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Gedenken an Beginn des Zweiten Weltkriegs: Polen im Schatten des Ukraine-Kriegs

Gedenken auf der Westerplatte am 87. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs, 1. September 2026
Gedenken auf der Westerplatte am 87. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs, 1. September 2026 Copyright  Fot. Mikołaj Bujak/ KPRP
Copyright Fot. Mikołaj Bujak/ KPRP
Von Katarzyna Kubacka
Zuerst veröffentlicht am
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Um 4.45 Uhr haben an diesem 1. September in Polen die Gedenkveranstaltungen zum 87. Jahrestag des Kriegsausbruchs begonnen. Präsident Nawrocki fordert Reparationen, Ministerpräsident Tusk pocht auf starke Bündnisse.

Am 1. September 1939 eröffnete das Schlachtschiff "Schleswig-Holstein" das Feuer auf die Militärische Transitstation auf der Westerplatte. Dieses Ereignis gilt offiziell als Beginn des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig begannen deutsche Angriffe auch an anderen Orten, teils früher, teils fast zeitgleich. Gegen 4.40 Uhr bombardierte die deutsche Luftwaffe Wieluń, in Grenzorten kam es zu ersten Gefechten und Beschuss.

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Bei den Gedenkfeiern zum 87. Jahrestag des Kriegsbeginns auf der Westerplatte nahmen Vertreter der Staatsführung teil, die in ihren Reden auch auf die aktuelle Sicherheitslage eingingen. Präsident Karol Nawrocki sprach über Reparationen und deutsche Aggression, Ministerpräsident Donald Tusk betonte die Notwendigkeit realer Bündnisse und warnte vor einer "braunen Welle von Aggression und Verachtung".

Zwei Sichtweisen: Nawrocki fordert Reparationen, Tusk warnt vor Russland

Die Gedenkfeiern fallen in eine besonders angespannte Zeit für Europa, vor allem für die Staaten an der östlichen NATO-Flanke. Hintergrund ist der Krieg in der Ukraine und die wachsenden Sicherheitsrisiken in der Region. Zugleich nutzen Politiker den Anlass, um ihre Vorstellungen von Außen- und Sicherheitspolitik und vom Verhältnis zu Verbündeten zu skizzieren.

Als Erster ergriff bei der Zeremonie Präsident Karol Nawrocki das Wort. "Die Erinnerung an den 1. September verlangt von uns Wahrheit und Verantwortung", sagte er und knüpfte an das Leid an, das Deutsche den Polinnen und Polen zufügten. Er betonte, dass am 1. September 1939 eine "Hekatombe" (im übertragenen Sinne eine große Zahl von Menschen, die dem Ereignis zum Opfer fielen; A.d.R.) und ein "Pandämonium" (Gesamtheit der bösen Geister, Ort des Grauens, A.d.R) begannen, die die polnische Nation durch Deutsche und Sowjets trafen. Er erinnerte daran, dass im Krieg jeder sechste Pole ums Leben kam.

Archivaufnahme: Wasserfontänen und Rauchschwaden über der Westerplatte bei den deutschen Angriffen und der polnischen Gegenwehr. 18. September 1939
Archivaufnahme: Wasserfontänen und Rauchschwaden über der Westerplatte bei den deutschen Angriffen und der polnischen Gegenwehr. 18. September 1939 AP Photo

Nawrocki legte großen Wert auf die Erinnerung an die deutsche Aggression und die Polen zugefügten Schäden. Er kritisierte, dass über diesen Teil der Geschichte in Deutschland wie in Europa noch immer zu wenig gesprochen werde. In seiner Rede sagte er: "Die Deutschen brauchten keinen Adolf Hitler, um Polen, Polinnen und Polen sowie die polnische Kultur zu verachten", und unterstrich die Notwendigkeit, immer wieder an die Verantwortung für die im Krieg begangenen Verbrechen zu erinnern.

Der Präsident erklärte außerdem, dass Polen Reparationen erhalten solle, die nicht nur der Vergangenheit und der historischen Gerechtigkeit, sondern auch der Zukunft dienen. Die Entschädigung müsse, so Nawrocki, in den Ausbau der polnischen Rüstungsindustrie fließen.

"Ich appelliere von hier, von der Westerplatte, an den deutschen Bundeskanzler und an das deutsche Volk. Klären wir die Frage der Reparationen und Entschädigungen im Sinne der historischen Gerechtigkeit, aber auch im Sinne der Zukunft", forderte der Präsident.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“

Eine etwas andere Perspektive entwickelte Ministerpräsident Donald Tusk in seiner Ansprache. Er hob besonders hervor, dass Polen in der aktuellen geopolitischen Lage sowohl verlässliche Bündnisse als auch eine eigenständig handlungsfähige Armee brauche.

"Von hier, von der Westerplatte, sind Tausende Worte gesprochen worden. Über die Jahrzehnte haben wir, die Polinnen und Polen, immer dasselbe gesagt – nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus", erklärte Tusk.

Er machte deutlich, dass "die Verantwortung für den Albtraum des Zweiten Weltkriegs auf dem nationalsozialistischen Deutschland liegt, aber auch auf dem sowjetischen Russland".

Tusk betonte, die wichtigste Lehre aus dem September 1939 sei der Aufbau starker eigener Verteidigungsfähigkeiten und glaubwürdiger Bündnisse. Polen dürfe im Falle einer Bedrohung nicht allein auf den Heldenmut seiner Soldaten vertrauen und auch nicht untätig auf Hilfe anderer Staaten warten. "Wir müssen auf unsere eigene Stärke und auf reale Bündnisse setzen", bekräftigte er.

Zugleich forderte Tusk, Polen müsse auf die Haltung "aller Führungspersönlichkeiten der freien Welt" einwirken, damit sie aus dem Zweiten Weltkrieg die Lektion von Solidarität und Zusammenhalt ziehen. "Das darf kein Bündnis nur auf dem Papier sein." Tusk warnte zudem vor einer in vielen Ländern wieder aufkommenden Welle der Aggression.

"Wir dürfen niemandem erlauben – weder hier bei uns in Polen, noch in Europa oder in den Vereinigten Staaten –, dass es zu einer Wiederholung der braunen Welle von Aggression und Verachtung kommt. Der Heldenmut unserer Soldaten hier auf der Westerplatte, auf (der Halbinsel) Hela, der Heimatarmee, jener, die Monte Cassino stürmten, wäre sonst vergeblich gewesen", betonte Tusk.

Kosiniak-Kamysz: "Soldaten von der Westerplatte fragten einander nicht, wen sie gewählt hatten"

Bei den Feierlichkeiten sprach auch Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz. Er erinnerte daran, wie isoliert die polnischen Soldaten bei der Verteidigung der Westerplatte damals waren. Entscheidend sei, so der Minister, in Zukunft eine Lage zu verhindern, in der polnische Soldaten erneut allein gelassen werden.

"Der Mut der Heldinnen und Helden, der Verteidiger der Westerplatte, kannte keine Grenzen. Grenzen hatten nur die Vorräte", sagte er. 87 Jahre später wolle er als Verteidigungsminister "nicht neue gefallene Helden heranziehen", sondern dafür sorgen, "dass polnische Soldaten immer nach Hause zurückkehren".

"Heldentum ist das, was bleibt, wenn alles andere fehlt", konstatierte Kosiniak-Kamysz. "Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es nicht so weit kommt."

Er verwies auch darauf, wie wichtig eine widerstandsfähige Gesellschaft ist, und knüpfte an die zunehmende politische Polarisierung in Polen an.

Kosiniak-Kamysz erinnerte daran, dass sich die Soldaten auf der Westerplatte nicht nach politischen Ansichten sortierten. "Sie fragten einander nicht, wen sie gewählt hatten. Sie trugen eine Uniform und hatten einen Befehl", sagte er. Unterschiede seien ein natürlicher Teil einer freien Gesellschaft, doch politische Auseinandersetzungen hätten ihre Grenzen. "Es gibt eine Grenze des Streits, jenseits derer er kein Streit mehr ist, sondern ein Geschenk für jene, die uns Böses wünschen", warnte der Minister und nannte das "pathetisch gesprochen die Staatsräson".

Gedenkveranstaltungen zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs finden auch in Wieluń statt, wo unter anderem Sejmmarschall (Parlamentspräsident) Włodzimierz Czarzasty anwesend ist. Um 4.00 Uhr heulten in der Stadt die Sirenen.

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