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Erfundene Beweise: Desinformationskampagne prägt Ungarns Wahl

Anhänger von Ministerpräsident Viktor Orbán schwenken Fahnen bei einer Wahlkampftour in Kaposvár, Ungarn, am 16. März 2026, vor der Parlamentswahl am zwölften April.
Anhänger von Ministerpräsident Viktor Orbán schwenken Fahnen bei einer Wahlkampftour in Kaposvár, Ungarn, am 16. März 2026 vor der Parlamentswahl im April. Copyright  AP Photo/Denes Erdos
Copyright AP Photo/Denes Erdos
Von Anna Desmarais
Zuerst veröffentlicht am
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Analysten für Desinformation sahen vor den Wahlen neue Taktiken: erfundene Propagandameldungen, private Facebook-Gruppen und Hinweise auf russische Einmischung.

Die Parlamentswahl in Ungarn geriet zu einem Brennpunkt der Desinformation. Sie reichte von erfundenen Parteiprogrammen bis hin zu Einflussoperationen mit Kreml-Bezug.

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Nach der Abstimmung am Sonntag und dem historischen Ergebnis lohnt sich ein genauer Blick darauf, mit welchen Mitteln die Wahl beeinflusst werden sollte.

Die Tisza-Partei von Péter Magyar errang eine Zwei-Drittel-Mehrheit mit 138 Sitzen im 199-köpfigen Parlament und stürzte den langjährigen Ministerpräsidenten Viktor Orbán nach sechzehn Jahren an der Macht.

Der Wahlkampf stand zwar international vor allem wegen möglicher ausländischer Einmischung im Fokus, insbesondere aus Russland. Doch Analysten betonen, dass der Großteil der kursierenden Desinformation aus dem Inland stammte, nicht aus Moskau.

Szilárd Teczár, Journalist bei der ungarischen Faktencheck-Plattform Lakmusz, schätzt, dass mindestens neunzig Prozent in Ungarn ihren Ursprung hatten. Berücksichtige man Reichweite und Wirkung, könne der Anteil noch höher liegen, sagt er.

Innerhalb dieser inländischen Welle war Fidesz die treibende Kraft – und zwar nicht nur die Partei selbst.

Teczár verweist auf ein ganzes Umfeld aus Medien unter Fidesz-Einfluss oder -Kontrolle und vorgeschobenen Organisationen wie der Nationalen Widerstandsbewegung und Megafon, einem sogenannten Influencer-Netzwerk. Er nennt sie zwei der wichtigsten Akteure dieses Wahlkampfs.

Euronews Next beleuchtet die zentralen Erzählstränge dieses Wahlkampfs und neue Trends in der politischen Kommunikation – online wie offline.

Inländische Desinformation prägt Wahlkampf

Forschende zu Desinformation berichten, dass regierungsnahe Akteure in diesem Wahlkampf aggressiver vorgingen als bei früheren Urnengängen.

Eine neue Methode bestand laut Konrad Bleyer-Simon, Forschungsmitarbeiter am European University Institute, darin, ganze Nachrichtenberichte frei zu erfinden.

So habe Orbáns Partei ein gefälschtes Parteiprogramm für Tisza erstellt und an das ungarische Nachrichtenportal Index (Quelle auf Englisch) durchgestochen. Die Seite veröffentlichte daraufhin einen Artikel, laut dem die Opposition im Falle eines Wahlsiegs eine massive Steuererhöhung plane.

Tatsächlich handelte es sich laut Bleyer-Simon um ein Falsifikat, garniert mit frei erfundenen Vorschlägen wie einer Steuer auf Hunde und Katzen. Tisza klagte daraufhin mehrfach gegen Index und andere Medienhäuser für die Veröffentlichung des Berichts (Quelle auf Englisch).

Orbáns Partei griff anschließend auch auf den gefälschten Programmtext für Wahlplakate im ganzen Land zurück.

„Neu ist aus meiner Sicht, dass die Regierung über Propaganda hinausgeht und eigene Fakten schafft“, sagte er. „Sie versuchte, Belege für ihre Propaganda zu konstruieren.“

Orbáns Lager sei aus Angst vor einer Niederlage zu immer „extremeren“ Mitteln übergegangen, so Bleyer-Simon. Am Wochenende wurde diese Befürchtung mit Magyars klarem Sieg Realität.

Tisza setzte dem eine Basis-Kampagne entgegen. Parteimitglieder zogen „von Dorf zu Dorf“, um Unterstützung zu gewinnen. Das habe sie trotz aller Versuche, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben, deutlich widerstandsfähiger gegenüber Orbáns Partei gemacht, sagt Bleyer-Simon.

Russische Einmischung nach altbekanntem Muster

Die Handschrift des Kreml war im Wahlkampf durchaus zu erkennen. Fachleute für Desinformation sehen die tatsächliche Reichweite jedoch geringer als zunächst befürchtet.

Russland nutzte nach Einschätzung von Alice Lee, Analystin beim Portal NewsGuard, das „klassische Drehbuch“ der Wahleinmischung. Gefälschte Nachrichtenberichte enthielten teils krasse Vorwürfe gegen Orbáns Gegner.

Eine Einheit namens Matryoshka ist darauf spezialisiert, fingierte Video-Nachrichtenbeiträge zu produzieren.

In Ungarn produzierte die Gruppe laut Lee ein gefälschtes Video, das angeblich vom französischen Medium Le Monde stammte. Darin wurde behauptet, der ukrainische Künstler Denis Panshenko habe ungarische Hunde vergiftet.

Ein weiterer russischer Akteur, Storm 1516, verbreitete aufwendig gestaltete Texte, die echten Nachrichtenseiten ähnelten.

Einer dieser Texte behauptete, Orbáns Hauptgegner habe US-Präsident Donald Trump beleidigt. Die Geschichte fand auf der Plattform X weite Verbreitung.

Storm 1516 nahm auch andere Politiker von Tisza ins Visier und warf ihnen vor, Ungarn in den Krieg zwischen Russland und der Ukraine hineinzuziehen und die Beziehungen zu den USA weiter zu belasten, so Lee.

Warum dieser verstärkte russische Einsatz? Lee hat eine Erklärung.

„Die Russen mischen sich jetzt stärker ein, weil sie davon ausgingen, dass Orbán ziemlich sicher im Sattel sitzt“, sagt sie. „Er verfügt über eine Art Staatsmedien-Monopol und hat die Bevölkerung weitgehend im Griff.“

Ein großer Teil dieser Einmischung könnte jedoch ins Leere gelaufen sein.

Lakmusz stellte fest, dass viele russische Kampagnen auf Englisch und nicht auf Ungarisch liefen und vor allem auf X erschienen. Diese Plattform spiele im ungarischen Politikbetrieb eine deutlich geringere Rolle als Facebook, so Teczár.

„Wir sollten die Wirkung klar russischer Desinformationsstücke nicht übertreiben“, sagt er. „Unsere Auswertungen zeigen, dass deren Reichweite und Verbreitung eher begrenzt waren.“

Neue Werbebeschränkungen im Netz

Neue Vorgaben von Meta und Google zwangen ungarische Parteien dazu, ihre Strategien auf den beliebten Plattformen Facebook, Instagram und YouTube anzupassen, erläutert Bleyer-Simon.

Meta untersagte im vergangenen Oktober politische Werbung auf seinen Plattformen (Quelle auf Englisch) in der Europäischen Union und verwies auf „rechtliche Unklarheiten“.

YouTube führte bereits im September ähnliche Beschränkungen (Quelle auf Englisch) ein. Demnach sind Anzeigen politischer Akteure untersagt, wenn sie den Ausgang von Wahlen oder Referenden beeinflussen könnten.

Diese Regeln zeigten laut Bleyer-Simon und Teczár Wirkung. Auf den genannten Kanälen kursierte weniger Propaganda als in früheren Wahlkämpfen.

Fidesz fand jedoch Wege, weiterhin Werbung in sozialen Medien zu platzieren, fügen beide hinzu.

Die Partei gründete geschlossene Facebook-Gruppen wie den „Fighters Club“ mit mehr als 61.000 Mitgliedern und die Gruppe „Digitale Bürgerkreise“ mit über 100.000 Teilnehmenden.

In der ins Deutsche übersetzten Selbstbeschreibung des „Fighters Club“ heißt es, Viktor Orbán habe die Gruppe 2025 gegründet, um „Ungarns Interessen im digitalen Raum effektiv zu vertreten“.

Der Zugang erfolgt nur auf Einladung. Gesucht würden Ungarinnen und Ungarn, die „aktiv bereit sind, für Gott, Heimat und Familie zu handeln“, heißt es dort.

„Fidesz wollte mit diesen Gruppen eine Struktur aufbauen, mit der sich Unterstützer gezielt auf bestimmte Beiträge lenken lassen“, erläutert Teczár. Man könne sie dann anweisen, zu liken, zu teilen und zu kommentieren, um die Reichweite zu steigern. Die tatsächliche Beteiligung sei jedoch eher gering.

Nach Angaben der ungarischen NGO Political Capital schalteten beide Fidesz-nahen Gruppen zusammen über 4.000 Anzeigen bei Meta, um neue Mitglieder zu gewinnen.

Andere Facebook-Seiten wie „Heart of Hungary“ – offiziell als Reitsport-Gruppe geführt – schalteten (Quelle auf Englisch) laut Lakmusz fünf bezahlte Anzeigen. Grundlage war ein erfundener Artikel, der dem Tisza-Politiker Romulusz Ruszin-Szendi vorwarf, Ungarn für den Krieg in der Ukraine zu rekrutieren.

Diese Anzeigen erreichten innerhalb einer Woche mindestens 100.000 Personen.

Political Capital weist zudem darauf hin, dass Fidesz auf Facebook KI-generierte Videos für „Negative Campaigning, Diffamierung und das Schüren gesellschaftlicher Ängste“ einsetzte.

So veröffentlichte der Fidesz-Kandidat István Mohácsy ein kriegsähnlich inszeniertes KI-Video (Quelle auf Englisch), in dem die Tisza-Partei junge Ungarn an die Front bringen soll.

Weitere Parteimitglieder wie Ruszin-Szendi, Tibor Ferenc Halmai und Tamás Cseh erscheinen darin in Militäruniform.

Laut Political Capital setzten allerdings auch Tisza-Politiker KI ein, um regierungsnahe Angriffe und Diffamierungen zu kontern.

Magyar und mehrere Tisza-Politiker teilten (Quelle auf Englisch) auf Facebook KI-generierte Titelbilder des Magazins TIME, auf denen sie als „Person des Jahres“ auftreten. Damit entstehe der „Mythos des Mannes, der sich der Macht entgegenstellt“, so Political Capital.

Diese Videos und Anzeigen tauchen in der Meta-Werbebibliothek und ähnlichen früher verfügbaren Recherchewerkzeugen nicht auf. Forschende können ihre Verbreitung vor der Wahl daher deutlich schwerer nachvollziehen, resümiert Bleyer-Simon.

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