Laut einer YouGov-Umfrage in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen würde fast die Hälfte der Europäer ein EU-Verbot von X unterstützen, falls die Plattform weiter gegen EU-Regeln verstößt.
Laut einer neuen YouGov-Umfrage in fünf großen EU-Staaten würde fast jede zweite Person in Europa ein Verbot der Social-Media-Plattform X in der Europäischen Union unterstützen. Voraussetzung: Die Plattform verstößt weiter gegen EU-Regeln.
Die Befragung in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen zeigt, dass der Ärger vieler Wählerinnen und Wähler wächst. Sie finden, dass die Plattform von Elon Musk europäische Digitalregeln nicht einhält.
Zwischen 60 und 78 Prozent der Befragten in jedem Land finden, die EU solle härter gegen X vorgehen, falls das Unternehmen die vom vergangenen Jahr bekannten Verstöße der Europäischen Kommission nicht ausräumt.
Unter den Befürwortern zusätzlicher Schritte sprach sich eine klare Mehrheit – zwischen 62 und 73 Prozent – dafür aus, X im Fall anhaltender Verweigerung zu verbieten. Insgesamt befürworteten 47 Prozent aller Befragten ein mögliches Verbot.
Die Ergebnisse werden bekannt, nachdem die Europäische Kommission X am fünften Dezember vergangenen Jahres auf Grundlage des Digital Services Act (DSA) mit einer Geldbuße von 120 Millionen Euro belegt hat. Der Vorwurf: X erfüllte Transparenzpflichten nicht.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das blaue Häkchen. Früher kennzeichnete es kostenlos offizielle Konten, inzwischen kostet es 7 Euro im Monat. Kritiker sehen die Gefahr, dass Nutzerinnen und Nutzer dadurch echte und falsche Identitäten schlechter auseinanderhalten können.
Die Kommission stellte zudem fest, dass X auch bei Werbung auf der Plattform gegen Transparenzpflichten verstößt. Die Grenze zwischen Anzeigen und Inhalten verschwimme, was finanzielle Betrügereien gegenüber Nutzerinnen und Nutzern begünstigen könne. X hat nun 90 Arbeitstage Zeit, auf die Vorwürfe zu reagieren.
Seitdem stehen das Unternehmen und sein integrierter KI-Assistent Grok noch stärker unter Beobachtung. Kritiker werfen der Plattform vor, schädliche Inhalte zu verstärken – darunter Deepfake-Pornografie und Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder.
In der vergangenen Woche durchsuchten französische Ermittler die Pariser Büroräume von X im Rahmen eines laufenden Verfahrens zu Missbrauchsdarstellungen von Kindern.
Öffentliche Unterstützung für härteres Vorgehen gegen X
Die YouGov-Zahlen zeigen einen deutlichen Wunsch nach konsequenterer Durchsetzung der Regeln gegenüber großen Tech-Konzernen. Reagiert X nicht ausreichend auf die Geldbuße der Kommission, würden 70 Prozent der Befragten weitere Konsequenzen unterstützen.
Von ihnen plädierten zwischen 17 und 28 Prozent für zusätzliche Geldstrafen. Zwischen 23 und 29 Prozent befürworteten ein vollständiges Verbot der Plattform.
Die größte Gruppe – 40 bis 52 Prozent der Befürworter weiterer Schritte – sprach sich dafür aus, X sowohl erneut zu bestrafen als auch den Dienst in der EU zu verbieten.
„Die Menschen in Europa haben genug von leeren Warnungen. X wurde mit einer Geldbuße belegt, untersucht und bekam jede Gelegenheit, die Regeln einzuhalten – und das Unternehmen hat sich stattdessen über die EU lustig gemacht“, sagte Ava Lee, Geschäftsführerin von People vs Big Tech, einer Bewegung aus 149 zivilgesellschaftlichen Organisationen.
„X ist vielleicht die erste große Plattform, die sich einer so strengen Prüfung durch die Kommission stellen muss, aber sie wird nicht die letzte sein“, fügte sie hinzu.
„Die jüngsten Umfragewerte zeigen: Europas Abgeordnete haben die Chance, mit X einen wichtigen Präzedenzfall zu schaffen und Big Tech unmissverständlich zu signalisieren: Europäisches Recht steht an erster Stelle.“
Trotz der in der Umfrage deutlich werdenden Zustimmung gilt ein Verbot einer großen Plattform im EU-Recht als äußerstes Mittel. Die Kommission hat bislang nicht erkennen lassen, dass sie einen solchen Schritt konkret prüft.
Sollten soziale Netzwerke verboten werden?
Die Umfrage lief vor dem Hintergrund einer zunehmend hitzigen politischen Debatte über die Regulierung sozialer Netzwerke.
Spanien, Frankreich, Dänemark, Italien, Griechenland, Finnland, Deutschland und das Vereinigte Königreich prüfen derzeit Maßnahmen. Sie könnten die Nutzung sozialer Medien für Minderjährige stark einschränken oder ganz verbieten – als Reaktion auf Sorgen über „illegale und hasserfüllte Inhalte“.
Am zehnten Dezember 2025 setzte Australien einen Präzedenzfall und führte die weltweit schärfsten Auflagen für soziale Medien für unter Sechzehnjährige ein. Millionen Konten Minderjähriger wurden gelöscht.
Interviews mit Jugendlichen, Eltern und Forschenden zeigen jedoch: Viele Kinder nutzen verbotene Apps weiterhin über einfache Umgehungswege. Das wirft die Frage auf, ob sich die Regeln überhaupt wirksam durchsetzen lassen.
Fachleute betonen, es sei noch zu früh, um die Wirkung des australischen Verbots seriös zu bewerten.
„Bei den meisten liegt der erste Messpunkt bei etwa sechs Monaten. Ich würde andere Länder, politische Entscheidungsträger und Wählerinnen und Wähler, die von dieser Idee begeistert sind, daher ermutigen, zunächst die Daten abzuwarten“, sagte Professorin Kathryn Modecki von der University of Western Australia.