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Lehren aus dem Ukraine-Krieg: Wie einsatzfähig ist die deutsche Reserve?

Bastian Ernst beim New Age Defence Summit, Berlin 08.06.2026
Bastian Ernst beim New Age Defence Summit, Berlin 08.06.2026 Copyright  Franziska Müller/ Euronews
Copyright Franziska Müller/ Euronews
Von Franziska Müller & Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Der Krieg in der Ukraine verändert die Verteidigungsplanung Europas. Reservistenpräsident Bastian Ernst spricht über Ausrüstung, Ausbildung und Wehrübungen.

Die Bundeswehr soll wachsen, und dabei spielt die Reserve eine immer wichtigere Rolle. Doch viele Reservisten stoßen im Alltag auf Hürden: Für Wehrübungen gilt bislang das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit. Das bedeutet, dass sich nicht nur die Reservisten selbst freiwillig melden müssen, sondern auch ihre Arbeitgeber einer Freistellung zustimmen müssen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will dieses Prinzip mit einem neuen Reservistengesetz teilweise aufweichen und verpflichtende Wehrübungen ermöglichen.

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Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Niedersachsen wurde im April 2026 zum Präsidenten des Verbands der Reservisten der Deutschen Bundeswehr gewählt. Der Verband vertritt rund 110.000 Mitglieder und ist damit die größte Reservistenorganisation Deutschlands.

Am Rande des New Age Defence Summit in Berlin hat Euronews mit Bastian Ernst über die Zukunft der Reserve, die Reformpläne der Bundesregierung und die sicherheitspolitischen Herausforderungen für Deutschland gesprochen. Der Summit beschäftigt sich mit den Lehren aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Frage, wie sich Europas Streitkräfte auf neue Bedrohungen einstellen müssen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Ist Deutschland bei der Stärkung seiner Verteidigungsfähigkeit und seiner Reserve bereits dort, wo es sein sollte?

Bastian Ernst: Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo wir sein müssten, aber wir können hier viel lernen. Zum Einen haben wir den Austausch unter der Industrie, aber auch mit Beschaffern und mit der Politik. Und ich glaube, da sind wir schon weiter als vor drei bis fünf Jahren, wo wir jetzt auch intensiver uns austauschen.

Vor allem lernen wir hier auch viel von den ukrainischen Freundinnen und Freunden, was die für Erfahrungen haben, die sie leider bitterlich bezahlen. Und deswegen freut es mich natürlich, wenn wir die ukrainischen Partner sehen, dass wir sie weiterhin unterstützen - aber wir müssen sie auch noch stärker unterstützen. Auch das ist ein Lernprozess.

Euronews: Sie sind jetzt seit knapp zwei Monaten Präsident des Reservistenverbandes. Ihr Vorgänger hat vergangenes Jahr gesagt, wenn heute der Krieg wäre, dann müssten die Reservisten mit ihrem eigenen Fahrzeug zur Front fahren. Sieht es immer noch so aus? Müssten die Reservisten heute theoretisch ihre eigene Drohne mit zur Front nehmen?

Bastian Ernst: Die Reserve stellt sich gerade neu auf. Wir machen gerade das Reservestärkungsgesetz, was vor der Sommerpause noch verabschiedet wird. Und damit haben wir zum ersten Mal ein haushaltsbegründendes Dokument. Also wir wollen eine voll ausgestattete Reserve.

Das bedeutet: Material, Personal und Infrastruktur. Und da zählen dann auch Drohnen dazu. Das ist natürlich auch ein Teil, der vor zehn, 20 oder 30 Jahren natürlich nicht so vorhanden war.

Auch nicht in der Vorplanung, nicht in den Doktrinen. Drohnen sind jetzt im Prinzip eine Fähigkeit, die jeder in der Aufklärung beherrschen muss. Und deswegen gehen wir auch schon in die Drohnenausbildung. Ja, wir sind nicht da, wo wir sein müssten, aber wir gehen das Problem an.

Euronews: Also wird es eine Drohnenausbildung für Reservisten geben?

Bastian Ernst: Genau. Es gibt schon eine Schulung bei uns im Bereich der militärischen Ausbildung für Drohnenpiloten. Die Frage ist aber auch, muss man am Ende des Tages immer einen großen Drohnenführerschein haben?

Wenn ich die Generation Gen Z sehe, die damit aufwächst, Drohnen zu fliegen und damit umzugehen, glaube ich, müssen wir es noch unbürokratischer und einfacher machen. Und deswegen, ja, Scheine, Trainings sind richtig und wichtig, aber wir dürfen es auch nicht übertreiben.

Euronews: Ein weiteres großes Thema ist gerade die doppelte Freiwilligkeit. Da geht es darum, dass die Reservistenübungen eigentlich noch nicht verpflichtend sind und dass Arbeitgeber sich da teilweise querstellen. Wie geht es denn da voran?

Bastian Ernst: Ein Land mit über 80 Millionen Einwohnern muss es hinkriegen, 200.000 Reservisten zu beordern, auszustatten und in Übung zu halten.

Andere Länder, zum Beispiel die skandinavischen Länder, machen uns das vor, ohne dass die Wirtschaft zusammenbricht, ohne dass die Menschen in Scharen davonrennen. Ich glaube, die Bedenken der Wirtschaft sind ernst zu nehmen. Sie brauchen Planbarkeit, sie brauchen Verlässlichkeit.

Und mit dem Reservestärkungsgesetz kriegen sie genau das auch. Wir bekommen Zahlen, wie lange man üben muss, je nach Dienstzeit. Man hat die Freiwilligkeit, wenn man länger machen möchte. Und ich glaube, es ist ein planbares Modell. Vor allem geht es um die Sicherheit unseres Landes und unseres Bündnisses. Und daran haben die Arbeitgeber und die Wirtschaft natürlich auch ein Interesse.

Weil in einem sicheren Land und in einem sicheren Europa können sie natürlich auch wirtschaftlich handeln. Und deswegen sehe ich das eher positiv. Ich möchte die Diskussion auch von der positiven Seite her führen.

Menschen, die sich in der Reserve engagieren, sind Menschen, die sich in ihrer Freizeit dafür einsetzen, unser Land zu verteidigen, zumindest dafür zu üben. Sie übernehmen Führungsverantwortung. Und ich glaube, das ist auch einfach wichtig als Arbeitnehmer, wenn man wieder in der Firma ist.

Euronews: Reservisten sind ja auch eher dafür gedacht für den Heimatschutz und nicht für einen Einsatz an der NATO-Ostflanke. Wird das gut genug kommuniziert? Wenn potenzielle Reservisten, die jetzt auch zum Beispiel noch nicht mit der Bundeswehr zu tun haben, wissen würden, dass sie jetzt nicht, wenn man es mal so zugespitzt sagt, an die Ostfront geschickt werden, würde man da nicht mehr Leute anziehen?

Bastian Ernst: Also wir haben ja jetzt eine Diskussion, die wir zehn bis 15 Jahre gar nicht hatten. Also das ist ja nach dem Aussetzen der Wehrpflicht komplett unter den Tisch gefallen.

Wir haben die Einsätze in Mali, Afghanistan, die beiden großen. Und das war die Realität, die auch an den Frühstückstischen dieses Landes stattgefunden hat, wenn überhaupt noch. Und jetzt führen wir die Diskussion, ich sehe es in vielen Schulklassen, die mich besuchen, dass das Thema Wehrdienst und Verteidigung unserer Werte, unserer Freiheit wieder aktuell ist.

Und da gehört es auch dazu, dass man verweigern kann. Das ist ein wichtiger Punkt. Und ich glaube, es ist auch ein hohes Gut, dass man sagen kann, nein, ich will das nicht, aus gewissen Gründen.

Und dennoch brauchen wir eine Anzahl von Menschen, die sich dafür begeistern können, Dienste in der Bundeswehr zu tun, wie ich selber als Wehrpflichtiger, der das dann auch verlängert hat. Und wir müssen dafür werben, warum es wichtig ist, das zu tun. Es ist wichtig und richtig, es zu tun, weil es sich lohnt, für unser Land, für Europa zu kämpfen.

Ich bin auch aufgewachsen in Frieden und Freiheit. Das ist aber nicht selbstverständlich. Und deswegen müssen wir einen sinnstiftenden Dienst, zum Beispiel im Heimatschutz, wo man, wenn man einen Wehrdienst geleistet hat, sich dann zum Beispiel in seiner Region engagiert, um kritische Infrastruktur zu schützen oder andere Punkte in seinem regionalen Zusammenhang.

Ich glaube, das motiviert die Leute auch, weil sie verstehen können und weil sie den Zusammenhang sehen. Und es gibt natürlich auch freiwillige Übungen, die länger dauern. Aber das ist nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme.

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