Polnische Ermittler werfen dem EU-Abgeordneten Grzegorz Braun vor, öffentlich die Existenz von Gaskammern im deutschen KZ Auschwitz-Birkenau zu bestreiten.
Die Vorwürfe kommen von einem Staatsanwalt der Krakauer Zweigstelle der Kommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk. Sie beziehen sich auf zwei Vorkommnisse vom Juli 2025, im Zentrum stehen Mitschnitte von Radio Wnet und der YouTube-Sendung "Jan Pospieszalski Rozmawia" (übersetzt in etwa: "Jan Pospieszalski spricht"), einem Interviewformat.
Nach Angaben des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN) soll Braun in diesen Beiträgen unter anderem gesagt haben, "Auschwitz mit Gaskammern ist leider ein Fake". Die Existenz der Gaskammern sei, so Braun, "eher Gegenstand eines quasi-religiösen Kults, (…) eine propagandistische Erzählung ohne Grundlage von Fakten, die durch Untersuchungen nach unserem zivilisatorischen, akademischen Standard bestätigt worden wären".
Außerdem behauptete er, Analysen von Proben aus den Ruinen der Gaskammern hätten "ein negatives Ergebnis auf das Vorhandensein von Kaliumcyanid" geliefert.
Nach Einschätzung des Instituts des Nationalen Gedenkens stehen solche Aussagen in offensichtlichem Widerspruch zu historischen Erkenntnissen. Diese stützen sich auf Dokumente, Zeugenaussagen, Erklärungen von Tätern und Ergebnisse von Strafverfahren. Das Institut erinnerte zudem an Untersuchungen des Instituts für Gerichtsmedizin "Prof. Jan Sehn" aus den 1990er-Jahren, die Spuren von Blausäure in den Überresten der Anlagen zur massenhaften Vernichtung nachgewiesen hatten.
Braun: Vorwurf nach Artikel 55 des IPN-Gesetzes
Artikel 55 des IPN-Gesetzes stellt die öffentliche, den Fakten widersprechende Leugnung nationalsozialistischer Verbrechen unter Strafe. Darauf stehen bis zu drei Jahre Freiheitsentzug. Braun bestritt die Vorwürfe und verweigerte eine Aussage.
Er kündigte an, eine ausführliche Stellungnahme erst abzugeben, wenn ihm die schriftliche Begründung für die Anklagepunkte vorliegt. Vor dem Gebäude des IPN betonte er, er stelle die "mythischen Gaskammern" in Auschwitz in Frage, obwohl Staaten diese Fakten, wie er sagte, als allgemein bekannt und unbestreitbar darstellen.
Vor der Krakauer IPN-Zweigstelle versammelten sich Unterstützer des Politikers zu einer Kundgebung. Die Teilnehmer sangen die Nationalhymne und sprachen Gebete. Grzegorz Braun nutzte den Auftritt, um an den Kandidaten der Konfederacja Korony Polskiej (auf Deutsch etwa "Konföderation der Polnischen Krone" für die vorgezogene Wahl des Stadtpräsidenten von Krakau zu erinnern. Braun ist die zentrale Figur der Partei. Er ist deren Vorsitzender und seit 2024 Mitglied des Europäischen Parlaments. Außerdem sitzen derzeit drei KKP-Abgeordnete im polnischen Abgeordnetenhaus.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung ordnet die KKP der extremen Rechten zu. Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist das christdemokratische Gegenstück zur Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD), Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP), Hanns-Seidel-Stiftung (CSU) oder Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne).
Die Partei Konfederacja Korony Polskiej selbst beschreibt sich als konservativ-traditionalistisch.
"Ich möchte nur klarstellen, dass die Behauptung, niemand stelle die Haggada des Holocaust und die Haggada der Gaskammern in Auschwitz und anderswo infrage, nicht der Wahrheit entspricht. Es gibt weltweit eine sehr umfangreiche, man könnte sagen überaus reichhaltige Literatur zu diesem Thema", sagte Grzegorz Braun vor dem Gebäude der IPN-Staatsanwaltschaft in Krakau.
Sein Anwalt Jacek Wilk, betonte, Braun bestreite die Verbrechen nicht direkt, sondern führe eine wissenschaftliche Diskussion über Fakten und Forschungsmethoden. Er hob hervor, dass die Verteidigung eine detaillierte Begründung der Anklage erwartet.
Braun ohne Immunität, mit neuen Vorwürfen
Die Möglichkeit, Anklage gegen Braun zu erheben, war möglich, nachdem das Europäische Parlament seine Immunität aufgehoben hatte. Die Ermittler leiteten das Verfahren Mitte Juli 2025 ein, unter anderem aufgrund von Anzeigen der Abgeordneten Anna Maria Żukowska (Vorsitzende der parlamentarischen Fraktion Lewica (Die Linke), des Direktors des Museums Auschwitz-Birkenau Piotr Cywiński, und des Vorsitzenden der als linksliberal eingeordneten Stiftung Basta, Bartosz Staszewski.
Gegen den polnischen Europaabgeordneten Grzegorz Braun gibt es mehrere strafrechtliche Vorwürfe, die auf teils spektakuläre politische Aktionen zurückgehen:
2022 soll er im Nationalen Kardiologischen Institut in Warschau den damaligen Institutsdirektor Łukasz Szumowski an Arm und Kleidung gezerrt und ihm den Weg versperrt haben; außerdem soll er ihn öffentlich verleumdet haben, indem er ihm vorwarf, seine dienstlichen Pflichten unter Alkoholeinfluss auszuüben. 2023 soll Braun einen Weihnachtsbaum und dessen Dekoration in einem Krakauer Gerichtsgebäude beschädigt, im Deutschen Historischen Institut in Warschau mehrere technische Geräte und Einrichtungsgegenstände beschädigt und das Gebäude trotz Aufforderung nicht verlassen haben.
Besonders bekannt ist der Vorfall vom 12. Dezember 2023 im polnischen Abgeordnetenhaus, als Braun mit einem Feuerlöscher die brennenden Chanukka-Kerzen löschte. Dabei soll er eine intervenierende Person mit dem Pulverstrahl getroffen, deren körperliche Unversehrtheit verletzt und einen leichten Gesundheitsschaden verursacht haben, der als mutmaßliche Körperverletzung gewertet wird. Darüber hinaus wird ihm vorgeworfen, eine religiöse Gruppe öffentlich beleidigt, die öffentliche Durchführung einer religiösen Handlung gestört und einen Gegenstand religiöser Verehrung entwürdigt zu haben.