Ab 2026 treten in der Formel 1 neue Regeln in Kraft. Sie stellen das technische Konzept der Boliden vom Chassis bis zum Antrieb grundlegend auf den Prüfstand.
Die neue Saison der Formel 1 beginnt an diesem Wochenende. Neue Technik und ein überarbeitetes Reglement stellen den Sport grundlegend neu auf.
Die Regeln für 2026 bedeuten den größten Einschnitt seit Jahrzehnten in der Geschichte der Königsklasse. Kreative Ingenieurskunst steht im Mittelpunkt: Mit neuen Antriebseinheiten, neu gezeichneter Aerodynamik und nachhaltigen Kraftstoffen rückt die Serie näher an normale Straßenfahrzeuge – und an ihr Ziel, bis 2030 klimaneutral zu werden.
Der Antrieb
Eine der wichtigsten Neuerungen betrifft das Herz des Autos: die Antriebseinheit. Seit 2014 setzt die Formel 1 auf Hybridmotoren. Nun rückt der elektrische Anteil noch stärker in den Vordergrund: Laut dem Weltverband Fédération Internationale de l'Automobile (FIA) steigt die Leistung der Batterie im Vergleich zur letzten Motorengeneration um rund dreihundert Prozent.
Die Antriebseinheit besteht aus dem Verbrennungsmotor (Internal Combustion Engine, ICE), dem Turbolader, der Batterie und der Motor-Generator-Einheit (MGU-K). Sie gewinnt beim Bremsen Energie zurück und speist sie wieder ein.
In dieser Saison bleibt es beim 1,6-Liter-V6-Turbomotor. Der neue Antrieb setzt jedoch auf eine nahezu hälftige Aufteilung zwischen Elektroenergie und Verbrennungskraft.
Damit nähert sich die Technik stärker dem Alltagsauto an. Reine Verbrenner mit fossilen Kraftstoffen verschwinden schrittweise vom Markt. Die EU hat beschlossen, den Verkauf neuer Benzin- und Diesel-Pkw ab 2035 zu untersagen; den Beschluss passte sie im vergangenen Dezember nochmals an.
Die stärkere Annäherung an Straßenfahrzeuge soll auch Hersteller anlocken. Fords Rückkehr in die Formel 1 gemeinsam mit Red Bull Powertrains etwa hängt eng mit dem Interesse des Konzerns an Elektroautos und übertragbaren Innovationen zusammen.
„Fords Rückkehr in die Formel 1 mit Red Bull Racing steht dafür, wohin wir uns als Unternehmen bewegen: zunehmend elektrische, softwarebasierte, moderne Fahrzeuge und Mobilitätserlebnisse“, sagte Jim Farley, Präsident und CEO der Ford Motor Company.
„Die Formel 1 ist für uns eine äußerst kosteneffiziente Plattform, um zu entwickeln, Ideen und Technologien zu teilen und mit zig Millionen neuer Kundinnen und Kunden in Kontakt zu treten.“
Auf der Strecke bedeuten die neuen Motorenregeln eine anspruchsvollere Saison. Die Teams müssen über das Jahr hinweg lernen, wie sich die Antriebseinheit unter echten Rennbedingungen verhält. Probleme mit der Standfestigkeit des Motors oder unvorhersehbare Leistungsschwankungen könnten das Jahr prägen.
Aus diesen Erfahrungen passen die Motorenhersteller ihre Aggregate an und versuchen, Schwachstellen für die kommenden Jahre unter dem neuen Reglement zu beseitigen.
Neu ist auch der sogenannte "Overtake Mode". Er stellt zusätzlichen elektrischen Schub bereit, wenn ein Fahrer weniger als eine Sekunde (früher das sogenannte "DRS-Fenster") hinter einem Konkurrenten liegt und einen Erkennungspunkt auf der Strecke überfährt.
Er ersetzt eines der bisherigen Hilfsmittel: das Drag Reduction System (DRS). Mit DRS konnten die Piloten einen Flügelspalt am Heckflügel öffnen, den Luftwiderstand verringern und in bestimmten Zonen schneller fahren, um Gegner innerhalb von einer Sekunde Distanz anzugreifen.
Das Aus für DRS und neue Aero-Tricks
DRS weicht dem neuen System "Active Aero". Es beeinflusst den Abtrieb, der das Auto auf die Strecke presst. Vordere und hintere Flügel lassen sich verstellen und reduzieren auf definierten Streckenabschnitten den Luftwiderstand. Die Fahrer dürfen Active Aero in jeder Runde nutzen und sind nicht mehr an einen bestimmten Abstand zum Vordermann gebunden.
Die Flaps lassen sich in zwei Betriebsarten stellen. Der "Z-Modus" erzeugt viel Abtrieb, wichtig vor allem in Kurven; beim Bremsen springt das Auto automatisch in diesen Modus zurück.
Der "X-Modus" verringert den Luftwiderstand und darf in ausgewiesenen Zonen aktiviert werden. Er ermöglicht höhere Geschwindigkeiten auf den Geraden. Active Aero soll aber nicht nur Überholmanöver erleichtern. Weil die neuen Antriebe viel stärker auf elektrische Energie setzen, hilft die reduzierte Luftreibung auf den Geraden auch, Energie zu sparen.
Teams und Fahrer testen derzeit aus, was die neuen Systeme für das Racing bedeuten. "Wir sind alle an ein bestimmtes Format gewöhnt ... aber im nächsten Jahr, 2026, werden alle Fahrer vorne und hinten verstellbare Flügel gleichzeitig nutzen, an vielen Punkten der Runde, und sie werden die Energiereserven gezielt einsetzen, um zu überholen", sagte Simone Resta, stellvertretender Technischer Direktor von Mercedes, im Dezember.
"Das wird anders und vermutlich deutlich schwerer vorhersehbar, weil die Fahrer die Energie sehr unterschiedlich für ihre Manöver einsetzen werden."
Technik im Test: Teams im Fokus
Die Vorsaison-Tests in Bahrain im Februar boten einen ersten Blick darauf, wie die Teams das neue Reglement auslegen. Dort zeigten sich die technischen Kniffe, auf die sich Fans nun freuen können.
Ferrari-Pilot Charles Leclerc fuhr im letzten Test die schnellste Zeit. Der Ansatz des Teams bei der Auslegung der Regeln hat zu einigen cleveren Lösungen geführt.
Nach Einschätzung von „Tech Talk“ auf F1TV scheinen die Ferrari-betriebenen Teams beim Design ihrer Antriebseinheit besonders den Rennstart im Blick gehabt zu haben. Außerdem setzt Ferrari auf einen drehbaren Heckflügel und eine Platte hinter dem Auspuffendrohr.
Auch Mercedes hat sich als starker Kandidat für die neue Saison präsentiert. Beide Autos gehörten in den Tests zu den Schnellsten und spulten im zweiten Durchgang die meisten Runden ab, berichtet die Formel 1.
Mercedes beliefert drei Teams – Mercedes, McLaren und Alpine – mit Motoren. Zugleich stand der Hersteller im Zentrum einer Vorsaison-Kontroverse um seine Aggregate; nach Angaben der FIA könnte sie noch zu einer Regelanpassung mitten in der Saison führen.
Red Bull entwickelt inzwischen eigene Antriebseinheiten für Oracle Red Bull Racing und Visa Cash App Racing Bulls – in Partnerschaft mit Ford.
Nachhaltige Kraftstoffe
In diesem Jahr setzt die Formel 1 auf Advanced Sustainable Fuels. Dabei handelt es sich um synthetische Kraftstoffe aus Quellen wie Restbiomasse oder kommunalem Abfall, so die FIA.
Gemeinsam mit der britischen Non-Profit-Organisation Zemo Partnership hat der Verband das "Sustainable Racing Fuel Assurance Scheme" (SRFAS) entwickelt. Es prüft, ob alle Formel-1-Kraftstoffe die Vorgaben der FIA erfüllen.
Die Kraftstoffe kamen bereits in den Meisterschaften der Formel 2 und Formel 3 zum Einsatz. Nach Angaben der Formel 1 sind sie als "Drop-in"-Kraftstoffe ausgelegt. Das heißt: Sie lassen sich als direkte Alternative zu herkömmlichem Sprit verwenden und sind mit bestehenden Motoren und Antriebstechnologien kompatibel.
Die Formel 1 will technologisch nah am Straßenverkehr bleiben und Innovationen hervorbringen, die den Alltag verändern können.
"Langfristig sollen diese Kraftstoffe auch für den Markt des Straßenverkehrs verfügbar werden und die Treibhausgasemissionen im Transportsektor senken", erklärte die FIA dazu.
Die in dieser Saison gezeigten Innovationen könnten später in Alltagsautos einfließen und den Motorsport insgesamt nachhaltiger machen.
"Die größte Herausforderung ist wahrscheinlich, dass wir wirklich bei null anfangen: neue Reifen, neuer Kraftstoff, neuer Motor, neues Chassis, neue Sportregeln – alles ist neu. Das ist ziemlich anspruchsvoll", sagte Ferrari-Teamchef Frédéric Vasseur bei Sky Sports.
"Aber genau diese Art von Herausforderung macht im Kern die DNA unseres Sports aus."
Verstappen: "Formel E-Auto auf Steroiden"
Weniger besorgt und vielmehr frustriert ist hingegen Ex-Weltmeister Max Verstappen. Er musste in der vergangenen Saison zum ersten mal seit vier Jahren den Thron der Spitzenklasse räumen.
Den Red Bull Piloten stören in diesem Jahr vor allem die Auswirkungen, die die Änderungen der Boliden auf das Fahrgefühl haben. Sein hartes Urteil: "Es fühlt sich nicht mehr wie Formel 1 an, eher wie Formel E auf Steroiden", wie er am Rande der Testfahrten in Bahrain im Februar sagte.
Ganz anders der Ton seines Konkurrenten und aktuellem Weltmeister Lando Norris. Der findet, die 2026er-Boliden würden "verdammt viel Spaß" machen.
Davon könnten auch die Zuschauer profitieren.
"Man wird mehr Positionswechsel sehen, mehr Manöver mit Überschussgeschwindigkeit. Aber diese Person muss dann vielleicht mehr verteidigen als früher. Das wird mehr Chaos verursachen - was für euch [die Medien und Fans] natürlich großartig ist", so der McLaren fahrer.
Wie sich die Regel auf die Rennen auswirken, werden Fans – und Fahrer – letztendlich erst zum Saisonstart am Sonntag im Albert Park in Australien herausfinden.
Und wer weiß: Sollte Verstappen in diesem Jahr wieder den Weltmeistertitel in greifbarer Nähe haben, macht ihm vielleicht auch – wie er es nennt – "Formel E auf Stereoiden" Spaß.