Was passiert, wenn man die hohen Preise in New York nimmt, eine Prise österreichisches Brothandwerk dazumischt und das Ganze mit minimalistischem Design im hippen Stadtteil Soho garniert? Die Antwort: ein Laib Roggenbrot für 60 US-Dollar.
New York ist für Bagels und seine hohen Preise bekannt, Österrreich genau wie Deutschland für seine Liebe zum Brot. Nun treffen beide Welten aufeinander: Ein Grazer Familienunternehmen backt sein Roggensauerteigbrot künftig mitten in Soho, in schick-minimalistischer Aufmachung und verlangt dafür 60 US-Dollar pro Laib, also umgerechnet rund 52 Euro.
Die neue Bäckerei "Rye" (englisches Wort für "Roggen") in der Lafayette Street beschränkt sich bewusst auf ein einziges Produkt: ein rund 1,5 Kilogramm schweres Bio-Roggenbrot aus Natursauerteig, ohne Hefe. Wer keinen ganzen Laib möchte, kann kleinere Portionen oder belegte Stullen bestellen, etwa mit Schokocreme, Kaviar oder Butter. Gebacken wird in einem zwei Tonnen schweren Ofen, der laut Betreiber speziell aus Deutschland importiert wurde.
Hinter dem Konzept steht die Familie Auer aus Graz, die in Österreich in dritter Generation mehr als 40 Filialen betreibt.
Dass ausgerechnet Roggenbrot zum Aushängeschild wird, ist kein Zufall: Österreich gilt traditionell als Roggennation, nirgendwo sonst in Europa hat diese Getreidesorte einen so hohen Anteil an der Brotproduktion.
Gründer Martin Auer erklärt seine Motivation in einer dpa-Meldung: Man könne es "kaum erwarten", die Begeisterung für Natursauerteigbrot mit den New Yorkern zu teilen. Die Vorteile des Brots seien das intensive Aroma, die lange Frischhaltung und die Bekömmlichkeit.
Brot gilt laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung und Weltgesundheitsorganisation ohnehin als wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung, vor allem wegen seines hohen Ballaststoffanteils, der nachweislich das Risiko für Herzinfarkt und Darmkrebs senken kann.
Der Ursprung der Rezeptur reicht laut Unternehmensangaben Jahrzehnte zurück: Auer Senior soll das Verfahren einst bei einer Bäuerin auf einer Alm kennengelernt und später nach Graz gebracht haben.
Sollte ein Brot so viel kosten?
Die lange Tradition hat ihren Preis. Martin Auer selbst zeigt sich von der Kritik unbeeindruckt, äußert aber Verständnis dafür. Sein Argument: New York zähle zu den teuersten Städten der Welt, die Straße seines Ladens in Soho zu den teuersten dieser Stadt.
Der Deutschen Presse-Agentur sagt er: "Das ist eine der aller teuersten Städte der Welt, eine der aller teuersten Straßen in dieser aller teuersten Stadt. Die sollen sich mal anschauen, was hier eine Wohnung kostet." Hinzu komme, dass sämtliche Rohstoffe für das Brot importiert werden müssten.
Auch das Herstellungsverfahren selbst treibt den Preis: Natursauerteig braucht, anders als schnell gehendes Hefebrot, teilweise mehrere Tage Reifezeit, in denen Mikroorganismen den Teig langsam säuern und lockern. Das bindet Personal, Zeit und Platz in der Backstube und macht Sauerteigbrot grundsätzlich teurer als industriell gefertigte Ware.
Trotzdem bleibt "Rye" auch für New Yorker Verhältnisse eine Ausnahme: Ein gewöhnlicher Laib Brot kostet in der Stadt im Schnitt nur wenige Dollar, handwerklich gebackenes Sauerteigbrot ist vielerorts für 10 bis 20 Dollar erhältlich.
Was das Brot pro Kilo kostet
Rechnet man den Literpreis auf das Kilo herunter, kostet das "Rye"-Brot umgerechnet etwa 40 Dollar, also rund 34 Euro pro Kilogramm. Zum Vergleich: In Deutschland zahlen Kunden beim Bäcker im Schnitt gut fünf Euro pro Kilo Brot, im Supermarkt gut drei Euro.
Auch die Berliner Biobäckerei-Kette "Zeit für Brot", bekannt für ihre schicke Ladengestaltung und ihre Fangemeinde, bewegt sich mit ihrem meistverkauften Hausbrot bei rund neun bis zehn Euro pro Kilo. Das ist deutlich über dem Bundesschnitt, aber immer noch nur ein Viertel dessen, was in Soho verlangt wird.
Gemischte Reaktionen
Im Netz ist der Brotpreis Gesprächsthema. Kritiker sehen darin ein Grundnahrungsmittel, das zum Luxusartikel für Wohlhabende gemacht werde. Eine Bäckerin schreibt in einem Kommentar, der Preis sei "völlig realitätsfern", gerade in Zeiten, in denen über Nachhaltigkeit und Zugänglichkeit von Lebensmitteln diskutiert werde. Andere Nutzer nennen die Summe eine Frechheit, selbst für New Yorker Verhältnisse.
Es gibt aber auch Zuspruch. Manche Kommentatoren freuen sich schlicht über ein Brot ohne lange Zutatenliste und ungebleichtes Mehl und verweisen darauf, dass gute Bäckerei-Ware in New York ohnehin oft 20 bis 30 Dollar koste. Andere verweisen auf die Lage in Soho, wo überwiegend wohlhabende Bewohner leben, und finden den Preis dort nachvollziehbar.
Zwischen Empörung und Begeisterung ist zumindest eins sicher: Gleichgültig lässt das Brot aus Graz kaum jemanden.