EZB-Präsidentin Lagarde warnt: Ein zu zersplitterter Binnenmarkt schwächt Europas Chancen im globalen Wettbewerb um Künstliche Intelligenz.
Europa hat die erste digitale Revolution weitgehend verpasst und darf sich bei der künstlichen Intelligenz (KI) keinen zweiten Fehlstart leisten, das sagte Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).
Um im KI-Wettbewerb mit Schwergewichten wie den USA und China mitzuhalten, müsse die EU ihren Binnenmarkt vollenden und ihre noch immer stark zersplitterten Kapitalmärkte zusammenführen, forderte Lagarde vor dem International Business Council des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Genf.
"Europa hat die erste digitale Revolution weitgehend verpasst; die kommerziellen Gewinne aus der Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnologien sind überproportional anderswo ausgeschüttet worden. Diesen Fehler können wir uns bei der zweiten digitalen Revolution, der künstlichen Intelligenz (KI), nicht leisten“, sagte die Französin.
Lagardes Analyse knüpft an die ihres Vorgängers Mario Draghi an. Er legte 2024 einen Grundsatzbericht zur Stärkung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit der EU vor, in dem er KI als letzte Chance bezeichnete, damit Europa im globalen Technologiewettlauf wieder Anschluss findet.
Auf Draghis Empfehlung hin hat die Europäische Kommission mehrere Initiativen gestartet, um den Einsatz von KI in strategischen Branchen voranzutreiben und die Finanzierung riesiger Datenzentren zu fördern, damit neue Technologiegenerationen entstehen.
Das Problem mit dem Kapital für KI-Investitionen in der EU
In ihrer Rede betonte Lagarde, fehlender Zugang zu Kapital bremse die KI-Investitionen in Europa. Unternehmen finanzieren sich überwiegend über Bankkredite; Kapitalmärkte, auf denen Investoren Geld bereitstellen und Firmen Eigenkapital aufnehmen, seien auf nationaler Ebene noch zu klein.
Die rechtliche Zersplitterung schaffe für Unternehmen praktische Hürden: zusätzliche Kosten, längere Fristen, eingeschränkte Möglichkeiten, grenzüberschreitend zu arbeiten, sagte Christine Lagarde. Eine Firma in Europa stoße deshalb auf mehr Hindernisse beim Hochskalieren als ein Konkurrent in den USA und greife am Ende womöglich auf Kapitalmärkte außerhalb der EU zurück.
„Größe ist besonders wichtig, wenn neue Technologien die Quellen des Produktivitätswachstums verändern“, so Lagarde.
Lagarde sieht "ermutigende Anzeichen"
Die EZB-Präsidentin sagte weiter, Europa habe das Potenzial, „neue Technologien bestmöglich zu nutzen“, und es gebe bereits „ermutigende Anzeichen, dass europäische Unternehmen in KI investieren“.
„Die EU stellt zwar nur rund sechs Prozent der Weltbevölkerung, aber bis zu fünfzehn Prozent der Forschenden. Zudem stammt fast ein Fünftel der meistzitierten wissenschaftlichen Veröffentlichungen weltweit aus der EU“, hob die EZB-Präsidentin hervor.
„Umfragen zufolge wollen Unternehmen im Euroraum im Schnitt rund neun Prozent ihrer Gesamtinvestitionen in diesem Jahr für KI einsetzen“, sagte Lagarde.
Die eigentliche Herausforderung sei, dieses Wissen in „kommerziellen Erfolg“ zu übersetzen, sodass sich die Technologie in der gesamten Wirtschaft verbreitet, argumentierte sie. „Zu oft bremsen die gleichen Hürden, die Firmen am Wachstum hindern, auch die Verbreitung neuer Technologien“.
Die EZB-Präsidentin forderte, zentrale Reformvorhaben in Brüssel deutlich zu beschleunigen – vor allem die Spar- und Investitionsunion (SIU) sowie Maßnahmen zur Vertiefung des Binnenmarkts wie das Projekt EU Inc.
Die SIU ist ein Gesetzespaket, das integriertere Kapitalmärkte schaffen soll. Die Gesetzgeber hoffen auf eine Einigung bis Ende des Jahres, doch die EU-Mitgliedstaaten sind weiter tief gespalten – insbesondere bei der Frage einer stärkeren zentralen Aufsicht über die Kapitalmärkte.
EU Inc. ist ein Vorschlag der Kommission für eine optionale, EU-weite Unternehmensform. Sie soll es Firmen – besonders Start-ups – ermöglichen, schneller und günstiger gegründet zu werden, grenzüberschreitend zu arbeiten und zu wachsen, ohne sich durch das derzeitige Flickwerk von 27 nationalen Systemen kämpfen zu müssen. Auch dieses Projekt gehört zu den Reformen zur Vertiefung des Binnenmarkts und soll bis Ende des Jahres beschlossen werden.