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Portugal: Sechs Monate nach Sturm "Kristin" stockt der Wiederaufbau

Von Sturm Kristin zerstörtes Wohnhaus in Leiria, 23. Juli 2026
Wohnhaus nach Sturm Kristin zerstört, Leiria, 23. Juli 2026 Copyright  Euronews - Bruno Figueiredo
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Von João Azevedo
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Tausende Hilfsanträge bleiben unbearbeitet, vor allem in Leiria und Marinha Grande. Firmen warnen vor späteren Schulden. Umgestürzte Bäume zwischen Wald und Siedlungen erhöhen die Brandgefahr.

Der Sturm "Kristin" traf Portugal Ende Januar mitten in der Nacht und richtete in Dutzenden Gemeinden, insbesondere in der Region Centro, schwere Verwüstungen an. Bereits heute gilt er als eine der schwersten Naturkatastrophen dieses Jahrhunderts in Portugal.

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Nach "Ingrid" und "Joseph" war "Kristin" bereits der dritte Sturm innerhalb von weniger als einer Woche – und zugleich der verheerendste. Mit dem ersten Tageslicht wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Beschädigt wurden Wohnhäuser, Unternehmen, Schulen und Straßen. Viele Menschen hatten plötzlich keinen Zugang mehr zu grundlegenden Versorgungsleistungen wie Wasser, Strom und Telekommunikation.

Das Portugiesische Institut für Meer und Atmosphäre (IPMA), die nationale Wetterbehörde, bezeichnete das Wetterereignis als „explosive Zyklogenese“ (Quelle auf Portugiesisch). Vor allem die extremen Windböen verursachten die massiven Schäden. Die stärkste Böe wurde mit 208 km/h in Soure im Süden des Bezirks Coimbra gemessen. Drei der vier Todesopfer, die der Zivilschutz innerhalb der ersten 24 Stunden bestätigte, wurden jedoch im Kreis Leiria gefunden.

Euronews war am Tag nach der Katastrophe vor Ort. Das Bild erinnerte an ein Kriegsgebiet – in einer Region, die zeitweise vom Rest des Landes und der Außenwelt abgeschnitten war. Premierminister Luís Montenegro reiste in die betroffenen Gebiete und rief den Katastrophenfall aus. Später weitete die Regierung diesen auf 68 Kommunen aus. Der Gesamtschaden belief sich auf mehr als 5,3 Milliarden Euro.

Anfang Februar beschloss die Regierung ein Hilfspaket im Umfang von bis zu 2,5 Milliarden Euro für Betroffene, Unternehmen, Kommunen und den Wiederaufbau der Infrastruktur. Sechs Monate später kommen die Hilfen jedoch nur schleppend an, und der Wiederaufbau verläuft nur langsam. Für Tausende Menschen hat er noch nicht einmal begonnen.

Wiederaufbau: Noch kein erster Stein gelegt

Carlos Alberto und Maria do Rosário aus Carvide im Kreis Leiria waren in den frühen Morgenstunden des 28. Januar bereits wach. Sie hörten das "schreckliche Geräusch", als sich die Blechplatten ihres Dachs lösten und einer der Pfeiler ihres Hauses einstürzte.

Innerhalb weniger Stunden verloren sie das Zuhause, in dem sie mehr als 30 Jahre gelebt hatten. Die Angst jener Nacht begleitet sie bis heute. Sie wächst mit jedem Tag, an dem eine Lösung auf sich warten lässt. "Jeder Tag, der vergeht, fühlt sich an wie ein Jahr", sagt Maria do Rosário zu Euronews.

Rentnerehepaar aus Carvide betritt das Haus, in dem es mehr als dreißig Jahre gelebt hat und das der Sturm Kristin zerstört hat, Leiria, 23. Juli 2026
Rentnerehepaar aus Carvide betritt das Haus, in dem es mehr als dreißig Jahre gelebt hat und das der Sturm Kristin zerstört hat, Leiria, 23. Juli 2026 Euronews - Bruno Figueiredo

Ohne ein Dach über dem Kopf zogen sie zu einem ihrer Söhne. Beide sind aus gesundheitlichen Gründen im Ruhestand. Ihre Renten betragen jeweils höchstens 500 Euro. Für den Wiederaufbau fehlen ihnen die finanziellen Mittel. Der jüngste Kostenvoranschlag beläuft sich auf 84.000 Euro.

"Die Versicherung hat gezahlt, aber das Geld reicht bei Weitem nicht aus, um alle Kosten zu decken. So wie die Lage jetzt ist, weiß ich nicht, ob ich das Haus überhaupt wieder aufbauen kann", sagt Maria do Rosário. Das Paar wartet noch immer auf eine Antwort der Kommission für Koordination und regionale Entwicklung der Region Centro (CCDRC).

"Wenn der Staat keine Mittel für Fenster und Türen bereitstellt, wird es noch schwieriger", sagt sie. Maria do Rosário ist das Warten leid und glaubt nicht, dass die Bauarbeiten vor Oktober beginnen werden. "Der Bauunternehmer sagt, er müsse zunächst Material beschaffen, bevor er hier anfangen kann. Und ich muss das Geld haben, um ihn bezahlen zu können", erklärt sie. Allein im Bezirk Leiria warten noch Tausende Anträge auf staatliche Hilfen auf ihre Bearbeitung. "Wäre das in Lissabon passiert, wäre alles anders gelaufen. Solange es nur die anderen trifft und nicht uns selbst, ist alles ganz anders", sagt sie.

Staatliche Hilfen "ein Bluff"

Die Wucht von "Kristin" hinterließ auch in der Formenfabrik von João Faustino in Marinha Grande tiefe Spuren. Der Unternehmer leitet den Betrieb seit 40 Jahren. Von den fünf Produktionshallen wurden zwei vollständig zerstört. Die direkten Schäden belaufen sich auf rund 9 Millionen Euro.

Eine der Hallen wird erst seit wenigen Tagen wieder aufgebaut. Viele Präzisionsmaschinen, die lediglich mit Planen geschützt waren, hielten Regen und Feuchtigkeit jedoch nicht stand und korrodierten irreparabel. Ohne die Maschinen zur Herstellung und Prüfung von Formen arbeitet das Unternehmen derzeit nur mit rund 30 Prozent seiner Kapazität.

Produktionseinheit des Unternehmens TJ Moldes ohne Dach und mit stillgelegten Maschinen nach dem Sturm Kristin, Marinha Grande, 23. Juli 2026
Produktionseinheit des Unternehmens TJ Moldes ohne Dach und mit stillgelegten Maschinen nach dem Sturm Kristin, Marinha Grande, 23. Juli 2026 Euronews - Bruno Figueiredo

"Die Reparatur dieser Maschinen ist extrem teuer, und hinzu kommen absurd lange Lieferzeiten", sagt der Geschäftsführer von TJ Moldes im Gespräch mit Euronews. Einen Auftrag für den deutschen Autobauer Porsche konnte das Unternehmen noch retten, andere gingen jedoch verloren. Die Versicherung hat bereits Entschädigungen gezahlt.

Mit diesem Geld hält das Unternehmen den Betrieb derzeit aufrecht. Auf staatliche Finanzhilfen verzichtet João Faustino bewusst. Er bezeichnet sie als "einen Bluff". "Wenn ich die staatlichen Kreditlinien nutze, verschulde ich mich nur noch weiter. Das sind Schulden auf Schulden. Dieses Geld müssen wir irgendwann zurückzahlen – es ist kein Geschenk", betont der Unternehmer. Der nicht rückzahlbare Teil des von der Regierung aufgelegten Hilfsprogramms hänge von "Investitionen" und dem Erreichen bestimmter "Ziele" ab.

Angesichts der Unsicherheit auf den Märkten und des von der aktuellen US-Regierung ausgelösten Handelskriegs seien diese womöglich gar nicht zu erreichen. Trotz der außergewöhnlichen Lage hat TJ Moldes alle 112 Beschäftigten gehalten. In den ersten Tagen nach dem Sturm halfen sie dabei, Schutt zu beseitigen sowie Maschinen zu bergen und zu reinigen.

João Faustino geht davon aus, dass das Unternehmen bis November in vier seiner fünf Produktionshallen wieder mit voller Kapazität arbeiten kann. Die fünfte Halle weist jedoch Risse in den Stützpfeilern auf. Dort sind zunächst weitere Gutachten nötig, möglicherweise muss sie vollständig neu errichtet werden.

Feuerwehr von Bürgern gerettet

Die Kaserne der Freiwilligen Feuerwehr von Leiria wurde zu einem Symbol der Tragödie. Sturmböen rissen das Dach des Gebäudes weg, herabfallende Trümmer beschädigten zahlreiche Einsatzfahrzeuge.

Schäden durch den Sturm Kristin in der Kaserne der Freiwilligen Feuerwehr von Leiria
Schäden durch den Sturm Kristin in der Kaserne der Freiwilligen Feuerwehr von Leiria Euronews - Bruno Figueiredo

"Mit den Aufräumarbeiten haben wir sofort am 28. Januar begonnen. Bereits um 8.30 Uhr standen die ersten Lastwagen bereit, um die Trümmer abzutransportieren. Seitdem ist es ein ununterbrochener Kampf, denn wir durften unsere Hilfe für die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt unterbrechen", sagt Kommandant Almeida Lopes, Präsident des Feuerwehrvereins.

Die Wiederaufbauarbeiten sind inzwischen fast abgeschlossen. Möglich wurde dies vor allem durch das Engagement der Zivilgesellschaft. Sämtliche Spenden stammen von Privatpersonen. "In den ersten drei oder vier Tagen kamen der Präsident der Republik, die Innenministerin und mehrere Staatssekretäre zu unserer Feuerwache. Sie sagten uns, wir sollten mit den Arbeiten beginnen und könnten auf ihre Unterstützung zählen. Doch bis heute haben wir kein einziges Schreiben erhalten – weder mit der Zusage von Hilfe noch mit einer Absage. Wir haben keinen einzigen Euro bekommen", sagt Almeida Lopes.

Kaserne der Freiwilligen Feuerwehr von Leiria nach den Wiederaufbauarbeiten, 23. Juli 2026
Kaserne der Freiwilligen Feuerwehr von Leiria nach den Wiederaufbauarbeiten, 23. Juli 2026 Euronews - Bruno Figueiredo

Pulverfass am Ortseingang

Der Sturm ist zwar vorbei, doch vielerorts hat er neue Gefahren hinterlassen – im Wald und darüber hinaus. Die Stadtverwaltung von Leiria schätzt, dass die Sturmböen bis zu acht Millionen Bäume umgeworfen haben.

Nach Angaben der Kommune wurden rund 10.000 Hektar Wald beschädigt. Die Aufräumarbeiten könnten noch Jahre in Anspruch nehmen. Die meisten Waldwege im Gemeindegebiet sind inzwischen wieder passierbar. Die Übergangsbereiche zwischen Kiefernwäldern und Ortschaften blieben jedoch weitgehend ungeräumt, weil es an Fachkräften fehlt.

In einem Ortsteil, weniger als zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, fand Euronews Straßen und Zufahrten, entlang derer sich aufgeschichtete Baumstämme, Äste und dichtes Gestrüpp türmen. An einer Stelle lag dieses Material nur rund 100 Meter von einem Schulzentrum und einer Sportanlage entfernt – ein erhebliches Brandrisiko mitten im Hochsommer, wenn die Waldbrandgefahr ihren Höhepunkt erreicht.

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