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Kinderhandel-Vorwürfe gegen Vinted gehen viral: Was steckt hinter den Gerüchten?

Foto des Vinted-Hauptsitzes.
Foto der Firmenzentrale von Vinted. Copyright  Vinted
Copyright Vinted
Von Tamsin Paternoster & Noa Schumann
Zuerst veröffentlicht am
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Vinted unter Verdacht: In Videos wird behauptet, die Plattform betreibe Kinderhandel über verschlüsselte Anzeigen. Doch was steckt hinter den schrecklichen Gerüchten?

Eine Fernbedienung, die für 20.000 € angeboten wird, und ein Spielzeug, dessen Preis weit über seinem tatsächlichen Wert liegt. Zudem sollen Produktbeschreibungen Altersangaben enthalten. Unter Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzern in Frankreich und Deutschland haben sich Behauptungen, auf Vinted würden Kinder verkauft, wie ein Lauffeuer verbreitet.

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Die in Litauen gegründete Online-Second-Hand-Plattform ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen, insbesondere in Frankreich. Dort hat Vinted sogar Amazon als führenden Bekleidungshändler überholt.

Durch TikTok-Videos, Reddit-Threads und vermeintliche Screenshots ungewöhnlicher Angebote werden die Vorwürfe gegen Vinted angeheizt. Sie behaupten, Menschenhandel von Kindern würde mit verschlüsselten Anzeigen getarnt, die über die App angeboten werden. Zu erkennen seien diese an überhöhten Preise und verschlüsselten Beschreibungen.

Eine französischer Content-Creatorin veröffentlichte ein TikTok-Video, das mehr als 900.000 Likes erhielt, und zeigt dabei einen Screenshot, auf dem angeblich ein Plüschtier für 30.000 € zum Verkauf angeboten wird.

"Und wieder einmal muss der Käufer die Ware persönlich abholen. Das passiert direkt vor unseren Augen“, sagt die TikTokerin im Video. "Das sind die verschlüsselten Angebote, die sie nutzen: Sie stellen einen gewöhnlichen Artikel zu einem unverschämt hohen Preis ins Netz und verstecken dann kleine Hinweise in der Beschreibung, um anzugeben, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt, wie viel das Kind wiegt und so weiter.“

Ein anderer TikTok-Nutzer in Frankreich berichtet, er habe ein gefälschtes Inserat für ein Spielzeugauto zum Preis von 30.000 € veröffentlicht und daraufhin zahlreiche verdächtige Fragen zu dem Inserat erhalten.

Ähnliche Videos wurden auf Deutsch und Englisch veröffentlicht und haben auf TikTok Millionen von Aufrufen erzielt.

"The Cube“, das Faktencheckteam von Euronews, konnte keine Hinweise darauf finden, dass die in den Videos gezeigten Screenshots noch in der Vinted-App abrufbar waren.

Bei unserer eigenen Suche auf der Plattform fanden wir drei ähnlich ungewöhnliche Angebote. Bei einem, das als "blaues Stofftier“ beschrieben wurde, war ein Bild von einem Stück blauem Stoff beigefügt. Der Preis ist mit 1.575 Dollar angegeben und enthält Beschreibungen wie "2 Jahre alt", "gesund" und "blond“.

Beide Angebote wurden innerhalb von 10 Minuten nach ihrer Entdeckung entfernt. The Cube kontaktierte die Verkäufer, erhielt jedoch keine Antwort.

Trotz der viralen Verbreitung dieser Behauptungen deuten die bisher von Medien, Polizei und der Plattform gesammelten Beweise auf ein komplexeres Bild und einen Mangel an Beweisen hin.

Online-Detektive und eine Zunahme der Meldungen

Die französische Zeitung "20 Minutes“ veröffentlichte eine eigene Recherche zu diesem Thema, in der sie beschrieb, wie sich die Redaktion nach einer Fernbedienung für eine Klimaanlage erkundigte, die für 20.000 € angeboten wurde.

Als der Journalist den Verkäufer nach dem Geschlecht der Fernbedienung fragte, antwortete dieser mit "Mädchen" und bot anschließend an, auf einen verschlüsselten Messaging-Dienst außerhalb der Vinted-Plattform zu wechseln.

Am nächsten Tag aktualisierte die Zeitung den Artikel und erklärte, dass es sich bei der Person hinter dem Inserat tatsächlich um einen 17-jährigen Gymnasiasten handelte, der das Inserat "aus Spaß“ und um "auf Kosten von Pädophilen ein bisschen Geld zu verdienen" geschaltet hatte, so "20 Minutes".

Der Schüler hatte sich von einem anderen viralen Video inspirieren lassen, in dem ein Nutzer sagte, er habe ebenfalls eine Anzeige geschaltet, um Pädophile zu überführen.

Justizbehörden in Deutschland und Frankreich ermitteln

Die explosionsartige Zunahme gemeldeter Anzeigen hat Reaktionen der Justizbehörden in Frankreich und Deutschland ausgelöst.

Das Hessische Landeskriminalamt (HLKA) teilte The Cube mit, dass es die von der Öffentlichkeit eingereichten Meldungen weiterhin prüfe. Es gebe derzeit jedoch keine verlässlichen Hinweise, die die Anzeigen mit Kinder- oder Menschenhandel in Verbindung brächten.

Die Polizei in Frankreich erklärte, dass viele der bei ihr gemeldeten Anzeigen offenbar gefälscht seien. Auch frühere Vorwürfe im Zusammenhang mit Plattformen für Online-Kleinanzeigen seien nicht bestätigt worden und nicht alle in den sozialen Medien kursierenden Screenshots seien als authentische Vinted-Anzeigen verifiziert worden.

In Frankreich haben laut Polizei die Meldungen im Zusammenhang mit diesen Vorwürfen seit dem 23. Juni landesweit zugenommen, nachdem sich die Anschuldigungen auf TikTok und Reddit verbreitet hatten und Nutzer sich gegenseitig dazu ermutigten, Pädophile "zu fangen“.

Das französische Innenministerium bestätigte uns, dass die Staatsanwaltschaft in Nanterre ebenfalls eine Voruntersuchung zu dem Fall eingeleitet hat; die französische Hochkommissarin für Kinder, Sarah El Haïry, teilte den Medien mit, sie habe die Angelegenheit an Arcom, die französische Regulierungsbehörde für den digitalen Bereich, weitergeleitet.

Die Einleitung einer Untersuchung bedeutet nicht, dass ein Fehlverhalten vorliegt.

"Man kann nie vorsichtig genug sein: Ich halte mich lieber an ein strenges Vorsorgeprinzip, als auch nur ein einziges Kind seinen Peinigern ausgeliefert zu sehen“, schrieb sie in einem Beitrag auf X.

Der Cybersicherheitsforscher Troy Hunt erklärte The Cube, dass es zwar technisch möglich sei, auf einem Online-Marktplatz alles Mögliche anzubieten, der Betrieb eines Kinderhandels über eine Mainstream-Plattform wie Vinted sei jedoch "logistisch“ schwierig, da Mainstream-Plattformen eine viel strengere Moderation hätten als anonymerere Dienste.

Gefälschte Angebote schüren Vorwürfe

Vinted teilte uns mit, man habe die im Internet kursierenden Angebote "gründlich untersucht“ und "keine glaubwürdigen Fälle gefunden, die sie mit Kinderhandel in Verbindung bringen“.

Das Unternehmen erklärte, es arbeite mit den Behörden zusammen, während diese ihre eigenen Ermittlungen durchführen. Anzeigen, die absichtlich erstellt wurden, um Gerüchte zu schüren, würden entfernt.

Vinted berichtete zudem von einer Zunahme von Belästigungen gegenüber Verkäuferinnen und Verkäufern teurer Artikel. Zudem gebe es Protest gegen Nutzerinnen und Nutzer, die gefälschte Angebote erstellen, um mutmaßliche Täter "auf frischer Tat zu ertappen“, oder die sich als Käufer ausgeben, Verkäufer kontaktieren und damit drohen, sie bei der Polizei anzuzeigen.

"Dieses Verhalten kommt einer Belästigung gleich, erschwert es uns, die Plattform effektiv zu moderieren, und kann echte Ermittlungen behindern, wodurch Mitglieder gefährdet werden“, sagte ein Sprecher des Unternehmens.

Einige Nutzer haben online von ähnlichen Erfahrungen berichtet. So erklärte ein Reddit-Nutzer, der Plüschtiere zum Sammeln verkauft, er sei nach der Veröffentlichung seltener, hochwertiger Artikel "mit Nachrichten bombardiert“ worden.

Sowohl die Polizei als auch Vinted haben die Userinnen und User dringend gebeten, keine unbestätigten Behauptungen zu verbreiten, und davor gewarnt, dass gefälschte Angebote und Spekulationen die ordnungsgemäße Prüfung von Meldungen erschweren können.

Solche Vorwürfe gegen Online-Plattformen sind nicht neu.

Ähnliche Behauptungen kursierten 2023 in Frankreich, als in TikTok-Videos behauptet wurde, dass Kinder über verschlüsselte Vinted-Anzeigen verkauft würden.

Sie wurden von Faktencheck-Teams widerlegt und von der in Frankreich ansässigen Organisation Conspiracy Watch als Verschwörungstheorie bezeichnet.

Diese Gerüchte erinnerten laut einem Podcast der Organisation an eine Verschwörungstheorie rund um die US-amerikanische Möbelhaus-Website Wayfair.

Damals warfen einige der Firma vor, Möbel mit verdächtigen Namen und Preisen anzubieten. Diese Anschuldigungen erwiesen sich als unbegründet.

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