Über 80 Jahre nach Kriegsende liegen in deutschen Böden noch immer hunderttausende Tonnen Weltkriegsmunition. Etwa im brandenburgischen Oranienburg, wo rund 270 Bomben auf ihre Bergung warten. Hitze, Dürre und Waldbrände machen die Hinterlassenschaften des Bombenkrieges immer gefährlicher.
Erst in der vergangenen Woche legte der niedrige Rheinpegel in Köln-Deutz eine amerikanische 250-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg frei. Ein 400-Meter-Sperrkreis wurde errichtet, rund 360 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen, die Kölner Seilbahn stellte den Betrieb ein. Sogar der Privatsender RTL musste sein Sendezentrum räumen und kurzfristig aus Berlin senden. Erst am späten Abend war die Bombe entschärft.
Solche Funde sind in Deutschland keine Ausnahme, sondern Alltag. Sie sind Hinterlassenschaften eines Bombenkrieges, der zwar seit über 80 Jahren vorbei ist, aber im Untergrund bis heute seine Spuren hinterlasst. Laut einer Bestandsaufnahme des Deutschen Bundestages aus dem Sommer 2022 lagen bundesweit noch schätzungsweise zwischen 100.000 und 300.000 Tonnen Kampfmittelaltlasten im Boden, jährlich werden rund 5.000 Blindgänger geräumt. Aktuellere Zahlen deuten darauf hin, dass sich daran wenig geändert hat. Am dichtesten ist die Belastung ausgerechnet in einer Kleinstadt nördlich von Berlin: Oranienburg.
Entschärfung von Bombenblindgängern ist in Ddeutschland Alltag
Am 2. September könnte dort ein Einsatz bevorstehen, für den bis zu 4.700 Menschen bereits ab 8 Uhr morgens ihre Häuser verlassen müssten. Der Grund: eine bis ins letzte Detail durchgeplante Bombenentschärfung. Schon einen Tag zuvor soll bei der Freilegung geprüft werden, ob es sich, wie Fachleute annehmen, tatsächlich um einen Blindgänger mit noch funktionstüchtigem Zünder handelt. Der geplante Sperrkreis umfasst 1.000 Meter, der Grundwasserspiegel an der Fundstelle muss vorab abgesenkt werden, und schon jetzt schützen 28 zu einer Splitterschutzwand umfunktionierte Überseecontainer die umliegenden Wohnhäuser.
"Alle vorbereitenden Maßnahmen greifen ineinander. Jede einzelne ist notwendig, damit wir den Blindgänger unter sicheren Bedingungen freilegen können und der Kampfmittelbeseitigungsdienst die Entschärfung durchführen kann", erklärt Jan Fielitz, Leiter des Amtes für Brandschutz, in einer Mitteilung der Stadtverwaltung Oranienburg. Der Blindgänger liegt sechseinhalb Meter unter der Erde. Zuständig für Einsätze dieser Größenordnung ist der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg, kurz KMBD.
Historischer Hintergrund: Anfang 1942 entschied die britische Militärführung deutsche Städte zu bombardieren. Vorbild für die Flächenbombardierungen waren vorhergegangene verheerende deutsche Luftangriffe auf London und Coventry oder Warschau. Bis 1945 folgten Bombenangriffe der Alliierten auf rund 150 deutsche Städte mit mehr als einer halben Million Toten.
Oranienburg gilt heute als die am stärksten mit Weltkriegsbomben belastete Kommune Deutschlands. Fachleute vermuten dort noch immer zwischen 200 und 270 Großbomben-Blindgänger im Boden. Der Grund liegt tief in der Stadtgeschichte: Oranienburg war Standort der Auer-Werke, in denen die Alliierten eine Uranverarbeitung vermuteten, außerdem der Heinkel-Flugzeugwerke sowie eines strategisch wichtigen Bahnhofs. Am 15. März 1945 flog die 8. US Air Force deshalb den schwersten Luftangriff auf die Stadt und warf dabei tausende Bomben ab, ein erheblicher Teil davon ausgestattet mit chemischen Langzeitzündern.
Diese Zünder waren so konstruiert, dass sie die Explosion absichtlich erst 12 bis 48 Stunden nach dem Aufprall auslösen sollten, um gezielt Rettungs- und Aufräumkräfte zu treffen und die Bevölkerung zu demoralisieren. Weil sich viele der Bomben aufgrund der besonderen Bodenbeschaffenheit Oranienburgs beim Eindringen drehten, funktionierte der Zündmechanismus jedoch nicht wie geplant: Die Bomben blieben scharf, zündeten aber nicht.
Genau das macht die Lage bis heute so heikel. Der SPD-Landtagsabgeordnete Björn Lüttmann erklärt auf Nachfrage von Euronews: "Es gab bereits einige Selbstdetonationen im Stadtgebiet, glücklicherweise sind dabei keine Menschen zu Schaden gekommen. Dass Blindgänger explodieren können, ist also keine abstrakte Gefahr, sondern eine Realität, die sich auf das Leben vor Ort auswirkt". Die Kampfmittelexperten seien sich einig: "Werden die Blindgänger nicht gefunden, kommt es früher oder später zu Selbstdetonationen".
Wie eine Bombe gefunden und entschärft wird
Die Suche nach Blindgängern beginnt lange bevor irgendwo gegraben wird. Grundlage sind historische Luftbilder, die alliierte Aufklärungsflugzeuge während und nach ihren Angriffen aufgenommen haben, um die Treffergenauigkeit ihrer eigenen Bombardierungen zu dokumentieren. Brandenburg kaufte solche Aufnahmen an, sobald sie verfügbar wurden, und machte sie zur Grundlage einer gezielten, vom Land finanzierten Kampfmittelsuche. In Oranienburg bildet seit 2008 zusätzlich ein Gutachten der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, das sogenannte Spyra-Gutachten, die fachliche Basis: Es teilt das Stadtgebiet in unterschiedliche Gefährdungsklassen ein und legt damit fest, wo besonders intensiv gesucht werden muss.
Vor Ort kommen dann unterschiedliche Verfahren zum Einsatz: Bohrlochsondierung misst Veränderungen im Erdmagnetfeld, Bohrlochradar macht reflektierende Objekte im Boden sichtbar, und das modernere Ultra-TEM-Verfahren erkennt sogar die Form eines metallischen Gegenstands, ohne dass gegraben werden muss.
Bestätigt sich ein Verdacht, sperrt die Stadt den betroffenen Bereich zunächst großräumig ab, bevor die eigentliche Freilegung beginnt. Die heikelste Phase folgt danach: das Identifizieren und Entfernen des Zünders, direkt am Fundort.
Hitze, Dürre und eine zusätzliche Gefahr
Der Klimawandel verschärft das Problem zusätzlich. In munitionsbelasteten Wäldern, etwa in der Gohrischheide zwischen Sachsen und Brandenburg oder im Harz, sorgen Trockenperioden regelmäßig für Waldbrände, bei denen selbst die Feuerwehr wegen der Kampfmittelgefahr Abstand halten muss und stattdessen nur mit Löschflugzeugen oder Löschrobotern arbeiten kann. Brandenburg ist mit rund zwölf Prozent munitionsbelasteter Landesfläche das mit Abstand am stärksten betroffene Bundesland in Deutschland. Bereits 2019 warnte der damalige Innenminister Michael Stübgen, die Waldbrände hätten den KMBD "an die Grenze der Leistungsfähigkeit" gebracht.
Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Uwe Feiler macht im Gespräch mit Euronews deutlich, dass die sommerliche Trockenheit die Lage zusätzlich verschärft. Die neuen Bundesmittel dürften nicht allein als Hilfe für Oranienburg verstanden werden. Da Brandenburg über große, teils munitionsbelastete Waldflächen verfüge und immer wieder von Waldbränden betroffen sei, gehe von den Altlasten im Boden eine zusätzliche, wachsende Gefahr aus . Dieses Zusammenspiel aus Munitionsaltlast und Waldbrandrisiko werde nach seinen Worten eines der zentralen Themen für den kommenden Bundeshaushalt sein.
Brandenburg: seit 1991 über 300 Millionen Euro für Räumung
Seit 1991 hat das Land Brandenburg mehr als 303 Millionen Euro für die Kampfmittelräumung ausgegeben, rund ein Drittel davon steuerte der Bund bei. Allein nach Oranienburg flossen seit 1996 mehr als 107 Millionen Euro. Im Jahr 2021 mussten in Oranienburg für die Kampfmittelbeseitigung ungefähr 4,3 Millionen Euro aufgewendet werden.
Für das vergangene Jahr 2025 meldete der KMBD für das Land Brandenburg bis Ende November bereits rund 360 Tonnen gefundene Kampfmittel und Ausgaben von 11,9 Millionen Euro, bei weiterhin etwa 580.000 Hektar Landesfläche unter Kampfmittelverdacht.
Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Brandenburg Björn Lüttmann formuliert die Schieflage: "Von fairer Kostenverteilung kann keine Rede sein. Das Land und die Stadt tragen die Hauptlast, das sind jedes Jahr mehrere Millionen Euro für die Kampfmittelräumung. Rund die Hälfte des Landesbudgets für die Kampfmittelbeseitigung fließt allein nach Oranienburg".
Mehr Unterstützung vom Bund?
Bewegung kam zuletzt tatsächlich aus Berlin: Im November 2025 verankerte der Haushaltsausschuss des Bundestages erstmals einen eigenen Etat namens "Nationaler Bodenschutz" mit 7 Millionen Euro jährlich für die Beseitigung alliierter Munitionsaltlasten.
Uwe Feiler, der als Berichterstatter für den entsprechenden Einzelplan zuständig war, sprach von einem "sicherheits- und umweltpolitischen Meilenstein".
CDU-Landtagsabgeordnete Nicole Walter-Mundt dämpft die Erwartungen an die neue Fördersumme dennoch: "Die sieben Millionen Euro sind zunächst ein bundesweiter Haushaltsansatz und keine fest für Oranienburg reservierte Summe", erklärte sie Euronews.
Auch Feiler selbst bestätigt, dass eine bevorzugte Behandlung einzelner Kommunen rechtlich gar nicht möglich sei: "Wir müssen natürlich flächendeckend an das gesamte Bundesgebiet denken. Und wenn Oranienburg davon profitiert, freue ich mich natürlich."
Eine Aufgabe für Generationen
Der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) des Landes Brandenburg hält sich bei Prognosen zurück. Auf Nachfrage, wann Oranienburg als weitgehend kampfmittelfrei gelten könnte, erklärte die Behörde schriftlich, hierzu sei keine Aussage möglich. Manche Experten gehen davon aus, dass man noch in über 100 Jahren Blindgänger in Deutschland finden wird. Zur künftigen Kostenentwicklung erklärt der KMBD: "Entsprechend der allgemeinen Kostensteigerungen ist auch mit weiter steigenden Kosten in der Kampfmittelräumung zu rechnen".
Zumindest zeigt sich der Brandenburger CDU-Politiker Uwe Feiler überzeugt, dass Deutschland mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung im Umgang mit Munitionsaltlasten künftig durchaus als Vorbild für andere Länder dienen könnte, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Bis dahin hat Deutschland jedoch erst einmal genug zu tun mit den nahezu täglichen Entschärfungen von Bombenblindgängern. Und die Dringlichkeit dürfte eher noch zunehmen als abklingen: Neben klimatischen Einflüssen macht vor allem die Zeit selbst die Blindgänger zunehmend unberechenbar.
Warum Blindgänger mit der Zeit gefährlicher werden
Der Guide to the Ageing of Explosive Ordnance des Genfer Zentrums für humanitäre Minenräumung (GICHD) erklärt den Mechanismus dahinter: Alterung führt in der Regel zu Korrosion und anderen Effekten, die die Reibung in den Zündmechanismen erhöhen, wodurch sich bewegliche Bauteile in alter Munition zunehmend schwerer bewegen lassen.
Das kann je nach Bauart und Umgebungsbedingungen unterschiedlich wirken. Während manche Zünder dadurch funktionsuntüchtig werden, können andere gerade durch Materialermüdung, Rissbildung oder freiliegende Sprengstofffüllungen instabiler und empfindlicher gegenüber Erschütterungen werden. Entscheidend ist dabei: Der Sprengstoff selbst verliert seine Zerstörungskraft nicht, wie Studien zur chemischen Stabilität von Kriegs-TNT zeigen. Die eigentliche Gefahr liegt also im alternden Zündmechanismus, nicht im nachlassenden Sprengstoff.