Russland zählt zu den wenigen Profiteuren der Turbulenzen am Ölmarkt durch den Iran-Krieg. Doch das kompensiert die Schäden von Sanktionen und Isolation nicht, sagte die IWF-Chefin Euronews.
Nach zwei Jahren kräftigen Wachstums, angetrieben durch die Umstellung auf eine Kriegswirtschaft, gerät Russlands wirtschaftliche Lage nun ins Wanken, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgieva im Gespräch mit Euronews.
Und obwohl der IWF in seiner April-Prognose die Vorhersage für Russlands Wachstum im Jahr 2026 von 0,8 Prozent auf 1,1 Prozent anhob, zeige das Georgieva zufolge nicht das ganze Ausmaß der Schwäche.
"Die höheren Ölpreise verschaffen Russland eine Atempause", sagte Georgieva. Der Preisanstieg könne den insgesamt größeren Schaden für die russische Wirtschaft aber nicht wettmachen.
"Sie haben ihre Puffer dramatisch abgebaut", so Georgieva. Der zusätzliche Ölerlös scheine "eher in den Wiederaufbau dieser Puffer zu fließen, statt in zusätzliche Investitionen in die Wirtschaft".
"Das Wachstum hat sich deutlich verlangsamt. Wir rechnen jetzt mit ein Prozent. Vor dem Krieg lag ihr Potenzialwachstum bei ein Komma sechs Prozent", führte Georgieva aus.
Die IWF-Chefin betonte außerdem, dass man andere Wirtschaftsindikatoren einbeziehen müsse, um Russlands aktuelle Lage zu verstehen. "Die Inflation ist hoch. Das bedeutet, dass die Zinsen hoch sind, bei fast 15 Prozent."
Der IWF erwarte "keinen spürbaren Effekt in Richtung stärkerer Wachstumsdynamik in Russland", sagte Georgieva. "Es ist ein Land, dessen mittelfristige und langfristige Perspektiven sich deutlich verschlechtert haben."
Sie nannte drei Gründe dafür. Der erste ist der Verlust von Menschen. "Ein Land, das schon zuvor in einem demografischen Abwärtstrend steckte, hat nun aus einem schrecklichen Grund so viele junge Menschen verloren", erklärte Georgieva.
Der zweite Faktor sind die Sanktionen, insbesondere ihre "starke Wirkung im Technologiebereich". "Im russischen Öl- und Gassektor sehen wir enorme Probleme, weil es an technologischer Erneuerung fehlt. Das begrenzt die Fähigkeit des Sektors, zu wachsen", sagte sie.
Und drittens habe "Russland an Ansehen verloren". "Das führt zu vielen sichtbaren und weniger sichtbaren Verlusten. Man muss nur an die jungen Russinnen und Russen denken, die Beziehungen zu Europäern und anderen hätten aufbauen können, dies aber wegen des Krieges nicht getan haben", sagte Georgieva.
"Insgesamt kommt Russland stark angeschlagen aus dieser Entwicklung heraus", zog sie ihr Fazit.