Russland greift die Ukraine im Mai mit 8150 Langstreckendrohnen an. Laut AFP-Auswertung sind das 24 Prozent mehr als im April.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Europa am Dienstag dazu aufgerufen, seine Luftverteidigung auszubauen, und nach dem jüngsten tödlichen Drohnen- und Raketenangriff Russlands weitere Unterstützung aus Washington gefordert.
"Europa braucht eine eigene Raketenabwehr, damit dieser Krieg endlich beendet werden kann. Und die Unterstützung der USA bei der Lieferung von Raketen für Patriot-Systeme ist absolut notwendig", schrieb Selenskyj auf X. "Dieser massive Angriff sendet eine völlig eindeutige Botschaft aus Russland: Wenn die Ukraine nicht vor ballistischen Raketen und anderen Luftangriffen geschützt wird, werden diese Attacken weitergehen."
Auch Außenminister Andrii Sybiha äußerte sich ähnlich. Die jüngste Angriffswelle zeige, dass Russlands Präsident Wladimir Putin in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine kaum noch militärische Optionen habe. "Putin ist ein Kriegsverbrecher und Verlierer, dem außer Terror nichts bleibt. Moskau verliert auf dem Schlachtfeld. Keine Menge an Raketen kann das ändern", schrieb Sybiha in sozialen Netzwerken. "Die Terroristen in Moskau müssen begreifen, dass sie mit ihren brutalen Angriffen nichts erreichen. Der Preis für ihr Regime steigt nur weiter. Und für Putin gibt es nur einen Ausweg: diesen Krieg sofort zu beenden."
Angriffe auf die Ukraine
Die Forderungen der ukrainischen Führung kamen, nachdem Russland in den frühen Morgenstunden des Dienstags einen schweren Angriff auf die Ukraine gestartet hatte. Dabei wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 18 Menschen getötet und rund 100 weitere verletzt. Zuvor hatten die Behörden in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw vor einem weiteren massiven russischen Beschuss gewarnt.
Es wäre der jüngste in einer Serie tödlicher Angriffe, die den inzwischen mehr als vier Jahre andauernden Krieg weiter verschärfen und die ohnehin geringen Hoffnungen auf eine Friedenslösung weiter schwinden lassen. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland 73 Raketen und 656 Drohnen ein. Die Luftverteidigung habe 602 Drohnen sowie 40 Raketen abgefangen.
Seit Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022 greift Moskau die Ukraine nahezu täglich mit Raketen und Drohnen an. Der Krieg gilt als der blutigste Konflikt auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg – mit Hunderttausenden Toten und Millionen Vertriebenen. Russland teilte am Dienstag mit, einen großangelegten Angriff auf Ziele des ukrainischen militärisch-industriellen Komplexes durchgeführt zu haben. Dabei seien auch Hyperschallraketen eingesetzt worden. Moskau weist regelmäßig Vorwürfe zurück, seine Streitkräfte würden gezielt zivile Einrichtungen oder Zivilisten angreifen.
"Schützt euer Leben"
Im vergangenen Monat hatten sich Kyjiw und Moskau auf eine dreitägige Waffenruhe geeinigt, die unter Vermittlung der Vereinigten Staaten zustande gekommen war. Zwar wurde die Feuerpause von gegenseitigen Vorwürfen über Verstöße überschattet, dennoch weckte sie Hoffnungen auf eine längere Unterbrechung der Kämpfe. Die seitdem wieder zunehmenden Angriffe haben die Aussichten auf einen Frieden jedoch deutlich eingetrübt, auch weil das Weiße Haus derzeit stark durch den Konflikt mit dem Iran gebunden ist.
Unterdessen wurde bei einem ukrainischen Drohnenangriff in der russischen Grenzregion Kursk Oblast nach Angaben von Regionalgouverneur Alexander Chinschtein eine Person getötet. Eine weitere ukrainische Drohne verursachte laut dem regionalen Einsatzstab einen Brand in einer Raffinerie in der südwestrussischen Stadt Krasnodar, wie auf Telegram mitgeteilt wurde.
Bereits in der vergangenen Woche hatte Wolodymyr Selenskyj erklärt, die Ukraine verfüge über Hinweise auf einen neuen großangelegten russischen Angriff. Er rief die Bevölkerung dazu auf, Luftalarm ernst zu nehmen, Schutzräume aufzusuchen und "ihr Leben zu schützen".
Nach einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage von Daten der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland im Mai mit 8.150 Langstreckendrohnen so viele Drohnen gegen die Ukraine ein wie noch nie seit Beginn des Krieges. Das entspricht einem Anstieg von 24 Prozent gegenüber April. Den Angaben der ukrainischen Luftwaffe zufolge konnte die Luftverteidigung im Mai rund 90 Prozent der anfliegenden Drohnen und Raketen abfangen. Besonders bei ballistischen Raketen hat die Ukraine jedoch weiterhin erhebliche Schwierigkeiten, da diese deutlich schwerer zu bekämpfen sind als Drohnen oder Marschflugkörper.