Eine Mutter in Baden-Württemberg hat ihre 20 Monate alte Tochter im Auto vergessen, während sie zur Arbeit ging. Als sie nach dem Ende ihrer Schicht zurückkam, kam für das Kind jede Hilfe zu spät. Ist die Erklärung ein psychologisches Syndrom?
Die 44-jährige Mutter aus Baden-Württemberg war am Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit und wollte auf dem Weg dorthin ihre rund 20 Monate alte Tochter in einer Kinderkrippe abgeben.
Aus bislang ungeklärten Gründen fuhr sie jedoch direkt zu ihrem Arbeitsplatz, parkte ihr Auto und ließ das Kind im Fahrzeug zurück. Anschließend begann sie ihren Arbeitstag.
Erst kurz vor 15 Uhr kehrte sie zu ihrem Wagen zurück. Im Auto lag ihre Tochter, regungslos. Die Frau versuchte, so die Polizei, das Kind zu reanimieren, ebenso der hinzugerufene Notarzt und der Rettungsdienst. Vergeblich: Das Mädchen starb noch vor Ort.
Während der Stunden, in denen das Kind im Fahrzeug lag, stiegen die Außentemperaturen auf etwa 28 Grad Celsius. Schon bei Außentemperaturen von unter 30 Grad kann die Hitze im Fahrzeug für Kleinkinder lebensgefährlich werden. Ihr Körper erwärmt sich deutlich schneller als der von Erwachsenen, und sie können ihre Körpertemperatur weniger effektiv regulieren. Bei Temperaturen von rund 28 Grad kann sich der Innenraum eines geparkten Autos innerhalb einer Stunde auf mehr als 50 Grad Celsius aufheizen.
Im Juli 2022 geschah etwas Ähnliches in Frankreich: damals hatte ein Vater vergessen, sein Kind in der Kinderkrippe abzugeben und hatte es im Auto auf dem Firmenparkplatz zurückgelassen. Auch in diesem Fall starb das Kind.
Forgotten-Baby-Syndrom: US-Wissenschaftler forschte
Die Vorstellung, dass liebende Eltern ihr Kind versehentlich im Auto zurücklassen könnten, erscheint unvorstellbar.
Experten zufolge sind derartige Vorfälle eine seltene Ausnahme: Zwischen Eltern und kleinen Kindern besteht gewöhnlich eine besonders starke biologische und emotionale Bindung. Die Natur hat gewissermaßen ein Schutzprogramm eingebaut: Eltern sind darauf ausgerichtet, Gefahren für ihre Kinder früh wahrzunehmen und deren Sicherheit höchste Priorität einzuräumen.
Nach Ansicht des US-Psychologen David Diamond sind solche Tragödien häufig eher auf ein Versagen des Gedächtnisses als auf Vernachlässigung zurückzuführen.
Diamond, Professor für Psychologie und Neurowissenschaften, beschäftigt sich seit Jahren mit dem sogenannten "Forgotten-Baby-Syndrom". Seine Forschung legt nahe, dass das menschliche Gehirn auf zwei konkurrierende Gedächtnissysteme zurückgreift: ein gewohnheitsbasiertes System, das routinemäßige Handlungen steuert, und ein bewusstes Gedächtnissystem, das geplante Aktivitäten im Blick behält.
Unter Bedingungen wie Stress, Schlafmangel, Veränderungen im Tagesablauf oder Ablenkung kann das Gewohnheitssystem die Kontrolle übernehmen.
Stress kann zu Fehlfunktionen des Gehirns führen
In solchen Situationen kann ein Elternteil, der gewöhnlich direkt zur Arbeit fährt, der vertrauten Route folgen, obwohl eigentlich zuerst die Kita angesteuert werden sollte. Das Gehirn kann dabei eine falsche Erinnerung erzeugen, wonach das Kind bereits abgesetzt wurde. Die Folge: Die Eltern bemerken nicht, dass sich das Kind noch im Fahrzeug befindet.
Diamond betont, dass solche Vorfälle fürsorglichen und verantwortungsbewussten Eltern aller gesellschaftlichen Gruppen passieren können. Statt sie ausschließlich als Fälle von Fahrlässigkeit zu betrachten, sollten sie als seltene, aber mögliche Fehlleistungen des menschlichen Gedächtnisses verstanden werden.
Um das Risiko zu verringern, so Sicherheitsexperten, können Eltern beispielsweise ein Spielzeug, die Wickeltasche oder andere Babyutensilien gut sichtbar auf dem Beifahrersitz platzieren, um sich an das mitfahrende Kind zu erinnern. Zudem kann es hilfreich sein, persönliche Gegenstände wie das Handy, die Handtasche oder den Dienstausweis auf der Rückbank abzulegen. Dadurch wird man beim Aussteigen dazu veranlasst, noch einmal nach hinten zu schauen und das Kind nicht aus dem Blick zu verlieren. Auch Erinnerungsfunktionen, die den Fahrer bzw. die Fahrerin warnen, wenn sich noch ein Kind im Fahrzeug befindet, können helfen.
Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat inzwischen Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung aufgenommen. Zum derzeitigen Aufenthaltsort der Mutter und des Kindesvaters machten die Behörden keine Angaben. Um die genaue Todesursache zu klären, soll das Mädchen obduziert werden. Dabei soll untersucht werden, ob die hohen Temperaturen zum Tod beigetragen haben oder ob möglicherweise andere gesundheitliche Ursachen vorlagen.
Nach Angaben der Ermittler konnte die Mutter bislang nicht befragt werden. Sie wurde nach dem Fund ihrer Tochter zunächst ärztlich und seelsorgerisch versorgt.