Polens Außenminister Radosław Sikorski hält es für möglich, dass Russland eine Operation unter falscher Flagge gegen NATO-Staaten vorbereitet. Moskau nutze solche Täuschungsmanöver seit Langem als Teil seiner Militärdoktrin.
Polens Außenminister Radosław Sikorski hat vor möglichen russischen Provokationen gegen NATO-Staaten gewarnt. Im Gespräch mit dem Sender TVN24 erklärte er, Moskau könnte eine sogenannte „Maskirowka“ vorbereiten – eine Operation unter falscher Flagge.
„Ich interpretiere das als Vorbereitung auf eine sogenannte Operation unter falscher Flagge. Die Russen machen so etwas regelmäßig. Es ist praktisch Teil ihrer Militärdoktrin – eine Maskirowka, also ein Täuschungsmanöver“, sagte Sikorski.
Der Minister bezog sich damit auf eine Reihe von Warnungen vor möglichen russischen Provokationen. Er betonte, dass Russlands Präsident Wladimir Putin seine Absichten häufig offen ankündige – und diese Aussagen nicht unterschätzt werden dürften.
„Diktatoren sagen uns meist, was sie vorhaben. Viele Politiker machen den Fehler, das nicht ernst zu nehmen. Putin hat jahrelang erklärt, dass er die Ukraine für einen künstlichen Staat hält und dass sie möglicherweise nicht überleben werde. Erst vor wenigen Tagen sagte er, Russland müsse reagieren, falls ein NATO-Staat das Land angreifen sollte“, erklärte Sikorski in der Sendung „Fakty po Faktach“.
"Putin hat offenbar noch nicht erkannt, dass seine Berechnungen gescheitert sind"
Zugleich betonte der Außenminister, dass die NATO keine offensiven Maßnahmen gegen Russland plane. Der beste Weg, eine mögliche Provokation zu verhindern, sei, Moskau deutlich zu machen, dass der Westen seine Absichten kenne.
Mit Blick auf den bevorstehenden NATO-Gipfel in Ankara sagte Sikorski, dort werde es darum gehen, die Verteidigungsausgaben weiter zu erhöhen und die Abschreckung gegenüber Russland zu verstärken. Zudem erinnerte er daran, dass Schweden und Finnland inzwischen Mitglieder des Bündnisses seien.
„Alle Berechnungen Putins vor dem Angriff auf die Ukraine sind gescheitert – nur er selbst hat das offenbar noch nicht erkannt“, sagte Sikorski.
Der Minister führte Putins Fehleinschätzungen auf das autoritäre politische System in Russland zurück. „Diktatoren erfahren von ihrem Umfeld meist nicht die Wahrheit darüber, wie ernst die Probleme ihres Landes tatsächlich sind“, sagte er.
Lettischer Geheimdienst warnt vor russischen Provokationen
Sikorskis Äußerungen folgen auf Warnungen des lettischen Geheimdienstes. Die Sicherheitsbehörden des Landes gehen davon aus, dass Russland militärische Provokationen gegen die baltischen Staaten oder Polen vorbereiten könnte.
Wie der Guardian und der Telegraph berichten, rechnen die Geheimdienste nicht mit einer groß angelegten Invasion. Stattdessen könnten hybride Angriffe wie Drohnenattacken, Raketenzwischenfälle oder Sabotageakte erfolgen. Ziel wäre es demnach, die Geschlossenheit und Entschlossenheit der NATO zu testen und europäischen Staaten Druck zu machen, ihre Unterstützung für die Ukraine zu verringern.
Nach Einschätzung des lettischen Geheimdienstes ist Russland derzeit nicht in der Lage, eine zweite Front zu eröffnen. Stattdessen könnten sogenannte hybride Angriffe die Botschaft vermitteln: „Hört auf, die Ukraine zu unterstützen – sonst bekommt ihr eure eigenen Probleme.“
Die Warnungen fügen sich in eine Reihe mutmaßlicher russischer Sabotage- und Hybridaktionen in Polen und anderen NATO-Staaten in den vergangenen Jahren ein. Dazu gehörten unter anderem Brandanschläge auf militärische und logistische Einrichtungen, Störungen von Hilfslieferungen für die Ukraine sowie Spionage- und Cyberangriffe. Polnische Behörden meldeten wiederholt die Festnahme mutmaßlicher russischer Agenten, denen Sabotagepläne vorgeworfen werden.
Der Russland-Experte Keir Giles vom britischen Thinktank Chatham House sagte dem Guardian, Moskau werde aktiv nach Möglichkeiten suchen, die für Russland ungünstige Entwicklung des Krieges zu verändern. Dies könne durch eine horizontale Eskalation – also eine Ausweitung des Konflikts auf weitere Staaten – oder durch Aktionen in anderen Einsatzgebieten geschehen.
„Wir sollten nicht davon ausgehen, dass Russland eine Niederlage einfach akzeptiert und tatenlos zusieht“, warnte Giles.
Der Telegraph erinnert zudem daran, dass der Kreml bereits mehrfach Sabotageaktionen in Europa durchgeführt habe. Im Sommer 2024 wurden in DHL-Paketen in Großbritannien, Polen und Deutschland Brandsätze entdeckt, die Brände an Bord von Frachtflugzeugen in Richtung USA und Kanada auslösen sollten.
Im September 2025 verletzten zudem 19 russische Täuschungsdrohnen den polnischen Luftraum. Darüber hinaus kam es in Polen zu Sabotageversuchen auf Bahnstrecken. Nach Angaben der Behörden sollen russische Auftraggeber dabei Personen unterschiedlicher Nationalitäten eingesetzt haben, um Zugentgleisungen zu verursachen.