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"Können wir uns nicht leisten": Aus diesen Gründen verliert Deutschland Arbeitskräfte aus der EU

Viele Zugewanderte verlassen Deutschland wieder – ein Hinweis auf Arbeitsmarkt- und Lebensbedingungen, die nicht dauerhaft attraktiv genug sind.
Viele Zugewanderte verlassen Deutschland wieder – ein Hinweis auf Arbeitsmarkt- und Lebensbedingungen, die nicht dauerhaft attraktiv genug sind. Copyright  Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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Trotz hohen Zuwanderungszahlen verliert Deutschland viele Migranten binnen weniger Jahre wieder. Dabei tragen diese den Arbeitsmarkt wesentlich mit. Eine neue Studie beleuchtet die Gründe: Warum verlassen sie Deutschland wieder?

Lange war die Migration von Fachkräften der Schlüssel für den deutschen Arbeitsmarkt, doch die aktuelle Studie des Arbeitsministeriums zeigt, dass immer mehr EU-Bürger, die ursprünglich aus Wirtschaftsgründen einreisen, nicht mehr langfristig in Deutschland bleiben wollen. Eine Gefahr für den Arbeitsmarkt?

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"Wir können es uns nicht leisten, ein Drittel der EU-Bürgerinnen und -Bürger durch schlechte Bedingungen wieder zu verlieren", sagte Natalie Pawlik am Dienstag in Berlin.

Sie ist die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung und stellte am Dienstag eine Studie der EU-Gleichbehandlungsstelle vor, die Abwanderungsgründe untersucht hat. Denn Deutschland hat trotz hoher Zuwanderungszahlen (400.000–700.000 pro Jahr) auch hohe Abwanderungszahlen von EU-Staatsangehörigen.

Demnach verlässt ein signifikanter Anteil der Zugewanderten Deutschland innerhalb der ersten vier Jahre nach der Einreise wieder, wie die Studie zeigt. Das deutet darauf hin, dass Arbeitsmarkt- und Lebensbedingungen für EU-Bürger aus Deutschlands Nachbarländern langfristig nicht attraktiv genug sind.

Deutscher Arbeitsmarkt verliert Kraft als Pull-Faktor

Eine wirkliche Bleibeperspektive auf dem Arbeitsmarkt scheint nicht gegeben zu sein. Und das trotz hohem Fachkräftemangel in Deutschland - insbesondere im Gesundheitswesen, im Baugewerbe und in der öffentlichen Verwaltung, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) im November 2025 angab.

In den zehn Branchen mit den größten Engpässen konnten insgesamt über 260.000 Stellen rechnerisch nicht mit entsprechend qualifizierten Arbeitskräften besetzt werden, zeigten Berechnungen des IW. Im Gesundheitswesen beläuft sich die Lücke auf 46.000 nicht besetzbare Stellen.

"Engpässe im Gesundheitswesen führen zu langen Wartezeiten bei Terminen, fehlendes Personal im Baugewerbe bremst den Wohnungsbau", so IW-Expertin Valeria Quispe. "Zuletzt sind die Fachkräfteengpässe wegen der schwachen Konjunktur zurückgegangen - eine Entwarnung für den Arbeitsmarkt bedeutet das aber nicht", mahnt die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Gezielte Fachkräftesicherung sei daher unverzichtbar. Dazu gelte es, Beschäftigte ohne Berufsabschluss gezielt für Aus- und Weiterbildung zu gewinnen, stärkere Anreize für ein längeres Erwerbsleben zu setzen und die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte zu fördern.

Aus diesen EU-Ländern migrieren die meisten nach Deutschland

EU-Bürger ziehen überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland -insbesondere wegen besseren Erwerbs- und Verdienstmöglichkeiten, rechtlicher Absicherung und Perspektiven für Familien und Kinder. Viele kommen auch wegen konkreter Job- oder Ausbildungsangebote.

Rumänien führt weiterhin deutlich die Rangliste der bedeutendsten EU-Herkunftsländer an, wie der Jahresbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeigt. Mit etwas Abstand folgen Polen und Bulgarien, dann Italien, Ungarn und Spanien.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wie in den Vorjahren fast drei Viertel der EU-Einwanderer Staatsangehörige von Ländern waren, für die die vollständige Freizügigkeit für Arbeitnehmer nach Deutschland erst seit etwa zehn bis 15 Jahren besteht. Rumänische, polnische und bulgarische Staatsangehörige machten 80 Prozent dieser Gruppe aus.

Die Zuwanderungszahl befand sich im Jahr 2024 auf dem niedrigsten Stand seit 2011. Die Entwicklung der Zuwanderung unterscheidet sich für die einzelnen Nationalitäten erheblich.

Zu den Ländern mit rückläufigen Einwanderungszahlen gehörten vier der wichtigsten Herkunftsländer: Rumänien, Polen, Bulgarien und Kroatien. Besonders hoch war der Rückgang bei kroatischen, polnischen und bulgarischen Staatsangehörigen mit 30, 21 bzw. 19 Prozent.

Die Nettomigration aus dem EU-Ausland im Jahr 2024 belief sich auf lediglich 38.735 Personen. Damit ist die Zahl im Jahr 2024 um ein Vielfaches (66,8 Prozent) gesunken, im Vorjahr belief sich die Netto-Migration noch auf rund 117.000 Menschen Zuwachs.

Warum Migranten Deutschland wieder verlassen wollen

Ein signifikanter Teil der Zugewanderten denkt über eine Rückkehr ins Herkunftsland nach, häufig wegen hoher Lebenshaltungskosten und mangelndem Gefühl von Zugehörigkeit.

Die Auswertung von qualitativen Interviews der Studie der EU-Gleichbehandlungsstelle hat gezeigt, dass viele Migranten Deutschland als "instabilen Aufenthaltsort" erleben. Mehr als ein Drittel der Befragten (38,8 Prozent) gaben an, sie würden sich in Deutschland nicht wohl fühlen. Etwa die Hälfte (49,4 Prozent) hat bereits Diskriminierung im Arbeitsleben erlebt.

Unflexible Arbeitsbedingungen sowie nicht anerkannte berufliche Abschlüsse und fehlende Möglichkeiten, im erlernten Beruf zu arbeiten und aufzusteigen, wirkten demnach demotivierend und daher ebenfalls negativ auf die Bleibeperspektive.

Viele Zugewanderte sehen bürokratische Hürden (z. B. Anerkennung von Abschlüssen, Verwaltungsprozesse) als entscheidende Belastung für die dauerhafte Verbleibentscheidung. Fehlende oder unzureichend wirkende Angebote zur Orientierung in Arbeit, Sozial- und Lebenswelt können den Verbleib erschweren und damit die Abwanderung begünstigen.

Die EU-Gleichbehandlungsstelle kommt zu dem Ergebnis, dass eine verbesserte Integration am Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie eine inklusivere Willkommenskultur die Bleibechancen erhöhen könnten.

Zuwächse bei der Beschäftigung habe es zuletzt nur noch durch Angehörige von Staaten außerhalb der EU gegeben, sagte die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, bei der Vorstellung der Februar-Statistik für den Arbeitsmarkt in Deutschland. "Die Beschäftigung deutscher Staatsangehöriger sinkt vor allem altersbedingt kräftig", sagte Nahles. "Es liegt ganz einfach daran, dass die Babyboomer jetzt auch wirklich in Rente gehen."

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