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Gefährliche Braunkohle: Bosnien-Herzegowina hat Probleme mit seiner verspäteten Energiewende

Gefährliche Braunkohle: Bosnien-Herzegowina hat Probleme mit seiner verspäteten Energiewende
Copyright  Euronews
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Von Hans von der Brelie
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Verzögert die viel zu spät eingeleitete Energiewende Bosnien-Herzegowinas den Beitritt zur Europäischen Union? Das Balkanland hat Probleme, sich von der Kohleverstromung zu lösen. Es fehlt an Entschwefelungsanlagen. Die Luftbelastung ist extrem. Die Folgen sind schwerwiegend: Krebs wegen Kohle?

Bosnien-Herzegowina ist immer noch abhängig von Kohleverbrennung. Schon vor Jahren hätte ein Strukturwandel eingeleitet werden können. Das wurde versäumt. Angesichts horrender Luftverschmutzung und zeitweiser Notabschaltungen besonders dreckiger Kraftswerksblöcke setzt langsam ein Umdenken ein.

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Bosnien-Herzegowina hat nun einen Plan zur Reform des Energiesektors erarbeitet. Die Frage stellt sich, warum so spät? Und: Wird die Energiewende auch umgesetzt oder bleibt sie ein Stück Papier?

Unsere Reise beginnt in Kakanj, einer Industriestadt im Herzen Bosnien-Herzegowinas. Zementfabrik, Wärmekraftwerk, Industrie – in Kakanj dreht sich alles um Braunkohle. Tausende Jobs hängen daran, direkte wie indirekte Arbeitsplätze. Wer durch das Stadtzentrum geht, sieht großformatige Wandgemälde mit Bergbaumotiven.

Tausende Arbeitsplätze hängen an der Kohle.
Tausende Arbeitsplätze hängen an der Kohle. Hans von der Brelie

Um und unter Kakanj liegt eine der größten Kohlereserven Europas. In der gesamten Region sollen angeblich bis zu 440 Millionen Tonnen Kohle schlummern.

Schon zur Zeit der ungarisch-österreichischen Doppelmonarchie wurde in Kakanj nach Kohle gegraben. Vor dem ersten Weltkrieg schufteten hier 5000 Bergleute. Heute sind es laut Zechenmanagement immerhin noch 1200 Menschen, die über und unter Tage ihr täglich Brot mit der Förderung von Braunkohle verdienen.

Der Braunkohletagebau von Kakanj
Der Braunkohletagebau von Kakanj Muamer Kolar

Mehr Kohle - mehr Schadstoffe

Es gab Jahre, da wurden in Kakanj weit über eine Million Tonnen Kohle aus der Erde geholt. Krieg und Krisen, fehlende Investitionen und Missmanagement ließen die Förderung einbrechen. Doch nun steigt die Produktion wieder. Von 700.000 Tonnen im vergangenen Jahr (2025) soll die Förderung in Kakanj in diesem Jahr auf 800.000 Tonnen hochgefahren werden. Und das, obwohl Braunkohle aufgrund ihres hohen Schwefelgehalts beim Verbrennen extrem viel Schadstoffe freisetzt.

Fossile Energieträger sind hauptverantwortlich für Erderwärmung und Klimakatastrophe. Das ist wissenschaftlicher Konsens und das weiß auch Omer Hrustić, Kohlekumpel in dritter Generation: “Als Gesellschaft müssen wir nach besseren Möglichkeiten für die Energieversorgung suchen", sagt Omer, der mich durch den Tagebau führt. "Und wenn es dann eines Tages soweit ist, müssen wir vorbereitet sein für die Wende. Aber im Moment sind wir noch davon abhängig, von unserer Kohle und von unserer Arbeit, unserer harten Arbeit!” Ein kurzes Schweigen entsteht.

Omer ist Bergmann in dritter Generation.
Omer ist Bergmann in dritter Generation. Hans von der Brelie
Als Gesellschaft müssen wir nach besseren Möglichkeiten für die Energieversorgung suchen.
Omer Hrustić
Bergmann in Kakanj

Omer ist ein netter Kerl, hat ein offenes, freundliches Lächeln. Bereitwillig erzählt er mir an diesem trüben Vorfrühlingstag von seinem Großvater, Onkel, Vater. "Alle männlichen Mitglieder meiner Familie haben in der Kohle gearbeitet, manche untertage, manche im Tagebau", berichtet er stolz. Einer seiner Großväter überlebte vor Jahren ein schweres Grubenunglück, bei dem viele Kollegen ihr Leben ließen. Und doch wird die Begeisterung für den Bergmannsberuf in Omers Familie weitergegeben, von Generation zu Generation.

Omer erinnert sich noch gut an seinen ersten Tag in dieser schwarzbraunen, steinigen Mondlandschaft. "Ein Onkel hat mich mitgenommen, mir alles gezeigt und erklärt", erzählt Omer. "Ich war damals noch ein Kind, habe Bauklötze gestaunt, weil die Maschinen so riesig waren, habe ihm jede Menge Fragen gestellt."

Der Tagebau Kakanj ist eine der wichtigsten Braunkohlezechen Bosnien-Herzegowinas.
Der Tagebau Kakanj ist eine der wichtigsten Braunkohlezechen Bosnien-Herzegowinas. Hans von der Brelie

Sein Onkel arbeitete als Bergbauingenieur. "Ständig war er dabei, etwas zu zeichnen oder auszurechnen, für mich als Kind war das total faszinierend", vergegenwärtigt Omer sich die damalige Szene, "ich liebte alles, was mit dem Bergbau zusammenhing." Der kleine Omer war hin und weg. Die Technikbegeisterung begleitet ihn seitdem durch sein Leben.

Dann auf einmal Stillstand

Die Einfahrt in den Tagebau ist eine Herausforderung an den Fahrer, am Vortag hat es geregnet, der Boden der improvisierten Wege ist schlammig, das Gefälle steil, die Kurven sind ein Kunststück - selbst für das solide Allradfahrzeug, in dem wir sitzen. Kurz stellen sich die Räder quer, drehen durch. Weg vom Gas, sachtes Nachsteuern, dann halten wir die Spur wieder. Uns kommt ein Monster-Truck entgegen, hoch wie ein Haus, schwer beladen mit vielen Tonnen Braunkohle.

"Würde mehr investiert, könnten wir das gesamte Design des Tagebaus viel besser und sicherer gestalten", meint Omer. Zwar wurden soeben neue Riesen-Kipper geordert, doch Omer sähe gerne auch mehr und modernere Planierraupen und schwere Walzmaschinen, um die kilometerlangen Zu- und Abfahrts-Erdstraßen im Tagebau zu verfestigen. Seine Wunschliste ist lang. Doch das Budget der Zeche für Neu-Investitionen bleibt gering. Also wird weitergebaggert mit veraltetem Gerät, zum Teil noch aus russischer Produktion.

Wir müssen halt unseren Lohn verdienen.
Omer Hrustić
Bergmann in Kakanj

Das Land ist weit und wüst, bis an den Horizont erstrecken sich zerklüftete Wellen durchwühlten Gesteins. Omer lässt seinen Blick über die von unzähligen Baggerschaufeln angenagte Erdkruste, steile Schrunden und Abraumhalden schweifen, verfolgt mit den Augen das emsige Auf und Ab des Schwerlastkipper-Balletts. Mühsam quälen sich die gelben Mega-Laster auf den engen Pfaden durch das schwarzgraue Tagebaulabyrinth.

Muldenkipper im Tagebau Kakanj.
Muldenkipper im Tagebau Kakanj. Muamer Kolar

Als das gut eingespielte Hin und Her der gigantischen Metallmonster an einer Weggabelung mit Gefälle auf einmal ins Stocken gerät, greift Omer sofort zum Funkgerät, geht zügigen Schritts zu den Fahrern, gibt einige knappe Anweisungen. "Die besten Muldenkipper nützen nichts, wenn die Wege nicht gut sind", seufzt Omer. Mittlerweile stehen mehrere Riesenkipper hintereinander, kommen nicht weiter.

Nach einigem Rücksetzen und Rangieren unter Omers Aufsicht geht es weiter im Takt - und Omer lässt durchblicken, dass er und seine Teams vor Ort hier draußen im Tagebau gewaltig unter Druck stehen. Die Produktion soll ja gesteigert werden. Das Management hat es so entschieden. Die hungrigen Kohlekraftwerke überall im Land wollen gefüttert, die Verluste sollen klein gehalten werden. "Vielleicht malochen wir hier mit etwas zu viel Eile", meint Omer, "na ja, aber wir müssen halt unseren Lohn verdienen."

Es gibt Berufe mit besseren Aussichten

Auf die Frage, ob er auch der nächsten Generation die Arbeit im Kohletagebau empfehlen würde, zögert Omer merklich mit der Antwort. Dann ringt er sich zu einem "Nein!" durch. "Es gibt bessere Berufe, die Jugendliche heutzutage lernen sollten und können."

Und doch, Omers Kindheitsliebe zur Kohle ist geblieben: "Ich hätte auch Elektroingenieur werden können, ich hatte viele Optionen bei meiner Berufsentscheidung. Doch ich wollte die Bergbau-Familientradition fortführen - und vor allem, ich liebe diese Art Arbeit, es ist jeden Tag aufs Neue aufregend, immer geschieht etwas anderes hier draußen."

Schuldenberg und Umweltdisaster

Der Staat Bosnien-Herzegowina besteht aus zwei Landesteilen, der bosnisch-kroatischen "Föderation BiH" und der überwiegend serbisch bewohnten "Republika Srpska". In der Föderation BiH gibt es sieben staatliche Kohlezechen, in der Republika Srpska existieren zwei große Zechen (und mehrere kleine).

Die Schuldenberge hier wie dort sind gigantisch, die Rede ist von dreistelligen Millionenbeträgen - lauter Miese! Es fehlt an Geld für Maschinen und Modernisierung. Hinzu kommen in der Republika Srpska undurchsichtige Kohle-Deals der dortigen Regionalregierung mit russischen Oligarchen. Mafiöse Verflechtungen, Finanzdisaster plus Umweltprobleme: Warum immer weitergraben statt aus der Kohle aussteigen?

Wir dürfen die Zukunft unserer Zechen nicht in Frage stellen.
Iso Delibašić
Bergwerksdirektor von Kakanj

Die Frage lege ich Iso Delibašić vor, dem Direktor der Kohlezeche Kakanj (in der Föderation BiH gelegen). Er verteidigt den Braunkohleabbau: “Bosnien-Herzegowina hat immer noch einen großen Energiemangel. Deshalb sollte die Zukunft unserer Zechen nicht in Frage gestellt werden. Wir sollten unsere geologischen Kohlevorkommen in alle unsere Überlegungen mit einbeziehen.”

Kohleabbau in Kakanj
Kohleabbau in Kakanj Muamer Kolar

Die Reserven könnten noch 40 oder 50 Jahre reichen, meint Delibašić. Braunkohleabbau bis 2076? Im Ernst jetzt? Sollte man die Braunkohle angesichts der sich zuspitzenden Klimakrise nicht besser im Boden lassen? Delibašić lächelt nur, als er gefragt wird, ob er für Erderwärmung und Klimakatastrophe eine Mitverantwortung trage. Nach einer kurzen Denkpause findet er dann doch noch eine Antwort: Er erledige ja nur seinen Job, und das sei halt nun einmal die Kohleförderung.

Noch 50 Jahre Arbeit für die Bergleute.
Iso Delibašić
Direktor der Kohlezeche Kakanj

"Und überhaupt", so Delibašić, "sind wir der Auffassung, dass eine Energiewende, so sie denn kommen sollte, wirtschaftlich und sozial gerecht ausgestaltet sein muss. Unsere Gemeinschaft braucht Stabilität, unsere Familien brauchen Stabilität, unsere Bergleute brauchen Stabilität."

Bergwerksdirektor Iso Delibašić im Gespräch mit Euronewsreporter Hans von der Brelie.
Bergwerksdirektor Iso Delibašić im Gespräch mit Euronewsreporter Hans von der Brelie. Muamer Kolar

Dann breitet er sein Zahlenmaterial vor mir aus. "Die Untertagereserven liegen bei 13 Millionen Tonnen, dort fördern wir 300.000 Tonnen Kohle pro Jahr - und haben genug Arbeit für 30 bis 40 Jahre allein dort. Im Tagebau Vrtlište liegen noch 33 Millionen Tonnen Braunkohle, bei einer Jahresproduktion zwischen 600.000 und 800.000 Tonnen reicht dort die Arbeit noch 40 bis 50 Jahre. Dann haben wir in meinem Verantwortungsbereich noch einen dritten Standort, den wir zwar erkundet, aber noch nicht aufgeschlossen haben, dort liegen etwa 22 Millionen Tonnen, also ebenfalls 40 bis 50 Jahre Arbeit für unsere Bergleute!"

Wann ist Schluss mit Kohle?

Der Zechendirektor erinnert an die historischen Anfänge. 1902 begann der Abbau der Kakanj-Kohle. "Und wann endet er, in welchem Jahr?", insistiere ich. Delibašić räumt ein, dass es von Regierungsseite einen Plan zum Auslaufen der Kohleförderung gibt, in dem von 2050 die Rede ist, "aber exakt und mit Bestimmtheit möchte ich mich nicht auf dieses Datum festlegen", betont der Kohleboss von Kakanj. Und abschließend: "Ich hoffe jedenfalls, dass wir bis dahin und auch darüber hinaus Bergbau betreiben, unserer Gemeinschaft hier eine Stütze sein werden und die Föderation BiH mit Energie versorgen."

Unser Drohnenpilot Muamer ist zufrieden mit seinen Aufnahmen und packt sein Fluggerät wieder ein. Ich säubere kurz mein Kamerastativ vom Kohlestaub, meine soliden Wanderschuhe vom Schlamm der Zeche, räume den Euronews-Bauhelm auf den Rücksitz. Die Smartphones dürfen an die Powerbank im Rucksack. Ein großer Schluck aus der Wasserflasche. Dann geht es geht weiter zur nächsten Verabredung, die uns Asim, mein Kollege aus Sarajewo, organisiert hat.

Das Kohlekraftwerk von Kakanj
Das Kohlekraftwerk von Kakanj Muamer Kolar

Fast direkt neben dem Tagebau steht das Kohlekraftwerk Kakanj. Der rot-weiß geringelte Schornstein ist so hoch wie der Eiffelturm in Paris – und bläst gigantische Mengen Schadstoffe und CO2 in die Luft, wie auch die anderen ungefilterten Kohlekraftwerke im Land. Wie will Bosnien-Herzegowina so klimaneutral werden bis 2050?

Bosnien-Herzegowinas Abhängigkeit von umweltschädlicher Braunkohle lässt es fraglich erscheinen, ob das Land es schafft, bis 2050 klimaneutral zu werden.
Bosnien-Herzegowinas Abhängigkeit von umweltschädlicher Braunkohle lässt es fraglich erscheinen, ob das Land es schafft, bis 2050 klimaneutral zu werden. Hans von der Brelie

Beim Westbalkangipfel in Sofia hat sich auch Bosnien-Herzegowina diesem Ziel der Klimaneutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts verpflichtet. Denn das Land gehört zur europäischen Energiegemeinschaft, einer internationalen Organisation mit Sitz in Wien, in der Europäische Union und EU-Beitrittskandidaten und einige Nachbarländer gemeinsam verbindliche Regeln für den Energiemarkt erarbeiten.

Euronewsreporter Hans von der Brelie unterwegs im Kohlekraftwerk Kakanj.
Euronewsreporter Hans von der Brelie unterwegs im Kohlekraftwerk Kakanj. Muamer Kolar

Restlaufzeiten sind längst überschritten

Aber Bosnien-Herzegowina hält sich nicht daran. Manche Kraftwerksblöcke stammen aus den 70er Jahren. Die vereinbarten Restlaufzeiten sind längst überschritten. Es fehlt an modernen Filtern.

Doch viele Uralt-Meiler laufen einfach weiter. Eines der Argumente für die behördlicherseits immer wieder verlängerten Sondergenehmigungen: Die Versorgung der Stadt Kakanj mit Fernwärme müsse aufrecht erhalten bleiben. Das stimmt zwar, allerdings könnte man das auch ohne Kohle organisieren, die Palette technischer Lösungsoptionen für dieses Problem ist weit gefächert. Es fehlte bislang eher an politischem Willen, die Energiewende energisch anzugehen.

Das Kohlekraftwerk versorgt die Stadt Kakanj auch mit Fernwärme.
Das Kohlekraftwerk versorgt die Stadt Kakanj auch mit Fernwärme. Hans von der Brelie

Bosnien-Herzegowinas veraltete Kohlekraftwerke emittieren weit über 200.000 Tonnen Schwefeldioxid pro Jahr, elfmal mehr als erlaubt. Ähnliches gilt für Serbien, Nordmazedonien und andere Balkanländer.

Bankwatch, ein Zusammenschluss regionaler Nichtregierungsorganisationen, beobachtet die Entwicklung seit Jahren im Detail – und stellt den Westbalkanstaaten verheerende Zeugnisse aus.

Die allermeisten Kohlekraftwerke in Bosnien-Herzegowina sind völlig überaltert und in einem schlechten Zustand.
Die allermeisten Kohlekraftwerke in Bosnien-Herzegowina sind völlig überaltert und in einem schlechten Zustand. Hans von der Brelie

Der jüngste Bankwatch-Bericht "Comply or Close" (was man in etwa mit "Sich an die Regeln halten oder schließen" übersetzen könnte) aus dem Jahr 2025 ist ein Alarmruf. Wobei angemerkt werden muss, dass es sich hierbei nicht um theoretisches Gerede militanter Aktivisten handelt, sondern um knallharte technische Fakten und Zahlen, systematisch und mit wissenschaftlicher Akribie über Jahre hinweg gesammelt, ergänzt, überprüft und mit Sachverstand analysiert.

In Kakanj bereiten unter anderem Block 5 und 7 Probleme. Direktor Adem Lujnović schiebt die Schuld zunächst auf Wind und Wetter: “Wenn eine Inversionswetterlage aufkommt, haben wir hier in Kakanj sofort mit hoher Luftverschmutzung zu kämpfen. Das geschieht sowohl im Winter als auch im Sommer, immer dann, wenn wir stabile Wetterbedingungen und hohen Luftdruck haben.”

Kraftwerksdirektor Adem Lujnović erklärt die regelmäßigen Luftverschmutzungen mit Wind und Wetter.
Kraftwerksdirektor Adem Lujnović erklärt die regelmäßigen Luftverschmutzungen mit Wind und Wetter. Muamer Kolar

Verfehlte Energiepolitik

Der Länderbericht 2025 der Europäischen Kommission kritisiert die verfehlte Energiepolitik des Landes aufs Schärfste. Auch das ist kein Novum, eher so etwas wie eine tibetanische Gebetsmühle. Und die europäische Energiegemeinschaft in Wien? Deren Sekretariat (also das Leitungsgremium der Energiegemeinschaft) hat mehrere Vertragsverletzungsverfahren gegen Bosnien-Herzegowina eingeleitet.

Es war nicht rentabel umzustellen, Kohle war eben billiger.
Adem Lujnović
Kraftwerksdirektor von Kakanj

Warum also sind die alten Blöcke nicht längst abgeschaltet, warum wurde nicht rechtzeitig gehandelt, will ich von Kraftwerksdirektor Adem Lujnović wissen.

Man habe bereits „in den vergangenen Jahrzehnten“ gelegentlich überlegt, das Kohlekraftwerk Kakanj auf Erdgas umzustellen, verteidigt sich dieser. „Im Jahr 2010 haben wir sogar eine Studie durchgeführt, aber die Gaspreise waren damals höher und es war nicht rentabel. Die Kohle war eben billiger.”

Die Modernisierung der Kohlekraftwerke wurde jahrelang hinausgeschoben - auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.
Die Modernisierung der Kohlekraftwerke wurde jahrelang hinausgeschoben - auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung. Hans von der Brelie

Luftschmutzalarm

Kohle war billiger. Doch die Menschen bezahlen einen hohen Preis: mit ihrer Gesundheit. Edina Dogdibegović lebt in Doboj, dem Industrieviertel von Kakanj. Zusammen mit Nachbarn hat sie eine informelle Gruppe gebildet, “Für saubere Luft”.

3000 Mitglieder hat die Gruppe bereits. Hier im Viertel stehen, eingeklemmt zwischen Kraftwerk und Zementfabrik, schmucke Familienhäuser mit großen Gärten, eine hübsche Moschee, es riecht leicht nach Schwefel, ein Hahn kräht.

3000 Mikrogramm Schwefeldioxid, das ist weit über dem Grenzwert.
Edina Dogdibegovićs

“Das Hauptproblem ist natürlich die Luftverschmutzung”, seufzt Edina. “Generell gesehen ist das Kraftwerk der Hauptverursacher. Im Jahr verbrennt es fast zwei Millionen Tonnen Kohle.”

Hauptproblem ist die Luftverschmutzung durch das Kohlekraftwerk Kakanj.
Hauptproblem ist die Luftverschmutzung durch das Kohlekraftwerk Kakanj. Hans von der Brelie

Sommers wie winters gibt es, das Wortspiel sei erlaubt, Luftschmutzalarm: “Im Januar hatten wir einen Luftqualitäts-Index von 9-9-5, das ist sehr gefährlich. 2000 Mikrogramm Schwefeldioxid pro Kubikmeter! Manchmal gibt es Spitzen von 3000 Mikrogramm Schwefeldioxid! Das ist weit über dem noch zulässigen Grenzwert und eine sehr, sehr gefährliche Situation.”

Auf der anderen Seite des Wohnviertels liegt eine Zementfabrik. Auch dort werde an moderner Filtertechnik gespart, sagt Edina. Sie arbeitet in einer benachbarten Großstadt in einem Stahlwerk und verfügt über technisches Fachwissen, kennt sich aus mit unterschiedlichen Industriefiltermodellen. In komplexe Produktionsabläufe, internationale Normen und Umweltschutzbedingungen hat sie sich monatelang eingearbeitet. Die Frau weiß, von was sie spricht.

Die Zementfabrik von Kakanj
Die Zementfabrik von Kakanj Muamer Kolar

Drei Monate dreckige Luft

"Im vergangenen Sommer gab es ein riesiges Problem mit dem Kohlekraftwerk", berichtet Edina Dogdibegović, während sie mir auf einem Spaziergang die Nachbarschaft zeigt.

"Es gab Bauarbeiten an dem 300-Meter-Schornstein, so dass alle Abgase durch einen niedrigeren Ersatzschornstein gingen, der nur 100 Meter hoch ist. In Folge hatte wir im Juli und August derart hohe Luftverschmutzungswerte, dass wir kaum noch atmen konnten, 3000 Mikrogramm SO2 pro Kubikmeter."

Bauarbeiten am Schornstein führten zu wochenlangen Extrememissionen.
Bauarbeiten am Schornstein führten zu wochenlangen Extrememissionen. Muamer Kolar

"Und was taten die Behörden?", will ich von meiner Gesprächspartnerin wissen. Edina Dogdibegovićs Stimme schwankt zwischen Empörung und Resignation: "Wir sind wohl das einzige Land in der Welt, das auf einen derartigen Zwischenfall allein damit reagiert, offiziell mit dem Hinweis zu beschwichtigen, dass diese Ausnahmesituation in Anführungszeichen nur drei Monate dauern würde und dass man eben möglichst die Fenster geschlossen halten solle."

Zur Jahreswende 2025/2026 wiederholte sich das Extremschmutzereignis. Menschen mit Erkrankungen, Schwangeren und Kindern wurde empfohlen, sich möglichst wenig im Freien aufzuhalten.

Euronewsreporter Hans von der Brelie im Gespräch mit Edina Dogdibegović
Euronewsreporter Hans von der Brelie im Gespräch mit Edina Dogdibegović Muamer Kolar
Fast jeder zweite Haushalt hat jemanden, der an Krebs erkrankt ist.
Edina Dogdibegović
Bewohnerin von Kakanj

Die Anwohner haben die Nase voll von Schadstoffen, mehrere Tausend unterstützen Edinas Nachbarschaftsinitiative. Es sorgt für Unruhe, dass sich Krebsfälle zu häufen scheinen. “Fast jeder zweite Haushalt hier hat jemanden, der an Krebs erkrankt ist”, berichtet Edina.

Auch andere Atemwegserkrankungen seien weit verbreitet, manche Kinder trügen Mundmasken oder bräuchten Asthmamedikamente. Man verzeichne eine Zunahme von Herzkreislauferkrankungen, auch dies eine Folge der jahrelangen Intensivverschmutzung der alltäglichen Atemluft, so Edina.

In Edinas Nachbarschaft ist in jedem zweiten Haushalt jemand an Krebs erkrankt.
In Edinas Nachbarschaft ist in jedem zweiten Haushalt jemand an Krebs erkrankt. Muamer Kolar

Arsen und Blei in Rotkohl und Lauch

Sie zeigt auf die prallen Kohlköpfe und Lauchstangen in einem Garten: “Analysen eines renommierten Forschungsinstitutes haben extrem hohe Konzentrationen an Arsen, Cadmium und Blei nachgewiesen. Ich empfehle den Menschen hier, das Gemüse nicht zu verwenden.”

Giftiges Gemüse im Garten
Giftiges Gemüse im Garten Muamer Kolar

Mit Bitternis in der Stimme fügt Edina leise hinzu: "Es gibt keine ausreichenden Inspektionen. Die Regierung schützt uns nicht. Die Regierung schützt die Zementfabrik und das Kohlekraftwerk statt uns..."

Die Regierung schützt uns nicht.
Edina Dogdibegovićs
Lebt in Kakanj

Die Anlieger haben Angst. Vor Giftgemüse, schädlicher Luft und tödlichem Krebs. Aber stimmt das auch alles? Im Krankenhaus von Kakanj treffen wir eine Koryphäe für Atemwegserkrankungen. Senka Balorda ist eine der bekanntesten Medizinerinnen Bosnien-Herzegowinas.

Senka Balorda ist eine Koryphäe für Atemwegserkrankungen.
Senka Balorda ist eine Koryphäe für Atemwegserkrankungen. Hans von der Brelie

3000 vorzeitige Todesfälle im Jahr

Europäische Umweltagentur und Weltbank warnen unisono: Die hohe Luftverschmutzung in Bosnien-Herzegowina ist verantwortlich für weit über 3000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr. Umgelegt auf die Bevölkerungszahl ist das ein Europarekord. Doktor Senka Balorda bestätigt: Ja, auch Kakanj hat “ein großes Problem”.

Balorda weist darauf hin, dass es keine offiziellen regionalen oder landesweiten Krebsstatistiken gibt, die belastbar wären. Zwar weiß sie, wieviele Patienten in Ihrer Abteilung landen: “Der Jahresbericht 2025 verzeichnet unter den 35.000 Einwohnern von Kakanj 223 Krebspatienten.” Doch sei die Dunkelziffer hoch, manche Menschen seien anderswo in Behandlung – oder fehlten aus anderen Gründen in der Statistik.

Krebs ist nur ein Aspekt. Balorda betont, dass sich mehrere Atemwegserkrankungen in der Region häufen. Gerade für Kinder sei die verschmutzte Luft schlecht. Doch Atembeschwerden seien in allen Alters- und Berufsgruppen zu beobachten.

Gibt es eine Verbindung zwischen der Kohle, Krebs und anderen Krankheiten? Balorda zeigt auf ein Röntgenbild der Lunge: “Die Partikel, die wir einatmen, gelangen über die Luftröhre und die großen Bronchien zu den kleinen Bronchien und schließlich zu den kleinen und weit verzweigten Wegen der kleinsten Lungenbläschen in der Lunge.”

Luftverschmutzung ist verantwortlich für Lungenkrebs.
Doktor Senka Balorda
Koryphäe für Atemwegserkrankungen

Kann Luftverschmutzung tatsächlich töten? “Natürlich”, sagt Balorda, “ich habe sieben Patienten ins Krankenhaus von Tešanj überwiesen. Alle sieben Patienten sind verstorben. Luftverschmutzung ist eine direkte Ursache für Lungenkrebs.”

Luftverschmutzung kann tödlich sein, auf den Röntgenbildern der Lunge ist es zu sehen.
Luftverschmutzung kann tödlich sein, auf den Röntgenbildern der Lunge ist es zu sehen. Hans von der Brelie

Feinstaub (auch) hausgemacht

Überall im Land heizen und kochen die Menschen mit Kohle und Holz. Die hohe Feinstaubbelastung ist zumindest teilweise “hausgemacht”. Dafür liegen offizielle Zahlen und Statistiken vor.

In der Bergbaustadt Kakanj beispielsweise verwendet jeder zweite Privathaushalt Kohle. Jeder dritte verfeuert Holz, der Rest Pellets. Das ist vor allem im Winter die Sockelverschmutzung. Obendrauf kommt der Dreck aus Industrie und Kohlekraftwerk.

Die allermeisten Haushalte in Bosnien-Herzegowina kochen und heizen mit Kohle oder Holz.
Die allermeisten Haushalte in Bosnien-Herzegowina kochen und heizen mit Kohle oder Holz. Muamer Kolar

Direkt neben der Zentralmoschee von Kakanj steht eine moderne Messstation. Verschiedene Luftfilter sind darauf installiert. Im Kanton Zenica-Doboj, zu dem Kakanj gehört, hat das Institut Kemal Kapetanović neun derartige Kontrollpunkte eingerichtet. Zu diesen Messhäuschen kommen noch zwei mobile Messwagen, die je nach Wind, Wetter- und Problemlage mal hier, mal dort Halt machen.

Halim Prcanović ist Institutsmitarbeiter und kennt sich aus mit dreckiger Luft. Unlängt nahm der Wissenschaftler an einem internationalen Kongress in London teil. Forschungsergebnisse belegen: Smog tötet. Die Briten wissen aus historischer Erfahrung, von was hier die Rede ist, der Londoner Smog war im vergangenen Jahrhundert einer der gefährlichsten Großstadtkiller.

Halim Prcanović arbeitet und forscht am Institut Kemal Kapetanović in Zenica.
Halim Prcanović arbeitet und forscht am Institut Kemal Kapetanović in Zenica. Muamer Kolar

An der Wäscheleine hängen tiefschwarze Filter

Und was ist mit dem Smog über Kakanj? Halim Prcanović ist besorgt: „Im vergangenen und auch in diesem Jahr weist Kakanj eine sehr hohe Konzentration an Schwefeldioxid und Feinstaub PM10 auf.” Quer über seine Stirn haben sich tiefe Falten eingegraben.

"Wow", macht sich Muamer bemerkbar, unser Drohnenpilot und zweiter Kameramann. Während ich mit Prcanović diskutierte, hat er sich im Labor umgesehen. "Komm mal her, ich habe da was entdeckt!"

In einem Nebenraum hängen an einer Wäscheleine unzählige runde Filtereinsätze, soeben frisch eingesammelt von den Messstationen überall im Kanton. Die ursprünglich weißen Filtereinsätze sind tiefschwarz: Feinstaub, Kohledreck, Industrieschmutz.

Die Filter aus den Messstationen sind schwarz.
Die Filter aus den Messstationen sind schwarz. Muamer Kolar

Auch Halim Prcanović und das Institut Kemal Kapetanović betonen das Problem mit den privaten Kohle- und Holzöfen. Mit einem Kredit der Weltbank fördern die Behörden jetzt die Umstellung: Privathaushalte sollen auf Kohle verzichten. Doch das Programm kommt nur schleppend voran. Kein Wunder, Braunkohle ist relativ billig und liegt sozusagen vor der Haustüre.

Wissenschaftlich bewiesen: dicke Luft über Kakanj

Und was ist mit dem Kohlekraftwerk? „Das Wärmekraftwerk hat einen 300 Meter hohen Schornstein, der ein sehr großes Gebiet verschmutzt”, sagt Prcanović. Er öffnet ein Computerprogramm. Das Diagramm zeigt im Detail wann es dicke Luft gab.

Prcanović zeigt mit dem Finger auf eine wild gezackte Linie: “Sehen Sie diese Schwefeldioxidspitzen in Kakanj? Sie stammen größtenteils aus dem Schornstein des Wärmekraftwerks. Das ist die einzige Quelle, die diese hohen Spitzenwerte verursachen kann.”

Halim Prcanović zeigt Euronews die aktuellen Emissionswerte und die sehen gar nicht gut aus.
Halim Prcanović zeigt Euronews die aktuellen Emissionswerte und die sehen gar nicht gut aus. Hans von der Brelie
Kakanj liegt immer über dem Jahresgrenzwert.
Halim Prcanović
Wissenschaftler am Institut Kemal Kapetanović

Prcanović kennt seine Zahlen: “Die Spitzenwerte können bis zu 3000 Mikrogramm pro Kubikmeter betragen. Der Jahresgrenzwert liegt bei 50. In Kakanj liegen wir also immer über dem Jahresgrenzwert!”

Prcanović weiter: “Ich weiß, dass das Kohlekraftwerk etwa 70.000 Tonnen Schwefeldioxid pro Jahr ausstößt. Die Betreiber müssen diese Emissionen auf etwa 1.500 Tonnen jährlich senken. Da sehen Sie, um wie viel der Grenzwert derzeit überschritten wird!”

Und was sagt der Bürgermeister?

Was meint der Bürgermeister von Kakanj zu all dem? Wie lautet seine Empfehlung? Sollte das Kohlekraftwerk schließen, Kakanj aus der Kohle aussteigen? Sollten Stadt und Betriebe ein anderes Energiemodell entwickeln?

Mirnes Bajtarević verweist auf die vielen Arbeitsplätze, die an der Kohle hängen: “Wenn Sie mich fragen, ob ich derzeit für die Schließung des Kohlebergwerks bin, kann ich das leider nicht bejahen, da das Leben in dieser Stadt von diesen Industriezentren abhängt. Ich bin dafür, dass wir weiterhin hier leben und arbeiten.”

Mirnes Bajtarević ist seit vielen Jahren Bürgermeister von Kakanj.
Mirnes Bajtarević ist seit vielen Jahren Bürgermeister von Kakanj. Muamer Kolar
Ich kann eine Schließung nicht bejahen.
Mirnes Bajtarević
Bürgermeister von Kakanj

Aber auch saubere Luft sei ihm “ein großes Anliegen”, schiebt Bajtarević schnell nach. Und verweist darauf, dass wichtige Entscheidungen zur Energiepolitik anderswo getroffen würden.

“Unser Ziel ist es", so Bajtarević, "sozusagen Druck auf die höheren Behörden auszuüben, damit sie alle in den Umweltgenehmigungen vorgeschriebenen Maßnahmen ergreifen. Und ich erwarte, dass kluge Pläne entwickelt werden, damit Menschen, die jahrelang in diesen Industriezentren gearbeitet haben, nicht nur eine anonyme Nummer auf dem Arbeitsamt sind.”

Nicht nur eine Nummer auf dem Arbeitsamt.
Mirnes Bajtarević
Bürgermeister von Kakanj

Zum Jahresende war die Luft über Kakanj so schlecht, dass der Bürgermeister zum lokalen Krisengipfel bat. Mehrere Kraftwerksblöcke wurden zeitweise abgeschaltet. Mit Jahren Verspätung wird jetzt auch eine Entschwefelungsanlage gebaut.

Nach einem lokalen Krisengipfel wurden temporäre Notabschaltungen mehrerer Kraftwerksblöcke beschlossen.
Nach einem lokalen Krisengipfel wurden temporäre Notabschaltungen mehrerer Kraftwerksblöcke beschlossen. Hans von der Brelie

Jetzt kommt endlich die Entschwefelungsanlage

Kraftwerksdirektor Adem Lujnović präzisiert Euronews gegenüber seinen aktuellen Zeitplan: „Der Plan sieht vor, diese Entschwefelungsanlage bis Ende 2027 in Betrieb zu nehmen. Diese Anlage wird in der Lage sein, rund 1,5 Millionen Kubikmeter Gase zu reinigen. Derzeit haben wir eine Schwefeldioxidkonzentration von mehr als 8000 Milligramm pro Kubikmeter. Nach der Entschwefelung wird diese Konzentration nicht mehr als 150 Milligramm pro Kubikmeter betragen. Auf diese Weise würden wir Anfang 2028 die Emissionsgrenzwerte der Europäischen Union einhalten.”

Anfang 2028 können wir die Emissionsgrenzwerte der Europäischen Union einhalten.
Adem Lujnović
Kohlekraftwerksdirektor von Kakanj

Lujnović lädt mich ein zu einem Gang durch die riesige Anlage. Wir laufen durch ein weitverzweigtes Labyrinth, dumpfes Dröhnen aus Druckleitungen ist zu hören, es zischt, Dampfwolken legen einen dantesken Dunstschleier über die Industrielandschaft. Ich sehe verrostete Rohrleitungen, zerfetztes Isoliermaterial, Abfallhaufen, defektes Material, ausrangierte Module. Dem Werk ist die Last der Jahrzehnte anzumerken.

Rohrleitungen im Kraftwerk Kakanj
Rohrleitungen im Kraftwerk Kakanj Hans von der Brelie

Zeitplan für Abschalttermine: 2027, 2035 und 2050

Direkte Frage an den Kraftwerksdirektor: Wann werden zumindest die schmutzigsten Kraftwerksblöcke abgeschaltet? „Block 5 wird 2027 außer Betrieb genommen”, sagt Lujnović. “Block 6 im Jahr 2035. Und Block 7 wird bis zum Ende der Übergangsphase weiterbetrieben, also bis etwa 2045–2050, abhängig von den Bedingungen zu diesem Zeitpunkt.”

Block 5 soll 2027 abgeschaltet werden.
Block 5 soll 2027 abgeschaltet werden. Muamer Kolar

Und woher werden dann Energie, Strom und Heizwärme kommen? Lujnović führt mich zu einem leeren Platz zwischen den Kraftwerksblöcken: „Das ist der Bereich, wo unsere erste mit Erdgas betriebene Anlage gebaut werden soll. Unsere Zukunft sieht so aus, dass dieses Wärmekraftwerk auch in den kommenden Jahrzehnten weiter betrieben werden wird, allerdings dann nicht mehr mit Kohle, sondern mit einer Mischung aus Erdgas und Wasserstoff als Brennstoff.”

Kritiker - unter ihnen beispielsweise die Energie-Experten von Bankwatch - beobachten diese sich verstetigende Tendenz hin zu Gaskraftwerken als "Brückentechnologie" mit Argwohn und Unbehagen. Hier werde von einem fossilen Energieträger - Kohle - lediglich auf einen anderen fossilen Energieträger - Erdgas - umgesattelt. Es entstünden neue Abhängigkeiten und es komme zu massiven Fehlallokationen knapper Investitionsmittel. Kurz und gut: Warum nicht gleich massiv die Erneuerbaren (und das dazu benötigte Stromnetz) ausbauen?

Die Dekarbonisierung soll bis 2050 abgeschlossen sein.
Adem Lujnović
Kraftwerksdirektor von Kakanj

Wie sieht sie aus, die Vision des Kraftwerksdirektors für das Jahr 2050? “Die Dekarbonisierung und der Ausstieg aus der Kohle sollen bis 2050 abgeschlossen sein”, legt sich Adem Lujnović fest. “Das bedeutet, dass im Kraftwerk Kakanj rund 100 Jahre lang Kohle verwendet wurde. Es muss ein Umdenken stattfinden, das ist der Schlüssel.”

Rost im Kohlekraftwerk Kakanj.
Rost im Kohlekraftwerk Kakanj. Hans von der Brelie

Unser Drohnenpilot Muamer holt sein Fluggerät vom Himmel über Kakanj zurück. Er freut sich, die Aufnahmen sind ihm gelungen. So eine Riesenanlage sieht aus der Vogelperspektive beeindruckend aus - auch wenn seine Drohne zwischendurch von einem Schwarm aufgeregter Tauben verfolgt wurde.

Interview mit dem Energieminister

Wir fahren nach Sarajewo. Auch über der Hauptstadt liegt dicke Luft. Ich habe einen Interviewtermin beim regionalen Energieminister der Föderation BiH, Vedran Lakić. Bosnien-Herzegowina möchte Mitglied der Europäischen Union werden. Also muss Bosnien-Herzegowina sämtliche Richtlinien und Direktiven, also den gesamten Gesetzesbestand der EU in nationales Recht umsetzen. Dafür sind Jahre notwendig - und tiefgreifende Reformen.

Doch die Europäische Kommission hat in ihrem jüngsten Länderbericht 2025 ohne Umschweife feststellt, dass in Bosnien-Herzegowina “keine Fortschritte” hinsichtlich der Einhaltung der Rechtsvorschriften zur Versorgungssicherheit im Strombereich und der Umstellung des Landes von Kohle auf erneuerbare Energien erzielt wurden. Frage also an Regionalminister Lakić, ganz undiplomatisch und direkt: Warum wurden keine Fortschritte erzielt?

Unser Energiesektor hat die vergangenen 10 bis 15 Jahre geschlafen.
Vedran Lakić
Energieminister der Föderation BiH

“Wir haben mehrere Gesetze, die erst noch vom Bundesparlament verabschiedet werden müssen, und das ist das Wichtigste”, betont Lakić. “Es handelt sich insbesondere um das Stromgesetz. Unser Energiesektor hat in den letzten 10 oder 15 Jahren geschlafen, und wir müssen jetzt schnell einige Änderungen vornehmen. Wir sind in keiner guten Verfassung. Aber die Europäische Union drängt uns, diese Dinge zu Ende zu bringen.”

Euronewsreporter Hans von der Brelie im Gespräch mit Energieminister Vedran Lakić.
Euronewsreporter Hans von der Brelie im Gespräch mit Energieminister Vedran Lakić. Muamer Kolar

Im Länderbericht der EU-Kommission zu Bosnien-Herzegowina 2025 wird zudem angemahnt, dass eine "dringende Notwendigkeit” bestehe, unverzüglich ein Handelssystem für CO2 einzuführen.

Warum existiert immer noch kein derartiger CO2-Zertifikathandel? Vedran Lakić: „Ich hoffe, dass das Parlament auf nationaler Ebene dieses Gesetzgebungsverfahren so schnell wie möglich abschließen wird. Denn unsere Industrie befindet sich in einer sehr schlechten Lage, gerade auch hinsichtlich des CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM, und das muss sich ändern.”

Der Energieminister bedauert die Verzögerungen bei der Verabschiedung des Gesetzpakets zur Energiewende.
Der Energieminister bedauert die Verzögerungen bei der Verabschiedung des Gesetzpakets zur Energiewende. Muamer Kolar

Jetzt kommt CBAM

Dieses CO2-Grenzausgleichsystem (CBAM) der Europäischen Union gilt seit Januar 2026. Damit soll Umweltdumping verhindert werden. Außereuropäische Hersteller müssen an der EU-Grenze eine CO2-Abgabe auf nicht nachhaltig produzierte Ware zahlen. Besonders energieintensive Branchen sind davon betroffen, und davon gibt es in Bosnien-Herzegowina viele.

Vereinfacht formuliert könnte man es so zusammenfassen: Die EU möchte nicht, dass Prokukte, zu deren Herstellung umweltschädliche Kohle verwendet wird, ungehindert und unbegrenzt den europäischen Binnenmarkt "überschwemmen" und so die Wettbewerbsbedingungen verzerren. Das wäre nicht fair gegenüber europäischen Unternehmen, die mit viel Mühe und Geld ihre Klimabilanz verbessern.

CBAM soll Umweltdumping verhindern.
CBAM soll Umweltdumping verhindern. Hans von der Brelie

Die Europäische Union hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Dieses Ziel ist für alle EU-Mitgliedstaaten verbindlich, und die Angleichung an die EU-Klimagesetzgebung ist eine Voraussetzung für jedes Land, das der EU beitreten möchte.

Der CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM ist das politische Instrument der EU, um eine sauberere industrielle Produktion auch außerhalb der EU zu fördern, indem beispielsweise Importe von Stahl, Zement und Aluminium auf der Grundlage ihrer eingebetteten Emissionen besteuert werden.

Könnte CBAM den Kohleausstieg Bosnien-Herzegowinas beschleunigen?
Könnte CBAM den Kohleausstieg Bosnien-Herzegowinas beschleunigen? Hans von der Brelie

Oder anders formuliert: Wer außerhalb der Europäischen Union Zement oder Stahl mit extrem umweltschädlicher Braunkohle-Energie herstellt und auf dem EU-Binnemarkt absetzen möchte, so wie Bosnien-Herzegowina, der muss dafür zahlen – oder seine Produkte eben anderswo in der Welt verkaufen.

Wie funktioniert das im Detail? Im Rahmen des CBAM sind EU-Importeure gesetzlich verpflichtet, die in importierten Produkten enthaltenen Emissionen zu melden, CBAM-Zertifikate zu erwerben, die die CO₂-Kosten auf der Grundlage des Preises im EU-Emissionshandelssystem widerspiegeln, und den EU-Behörden jährliche Erklärungen vorzulegen.

Strenge Worte von der EU-Delegation Sarajewo

Bosnien und Herzegowina exportiert in die EU aus einer Reihe von CO₂-intensiven Sektoren, darunter Eisen, Stahl und Aluminium – aber auch dreckigen Kohlestrom. „Für Bosnien und Herzegowina sind keine Ausnahmen von den Verpflichtungen des CBAM vorgesehen“, warnt Ferdinand Koenig von der EU-Delegation in Sarajevo gegenüber Euronews.

Für Bosnien und Herzegowina sind keine Ausnahmen von den Verpflichtungen des CBAM vorgesehen.
Ferdinand Koenig
EU-Delegation Sarajewo

Wenn Exporteure keine genauen und verifizierten Emissionsdaten vorlegen können, riskieren sie Rechtskosten und Strafen wegen CBAM-Nichtzahlung sowie Handelsverzögerungen und könnten im Vergleich zu Wettbewerbern aus Ländern mit soliden Berichtssystemen an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen.

Aktuellen Schätzungen zufolge machen CO₂-intensive Sektoren etwa 15 % der Exporte von Bosnien und Herzegowina in die EU aus. „Die künftigen Auswirkungen der CBAM werden von der CO₂-Intensität der Industrie- und Stromerzeugung sowie von der Fähigkeit Bosnien und Herzegowinas abhängen, zuverlässige Emissionsdaten im Einklang mit den CBAM-Anforderungen zu melden“, betont Koenig.

Das EU-Emissionshandelssystem ist eine Verpflichtung für alle Länder, die der EU beitreten wollen.
Ferdinand Koenig
EU-Delegation Sarajewo

Zudem sei es Bosnien und Herzegowina in den letzten Jahren nicht gelungen, einen Rechtsrahmen für die Einführung eines EU-kompatiblen Emissionshandelssystems (ETS) zu schaffen. „Das EU-Emissionshandelssystem ist eine Verpflichtung für alle Länder, die der EU beitreten wollen“, unterstreicht Koenig.

Die Welt steht Kopf: Bosnien-Herzegowina hat immer noch kein EU-kompatibles Emissionshandelssystem.
Die Welt steht Kopf: Bosnien-Herzegowina hat immer noch kein EU-kompatibles Emissionshandelssystem. Hans von der Brelie

Die Einführung eines Emissionshandelssystems soll die Umweltverschmutzung begrenzen, grüne Lösungen belohnen und die Emissionen in Bosnien und Herzegowina kostengünstig senken – so die Theorie.

Unzureichende Fortschritte bei der Klimapolitik bedeuten, dass das Land nicht auf die Verpflichtungen einer EU-Mitgliedschaft vorbereitet ist.
Ferdinand Koenig
EU-Delegation Sarajewo

Ferdinand Koenig gegenüber Euronews: „Die EU fordert die zuständigen Behörden in Bosnien und Herzegowina nachdrücklich auf, in diesem Bereich Fortschritte zu erzielen. Derzeit ist das Land stark von Kohle abhängig. Unzureichende Fortschritte bei der Klimapolitik bedeuten, dass das Land nicht auf die Verpflichtungen einer EU-Mitgliedschaft vorbereitet ist und darüber hinaus Risiken von Handelssanktionen und höheren Kosten für Unternehmen ausgesetzt ist.“

Was den Ausstieg aus der Kohle betrifft, will die Europäische Union Hilfestellung für einen sozialverträglichen Strukturwandel leisten. Bis 2050 soll er geschafft sein, der “faire Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft”.

Die EU kann helfen bei der Energiewende - aber fordert im Gegenzug ernsthafte Reformanstrengungen.
Die EU kann helfen bei der Energiewende - aber fordert im Gegenzug ernsthafte Reformanstrengungen. Hans von der Brelie

Geld nur bei Reformen

Sind das nur schöne Worte – oder gibt es auch Geld aus Brüssel? „In diesem Zusammenhang wurden EU-Mittel bereitgestellt, um einen fairen Dekarbonisierungsprozess in Bosnien und Herzegowina zu unterstützen“, sagt EU-Sprecher Koenig, „zum Beispiel durch ein kürzlich gestartetes Projekt im Wert von 5 Millionen Euro, das einen gerechten Übergang in kohleabhängigen Regionen der Westbalkanstaaten erleichtern soll.“

Angesichts der immensen Herausforderungen der Energiewende in Bosnien-Herzegowina, Serbien, Nord-Mazedonien und den anderen Staaten des Westbalkans erscheint diese Summe recht klein. Allerdings stehen auch noch andere, sehr gut gefüllte Fördertöpfe zur Verfügung, so dass man durchaus sagen kann: Insgesamt leistet die EU einen erheblichen Beitrag zum Übergang Bosnien und Herzegowinas zu sauberer Energie. Doch auch hier gilt: Geld gibt es nur bei glaubhaften Reformanstrengungen.

335 Millionen Euro an Zuschüssen und vergünstigten Darlehen zur Beschleunigung des ökologischen Wandels in Bosnien-Herzegowina.
Ferdinand Koenig
EU-Delegation Sarajewo

Der Sprecher der EU-Delegation in Sarajewo kennt die Zahlen im Detail. Gegenüber Euronews listet er sie auf: „Bosnien und Herzegowina wurden von der EU, internationalen Finanzinstitutionen und EU-Mitgliedstaaten über 335 Millionen Euro an Zuschüssen und vergünstigten Darlehen zur Beschleunigung seines ökologischen Wandels bereitgestellt.”

Was geschieht mit dem Geld europäischer Steuerzahler? Ferdinand Koenig: “Zu den Projekten gehören die Modernisierung des Wasserkraftwerks Čapljina (18 Mio. €), der Bau von zwei großen Windparks in Poklečani (132 MW, 200 Mio. €) und Vlašić Travnik (50 MW, 91,7 Mio. €), die Steigerung der Energieeffizienz in öffentlichen Gebäuden (6 Mio. €) und die Sanierung von Mehrfamilienhäusern (3 Mio. €) sowie die Umsetzung groß angelegter Modernisierungsmaßnahmen im öffentlichen Sektor im Rahmen des Regionalen Energieeffizienzprogramms (REEP+) im Kanton Sarajewo (10 Mio. €), in Zenica-Doboj (11 Mio. €), im Kanton Tuzla (10,7 Mio. €) und der Republika Srpska (1 Mio. €) sowie 4,5 Mio. € für die Angleichung an die EU-Energiepolitik, Sektorreformen und die Einbindung von Interessengruppen zur Stärkung seines Klima- und Energierahmens.“

Und das ist noch nicht alles! Denn darüber hinaus fließt ein erheblicher Teil der im Rahmen des Wachstumsplans für Bosnien und Herzegowina verfügbaren Mittel in Höhe von bis zu 976,6 Mio. EUR in dieses Ziel. „Durch die wirksame Umsetzung der Reformen seines Wachstumsplans, insbesondere in den Bereichen Energiewende, Emissionsminderung und institutionelle Angleichung an die EU-Klimapolitik, könnte Bosnien und Herzegowina bis zu 100 Mio. € an EU-Finanzhilfen freisetzen, um seine Wirtschaft zu modernisieren und seinen ökologischen Wandel zu beschleunigen“, betont Koenig.

Raus aus der Kohle - rein in den ökologischen Wandel, sonst klappt es nicht mit dem EU-Beitritt.
Raus aus der Kohle - rein in den ökologischen Wandel, sonst klappt es nicht mit dem EU-Beitritt. Hans von der Brelie

Rote Laterne für Bosnien-Herzegowina

Gleichzeitig nimmt der EU-Sprecher aber auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um eine Bewertung der bisherigen Reformanstrengungen des Landes geht: „Derzeit hat Bosnien und Herzegowina noch nicht mit der Umsetzung seiner Reformagenda begonnen”, so Koenig. “Dazu gehören auch die Ratifizierung der Darlehens- und Fazilitätsvereinbarungen zur Beantragung der Vorfinanzierung sowie die Ernennung eines Koordinators.“ Im Klartext: Rote Laterne für Bosnien-Herzegowina.

Derzeit hat Bosnien und Herzegowina noch nicht mit der Umsetzung seiner Reformagenda begonnen.
Ferdinand Koenig
EU-Delegation Sarajewo

Es besteht kein Zweifel: Bosnien und Herzegowina verfügt über ein beträchtliches Potenzial im Bereich nachhaltiger Energieerzeugung (Sonne, Wind, Wasser). Fortschritte bei der Energiewende würden den Bürgern des Landes erhebliche Vorteile bringen. Allerdings hegen internationale Beobachter bereits seit längerem grundlegende Zweifel an Wirksamkeit und Effizienz politischer Entscheidungsprozesse in Bosnien-Herzegowina.

Hinzu kommt, dass historisch bedingte Spannungen zwischen den verschiedenen Landesteilen von regionalen Politikern instrumentalisiert werden und separatistische Tendenzen in der Republika Srpska blockieren oder verzögern immer wieder wichtige Gesetzesinitiativen, die für die Reformagenda des Staates und den EU-Beitritt von entscheidender Bedeutung sind.

Ein Energieriese auf finanzschwachen Beinen

Bleiben wir in Sarajewo. Vom Sitz der EU-Delegation ist es nicht weit bis zu einem futuristischen Stufenbau, der einer auf den Kopf gestellten Pyramide ähnelt. Unser Drohnenpilot, Muamer, ist begeistert: Spannende Architektur vom Feinsten, visuell top, das gibt erneut gute Bilder für den Reportagedreh. Allerdings wird auch auf den ersten Blick deutlich: Billig war es nicht, das Gebäude der Hauptverwaltung von Elektroprivreda BiH...

Der Sitz von Elektroprivreda BiH in Sarajewo.
Der Sitz von Elektroprivreda BiH in Sarajewo. Muamer Kolar

Elektroprivreda ist der größte Stromversorger des Landes. Rund 60 Prozent der Elektrizität Bosnien-Herzegowinas wird aus Kohleverbrennung gewonnen. Der staatliche Konzern will den Energie-Mix langfristig umbauen – aber es gibt Finanzierungsprobleme.

Generaldirektor Sanel Buljubasic, ein kräftig gebauter Mann mit breiten Schultern und markantem Managerkiefer, logiert in einem lichtdurchfluteten Riesenbüro. Der Blick über die Hauptstadtdächer weit unten ist beeindruckend.

Generaldirektor Sanel Buljubasic
Generaldirektor Sanel Buljubasic Muamer Kolar
Wir erwarten gleichberechtigten Zugang zu EU-Geldern.
Sanel Buljubasic
Generaldirektor Elektroprivreda BiH

Gegenüber Euronews macht Buljubasic deutlich, was ihm nicht passt, an der derzeitigen Diskussion: „Sprechen wir über eine Botschaft an die Europäische Union. Wir erwarten gleichberechtigten Zugang zu EU-Geldern. Wir wünschen uns eine Gleichbehandlung. Wir wollen wie Bürger der EU behandelt werden, die diesen Prozess des Strukturwandels bereits durchlaufen haben.”

Angesichts der hohen Luftverschmutzung in Bosnien-Herzegowina entscheide ich mich im Interview für eine Konfrontationsstrategie. Direkte und unverblümte Frage an den Konzernboss und Strom-Manager: "Sie halten sich nicht an die Richtlinie über Großfeuerungsanlagen der Europäischen Union, warum kommen Sie Ihren gesetzlichen Verpflichtungen nicht nach?" Denn als Land, das der EU beitreten möchte, muss Bosnien-Herzegowina eben auch alle EU-Gesetze übernehmen. Alle!

Wir schlagen ein Sondergesetz vor.
Sanel Buljubasic
Generaldirektor Elektroprivreda BiH

Sanel Buljubasic hat eine Erklärung und einen Vorschlag: “Ich denke, dass wir hier bei uns mit der Gesetzgebung sehr spät dran sind. Eine Gesetzgebung, die einen gerechten Übergang gewährleistet. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Bau neuer Anlagen oder, genauer gesagt, der Bereitstellung von Geldmitteln für den Bau neuer Energieanlagen. Wir schlagen vor, ein Sondergesetz zu verabschieden, das einen schnelleren Bau neuer Produktionsanlagen aus erneuerbaren Energiequellen ermöglicht.”

Denn Bosnien-Herzegowina hat, man kann es nicht oft genug betonen, viel Sonne, jede Menge Wind und Wasser. Fachleute bescheinigen dem Land ein enormes Potential für Erneuerbare Energien.

Die historische Kohlezeche von Zenica
Die historische Kohlezeche von Zenica Muamer Kolar

Zechenschließung in Zenica

Letzte Station meiner Reportagereise ist die Zeche von Zenica, Herz der bosnischen Montan-Industrie. Am Eingang der Zeche begrüßt uns ein bizarres Gebäude mit spitzem Giebel, eine Art stilistische Kreuzung aus Zauberschloss, königlicher Jagdhütte und Gründerzeitarchitektur. Hier könnte man gut einen Gruselfilm drehen, denke ich mir. Aber vielleicht liegt das auch nur am schlechten Wetter.

Mirsad Šahbazović hingegen ist die Freundlichkeit in Person. Er ist hier der Chef und bittet uns hinein, wir gehen eine steile Wendeltreppe hinauf in sein Büro. Gegründet wurde das Bergwerk 1879. ‘Stara Jama' nennen die Bergleute ihren Untertagestollen, 'Alter Schacht'. Jetzt wird er verfüllt. Die alte Zeche macht dicht. Für immer.

Der alte Schacht macht dicht - das Ende einer Epoche.
Der alte Schacht macht dicht - das Ende einer Epoche. Muamer Kolar

Vor zehn Jahren arbeiteten tausend Menschen hier, heute sind es 500. Im kommenden Jahr sollen es nur noch 20 sein, berichtet Manager Šahbazović. Doch der Mann mit dem breiten Lächeln zeigt sich zuversichtlich, dass "jeder irgendwo unterkommt".

Welche Zukunft für die Arbeiter?
Welche Zukunft für die Arbeiter? Hans von der Brelie

Manche Kumpel gehen in Pension. Und die anderen? „Einige unserer Arbeiter werden Arbeit in anderen Kohlezechen im Land finden”, sagt Šahbazović. “Aber in einigen Fällen werden die Arbeiter darauf warten, ausgezahlt zu werden und dann Arbeit anderswo in Europa suchen.” Man sieht ihm an, gut findet er das nicht.

Mirsad Šahbazović mit Kollegen.
Mirsad Šahbazović mit Kollegen. Hans von der Brelie

Jahrelang arbeitete die Zeche mit Verlust. Statt profitabler Kohle wurden Millionen-Schulden angehäuft. Politiker schoben eine Entscheidung immer wieder hinaus. Doch nun ist das Ende offiziel. Der Förderkorb steht still.

Der Förderkorb steht still für immer.
Der Förderkorb steht still für immer. Hans von der Brelie

Šahbazović muss sich nun um die Abwicklung kümmern: „Vor zwei, drei Monaten war ein sehr emotionaler Moment. Wir haben das Seil durchtrennt, mit dem mehr als 100 Jahre lang Kohle aus dem Untergrund gefördert wurde. Meiner Meinung nach ist dies ein sehr, sehr trauriger Moment.”

Stara Jama - der alte Schacht von Zenica.
Stara Jama - der alte Schacht von Zenica. Hans von der Brelie

Es hat aufgehört zu regnen. Gemeinsam gehen wir durch das alte Bergwerk, links und rechts des Weges türmen sich rostige Anlagen in den Himmel. Der aus Backsteinen gemauerte Hauptförderturm wirkt wie ein Wahrzeichen aus einer anderen Zeit, einem anderen Jahrhundert - und das ist er ja auch.

Muamer hat wieder seine Drohen ausgepackt, ihn hat erneut die Begeisterung des Profi-Drohnisten gepackt. Kein Wunder, hier bieten sich Blickachsen an, die ganz ohne Kommentar alles erklären: Die Zeche liegt direkt neben der Stadt Zenica. Aus der Vogelperspektive wird dies noch deutlicher. Die unmittelbare Nähe erklärt die enge Verflechtung, ja Abhängigkeit von Stadtbevölkerung und Montanindustrie.

Zenica
Zenica Muamer Kolar

Wir sind hier quasi im Ruhrpott Bosnien-Herzegowinas. Bergwerke, Stahlfabriken - so ähnlich hat es vor hundert Jahren vermutlich auch in Duisburg, Dortmund und Essen ausgesehen.

Nun gut, der Vergleich ist schief, und doch führt er zu einer nicht ganz unwichtigen Frage: Wie und warum hat es das Ruhrgebiet in Deutschland relativ gut geschafft, den Ausstieg aus der Kohle mit einem sozialverträglichen Strukturwandel abzufedern - während in Bosnien-Herzegowina noch nicht einmal damit begonnen wurde?

Mirsad Šahbazović will zumindest Teile des Industrie-Erbes bewahrt wissen.
Mirsad Šahbazović will zumindest Teile des Industrie-Erbes bewahrt wissen. Hans von der Brelie

Bergwerksdirektor Mirsad Šahbazović schlägt vorsichtig vor, zumindest Teile der Zeche als Museum zu konservieren. Hat das Industrie-Erbe eine Zukunft als Touristenattraktion? So wie das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen oder der Landschaftspark in Duisburg, ein komplettes Stahlwerk, das nach seiner Stilllegung konvertiert wurde in einen Hochseilklettergarten?

Dort wo früher in Deutschland Stahl gekocht und Kohle gefördert wurde, werden heute Rockkonzerte veranstaltet, die Kulisse dient großen Kinoproduktionen, es gibt Angebote für Familien, Führungen, Licht-Shows. Touristen reisen nicht nur aus ganz Deutschland an, sondern auch aus Belgien, Frankreich, ganz Europa. Es gibt Industrie-Erbe-Fahrradwege, Wissenschaftszentren, Kulturveranstaltungen. Geld floss in Universitäten und Hochschulen. Es wurde geklotzt, statt gekleckert, Kohle satt (und diesmal ist Geld damit gemeint), statt Kohle schwarz. Kurz und gut: der Ruhrpott hat die Wende geschafft. Ginge das nicht auch in Bosnien-Herzegowina?

Die Zeche Zenica
Die Zeche Zenica Hans von der Brelie

Šahbazović will und kann keine hochfliegenden Erwartungen wecken. Seine Möglichkeiten sind begrenzt. Die der Stadt und des Staates auch. Aber zumindest das urige Zechenhauptgebäude am Eingang wird wohl gerettet werden.

Jetzt kämpft Šahbazović um seine uralten Dampflokomotiven, die hinter der Zeche vor sich hin rosten, fast vollständig überwuchert von wilden Dornenhecken, Dornröschenschloss nichts dagegen. Die Loks sind ihm ans Herz gewachsen, er will sie retten, bevor der Rost sie völlig zerstört.

Euronewsreporter Hans von der Brelie in museumsreifer Dampflok hinter dem Zechengelände von Zenica.
Euronewsreporter Hans von der Brelie in museumsreifer Dampflok hinter dem Zechengelände von Zenica. Muamer Kolar

Die Stadtverwaltung von Zenica zeigt sich interessiert. Mirsad Šahbazovićs Vorschläge gefallen. Es wird diskutiert. Entschieden ist noch nichts. Problem auch hier: die Finanzierung.

Im Unterschied zu Deutschland, sind die finanziellen Mittel Bosnien-Herzegowinas sehr viel beschränkter. Aber könnte denn nicht genau hier die Europäische Union mitfinanzierend helfen? Schließlich geht es um ein gemeinsames europäisches Kulturerbe.

Könnten EU und UNESCO helfen, das kulturgeschichtlich wertvolle Industrie-Erbe zu bewahren?
Könnten EU und UNESCO helfen, das kulturgeschichtlich wertvolle Industrie-Erbe zu bewahren? Hans von der Brelie

Šahbazović ruft in Erinnerung, dass diese Zeche eines der ältesten Kohlebergwerke Europas ist, noch aus Zeiten der ungarisch-österreichischen Doppelmonarchie: „Unsere Idee ist es, diese Maschinen für künftige Generationen zu erhalten, damit sie sehen können, wie es hier früher einmal war.”

Das Fazit? Um den Energiesektor von Grund auf zu modernisieren, braucht es gut durchdachte Pläne, viel Geld, langen Atem und politischen Willen. Genau daran fehlte es in den vergangenen Jahren in Bosnien-Herzegowina.

Das Lorenwägelchen hat ausgedient.
Das Lorenwägelchen hat ausgedient. Hans von der Brelie

Wie geht es weiter? Ein Land auf dem Abstellgleis, so wie die rostigen Lokomotiven hinter der alten Zeche von Zenica? Oder ein Land unterwegs in die Europäischen Union? Bosnien-Herzegowina wird wählen müssen, wohin die Reise gehen soll.

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