetriebs sowie Verantwortung für Material und Fahrzeuge.

Viele Feldwebel arbeiten zudem als Spezialisten, etwa als Panzerkommandanten, IT-Experten oder Sanitäter. Die Bundeswehr selbst beschreibt sie als "militärische Vorgesetzte" mit besonderer Verantwortung für Ausbildung, Führung und Einsatzbereitschaft. Zur Feldwebellaufbahn zählen unter anderem die Dienstgrade Feldwebel, Oberfeldwebel, Hauptfeldwebel, Stabsfeldwebel und Oberstabsfeldwebel.

Die Geschichte des Feldwebels reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Der Begriff entstand bereits im 16. Jahrhundert in den Landsknechtsheeren des Heiligen Römischen Reiches. Damals war der Feldwebel eine Art "Ordnungs- und Aufsichtsoffizier" innerhalb der Truppe, zuständig für Disziplin, Aufstellung und Ausbildung der Soldaten. Der Name leitet sich vermutlich von "Feld" und "Weibel" als historische Bezeichnung für einen Aufseher oder Gerichtsdiener ab.

Vor allem in der preußischen Armee gewann der Feldwebel später stark an Bedeutung. Im 18. und 19. Jahrhundert galt er als zentrale Führungsfigur zwischen einfachen Soldaten und Offizieren. Feldwebel waren für Drill, Disziplin und die praktische Organisation des militärischen Alltags verantwortlich.

Auch in der Wehrmacht spielte die Feldwebellaufbahn eine zentrale Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Bundeswehr den Dienstgrad 1955 erneut, passte das System jedoch an das Konzept der "Inneren Führung" und des Staatsbürgers in Uniform an. Heute versteht die Bundeswehr Feldwebel nicht mehr primär als reine Disziplinarfiguren, sondern als militärische Führungskräfte und Spezialisten mit hoher fachlicher Verantwortung.

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