Loader
Finden Sie uns
Werbung

Extremismusexpertin zu CSD-Anschlag: "Gefährlichkeit dieses Mannes wurde verkannt"

Polizisten vor der Gartenlaube, in der Abdul B. erschossen wurde, Berlin-Spandau, 26. Juli 2026
Polizisten vor der Gartenlaube, in der Abdul B. erschossen wurde, Berlin-Spandau, 26. Juli 2026 Copyright  (c) Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Copyright (c) Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Von Laura Fleischmann
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Obwohl Abdul B. versuchte, sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anzuschließen, konnte sein mutmaßlich islamistischer Anschlag auf den Berliner CSD nicht verhindert werden. Extremismusexpertin Rebecca Schönenbach kritisiert Justiz, Behörden und Deradikalisierungsprogramme scharf.

Obwohl der 21-jährige Abdul B. seit Jahren auffällig und auch polizeibekannt war, konnte sein mutmaßlich islamistischer Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day nicht verhindert werden. Eine Mutter aus Polen, kam dabei ums Leben. 29 Personen wurden teils schwer verletzt.

WERBUNG
WERBUNG

"Es war eine Kombination aus Naivität und Justizversagen", erklärt Rebecca Schönenbach. Die Terrorismus- und Extremismusexpertin berät unter anderem das Bundesinnenministerium zur Islamismusprävention und -bekämpfung.

"Die Bestimmungen wurden so ausgelegt, dass er wegen seines Alters nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde." Seine Entschlossenheit, sich dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen, hätten die Behörden nicht ausreichend berücksichtigt, so Schönenbach.

Abdul B . suchte immer wieder Kontakt zur IS-Terrororganisation

Bereits seit längerer Zeit soll Abdul B. Kontakte in islamistische Kreise gepflegt haben. Einige Zeit später entschied er sich, sich der Terrororganisation Islamistischer Staat (IS) anschließen zu wollen. Im Mai 2025 scheiterte sein erster Versuch, über die Türkei nach Mauretanien auszureisen.

Kurz darauf, am 20. Mai 2025, versuchte er es erneut. Dieses Mal reiste er über die Türkei in den Libanon und suchte dort Kontakte zu möglichen IS-Mitgliedern. Mit ihrer Hilfe wollte er mutmaßlich weiter nach Syrien zum IS reisen. Stattdessen nahmen ihn die libanesischen Behörden im Juli 2025 fest. Wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten verurteilte ihn ein Militärgericht zu drei Monaten Haft.

Nachdem er wieder auf freiem Fuß war, reiste Abdul B. im November 2025 zurück nach Deutschland. Am Flughafen Berlin-Brandenburg nahmen ihn die Behörden fest, weil er auf seinem Instagram-Account verbotene IS-Propaganda veröffentlicht hatte.

Wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verurteilte ihn das Amtsgericht Tiergarten nach Jugendstrafrecht zu einem Jahr und zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hatte Beschwerde eingelegt und eine Freiheitsstrafe von drei Jahren gefordert. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach im Interview mit n-tv von einer "nicht nachvollziehbaren" Entscheidung.

Am Montag erklärte Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) im ARD-Morgenmagazin: "Nach diesem Anschlag ziehe ich die Konsequenz, dass genau in solchen Fällen in der Tat die Täter härter zu bestrafen sind. Wir hatten vergleichbare Fälle. Und härter zu bestrafen wären sie, wenn man das Erwachsenenstrafrecht anwenden würde."

Mangelnde Standards bei Deradikalisierung

"Die Gefährlichkeit dieses Mannes wurde verkannt", erklärt Schönenbach. "Bei einer so weit fortgeschrittenen Radikalisierung müsste es auch bei Jugendlichen die Möglichkeit geben, sie in Einrichtungen unterzubringen, in denen sie überwacht werden, sich nicht frei in der Öffentlichkeit bewegen können und mit entsprechenden Programmen unterstützt werden."

Statt potenzielle Ziele etwa durch stärkere Sicherheitskonzepte oder mögliche Opfer durch Polizeischutz zu schützen, sei es wichtiger, "täterzentrierte Prävention" zu betreiben, so die Extremismusforscherin. Die Behörden müssten bei auffälligen Personen strenger und konsequenter reagieren.

Bei seiner Verurteilung im Mai wurde Abdul B. auferlegt, an einem Deradikalisierungsprogramm teilzunehmen. Zweimal war er für Beratungsgespräche beim Berliner Verein "Violence Prevention". Dabei sei Abdul B. "freundlich, kontrolliert und undurchschaubar" gewesen, so Thomas Mücke, der Leiter der Organisation, dem Wochenmagazin ZEIT. Es sei "nicht der geringste konkrete Bedrohungshinweis" aus den Gesprächen hervorgegangen.

Trauernde Menschen vor dem Brandenburger Tor, 26. Juli 2026
Trauernde Menschen vor dem Brandenburger Tor, 26. Juli 2026 (c) Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Im Gespräch mit Euronews kritisiert Schönenbach die Programme. Es fehle an Standards bei der Deradikalisierung und bei der Einschätzung des Radikalisierungsgrads. "Es gibt keine wissenschaftliche Methode für eine korrekte Einschätzung, was radikal überhaupt bedeutet und wann jemand deradikalisiert ist." Es gebe keine einheitliche Ausbildung für Mitarbeiter in entsprechenden Programmen und Einrichtungen. Im Zweifelsfall seien sie nicht ausreichend qualifiziert.

"Deradikalisierungsprogramme in Deutschland müssen auf den Prüfstand gestellt werden. Es gibt keine Zahlen dazu, wie erfolgreich sie sind oder ob Personen rückfällig geworden sind." Kritisch betrachtet Schönenbach auch, dass die Teilnehmer. während des Programms häufig auf freiem Fuß seien. So könnten sie weiterhin mit ihrem extremistischen Umfeld in Kontakt bleiben.

Verfassungsschutz spricht von hoher Gefährdung

28.645 Islamisten gibt es in Deutschland, so der Verfassungsschutzbericht 2025. Davon seien 9.110 gewaltorientiert. Seit Jahren sind die Zahlen leicht steigend: 2024 registrierte der Verfassungsschutz 28.280 Islamisten. Im Jahr 2023 waren es 27.200.

Meist radikalisieren sie sich über das Internet, so der Verfassungsschutz: "Dabei spielt nicht nur der Konsum von Propaganda, welche auch auf Mainstream-Plattformen wie Instagram und TikTok zu finden ist, eine Rolle, sondern vor allem eine weitverzweigte, oft internationale Vernetzung mit Gleichgesinnten über Online-Messenger, -Kanäle und -Foren."

"Es gibt Menschen aus allen sozialen Schichten und Bildungshintergründen, die sich radikalisieren." Anfällig für Radikalisierung seien Jugendliche insbesondere in "Momenten ihrer persönlichen Entwicklung", so Schönenbach.

Bei Erwachsenen sei neben der islamistischen Ideologie vor allem Gewalt in der Kindheit ein dominierender Faktor – auch außerhalb des Islamismus und bei anderen Formen des Extremismus.

"Für radikale Täter geht es vor allem darum, sich selbst vor der Hölle zu retten", so die Extremismusexpertin. "Außerdem wollen sie die Gesellschaft destabilisieren und auch ein Signal an nicht radikale Muslime senden, dass auch sie Opfer werden könnten." Alles, was "haram", also laut dem Islam verboten sei, könne ein mögliches Anschlagsziel sein.

Der Verfassungsschutz stuft die Gefährdung durch den islamistischen Terrorismus als anhaltend hoch ein. Insbesondere der IS sowie "al-Qaida" würden weiterhin versuchen, Anschläge im Westen zu verüben oder dazu anzuspornen.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Anschlag auf CSD: Tote war polnische Staatsbürgerin

Nach der CSD-Attacke: Union verlangt Konsequenzen für islamistische Gefährder

Extremismusexpertin zu CSD-Anschlag: "Gefährlichkeit dieses Mannes wurde verkannt"