Der Hohe Repräsentant der Vereinten Nationen (UN) für Bosnien Herzergowina, CSU-Politiker Christian Schmidt, verlässt Bosnien vorzeitig. Im Mittelpunkt stehen ein umstrittenes Pipelineprojekt, US-Einfluss auf dem Balkan und der Konflikt mit Separatistenführer Milorad Dodik.
Nach fünf Jahren hat CSU-Politiker Christian Schmidt entschieden, in Sarajewo vorzeitig seine Koffer zu packen. Der einstige Landwirtschaftsminister unter Angela Merkel legt sein Amt als Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina der Vereinten Nationen nieder. Ein machtvoller Posten in dem politisch instabilen Vielvölkerstaat, denn der Hohe Repräsentant kann etwa Gesetze erlassen oder Amtsträger entfernen.
Auslöser für Schmidts Abgang sei ein US-amerikanisches Pipeline-Projekt, erklärt der österreichische Politikwissenschaftler und Balkan-Experte Vedran Dzihic im Gespräch mit Euronews. Das US-Unternehmen "AAFS Infrastructure and Energy" plant, von einem kroatischen LNG-Terminal vor der Insel Krk aus eine Pipeline nach Bosnien zu bauen – ein lukratives Geschäft, denn aktuell bezieht der Balkanstaat sein Gas aus Russland.
Doch ab 2028 ist die Einfuhr russischen Gases in die EU verboten und damit auch für Bosnien als EU-Beitrittskandidat ein Problem. Dennoch lehnt die EU den Bau ab und versuchte zuletzt sogar, die Vergabe rückgängig zu machen. Zu intransparent sei das Prozedere gewesen, mit dem AAFS an das Projekt gekommen sei.
US-Unternehmen investiert 1,5 Milliarden US-Dollar (rund 1,3 Milliarden Euro)
Gegründet wurde das Unternehmen erst im November 2025, wie der britische Guardian berichtet hat. Vorerfahrung im Bau von Pipelines habe das Unternehmen nicht.
Auch Schmidt steht dem Bau der Pipeline durch die US-Amerikaner kritisch gegenüber. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen bemängelt er, dass die Pipeline zwar von der EU auf den Weg gebracht worden sei, um Bosnien unabhängiger von russischem Öl zu machen. Gleichzeitig hätte die "EU es nicht fertiggebracht", die Pipeline mit "europäischen Mitteln zu bauen". Stattdessen würde Bosnien nun auf die Amerikaner setzen.
2022 warnte Schmidt in einem Schreiben mögliche Investoren davor, dass in Bosnien niemand außer dem Staat über Staatsbesitz verfügen könne. Im Zweifelsfall droht der Verlust des Investments, zitiert die Zeit.
Geld steht viel auf dem Spiel: 1,5 Milliarden US-Dollar (etwa 1,3 Milliarden Euro) steckt AAFS in Bosnien, so dessen Geschäftsführer Amer Bekan zu Reuters. 300 Millionen US-Dollar davon (ca. 260 Millionen Euro) sollen in die Modernisierung der Flughäfen in Mostar und Sarajewo fließen.
Unternehmen mit Nähe zu US-Präsident Trump
Derzeit würden die USA versuchen, neue Energiemärkte zu erschließen, erklärt Dzihic. In Ost- und Südosteuropa würden sie sich als "Gasanbieter Nummer 1" etablieren wollen. In den vergangenen Monaten hätten die Vereinigten Staaten deswegen starken Druck auf Schmidt ausgeübt, so Dzihic weiter.
Wer genau hinter AAFS steckt, ist unklar. Vertreten wurde das Unternehmen bei Gesprächen in Sarajewo durch Jesse Binnall und Joe Flynn, wie der Guardian berichtete. Beide sind enge Vertraute von US-Präsident Donald Trump und standen ihm bei seinem Versuch, die US-Präsidentschaftswahl 2020 für nichtig erklären zu lassen, zur Seite.
Für den Pipeline-Bau bekommt AAFS im Balkanstaat Unterstützung von verschiedenen politischen Strömungen und Akteuren, darunter bosnische Kroaten sowie der bosnisch-serbische Separatist Milorad Dodik. Dodik war bis 2025 Präsident der serbischen Teilrepublik "Republika Srpska".
Dodik, der einst durch die USA sanktioniert wurde und der durch Trump von diesen Sanktionen befreit wurde, gilt heute als einer der größten Unterstützer des US-Präsidenten auf dem Balkan.
SS-Helm an UN-Repräsentant geschickt?
Für Dodik komme der Bau der Pipeline durch ein US-Unternehmen der Untergrabung der bosnischen Souveränität gleich, so Dzihic. Etwas, das auch Dzhic und seine Partei anstreben würden. Schließlich fordern sie eine Abspaltung der serbischen Teilrepublik von Bosnien.
"Er hält mich für seinen Hauptgegner", so Schmidt über Dodik zur Augsburger Allgemeinen. "Dodik hat erlebt, dass er mit seinen kriminellen Eskapaden nicht mehr durchgekommen ist. Er ist außer sich, weil ich Lücken im Strafrecht geschlossen habe." Einer von Dodiks Helfern hätte Schmidt sogar einen SS-Helm geschickt, um ihn zu beleidigen. Ein Problem, mit dem Schmidt sich mit dem Ende seines Amtes künftig wohl nicht mehr befassen muss.
Unklar ist, wer auf ihn folgen soll. Die USA wollen den Italiener und ehemaligen Botschafter in Russland und Serbien Antonio Zanardi Landi als Nachfolger Schmidts sehen. Deutschland, Frankreich sowie die EU-Kommission unterstützen René Troccaz, den Sondergesandten Frankreichs im Westbalkan. Eine Einigung ist bislang nicht in Sicht.