Der Buckelwal, der am Samstagmorgen nach einer wochenlangen Strandung im seichten Gewässer der Ostsee in die Nordsee bugsiert wurde, ist frei - aber die Organisatoren, zwei Unternehmer aus Deutschland, distanzieren sich jetzt von der Aktion.
Von dem Wal, der Samstagfrüh ins offene Meer entlassen wurde, sind am Sonntag Signale von dem Peilsender empfangen worden, der an dem Tier angebracht wurde. Indes kochen Vorwürfe hoch.
Samstagabend äußerte sich Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies in den sozialen Medien mit scharfer Kritik an den Ereignissen der letzten zwei Tage. In einem Facebook-Post sagte sie: "Es ist eine unfassbare Frechheit, was hier abgeht."
Der Kapitän der "Fortuna B" und die Schiffsbesatzung hätten die Helfer der privaten Initiative demnach nicht mitnehmen wollen. Nur Jeffrey Foster vom "Whale Sanctuary Project" habe durchsetzen können, den Wal auf der Barge zu begleiten. Die Tierärztinnen Dr. Kirsten Tönnies und Anne Herrschaft seien entgegen vorheriger Absprachen auf später vertröstet worden – wozu es nie gekommen sei.
Tönnies erklärte weiter, es habe keine Informationen gegeben. Außer Foster habe niemand kontrollieren können, "was dort los ist." Als Erklärung habe die Crew angegeben, sie habe Angst vor dem Filmen. Gemeint sei damit offenbar auch ein Drohneneinsatz über der Barge durch das Team von News5.
Die beiden Investoren, Trabrennbahn-Betreiberin Karin Walter-Mommert und Media-Markt-Gründer Walter Gunz, die den Rettungseinsatz einer privaten Initiative finanzierten, distanzierten sich indes von der Aktion, bei der das Tier freigelassen wurde. In einem Schreiben an die Bild-Zeitung äußern sie deutliche Kritik.
"Wir konstatieren hiermit, dass wir an der heutigen Entlassungsaktion des Wals weder beteiligt waren noch diese aktiv begleitet haben. Etwaige Konsequenzen für nicht abgestimmte Handlungen am und um den Wal haben der Eigner, die Betreiber und uns bekannte Personen der Crew der Schiffe Fortuna B und Robin Hood zu tragen."
Gedroht, das Handy ins Meer zu werfen
Walter-Mommert und Gunz bestätigen zudem die Vorwürfe der Tierärztin: Es seien von der Schiffscrew Maßnahmen ergriffen worden, "um den Wal von Bord zu bekommen", ohne dass die Tierärztinnen ihn noch einmal untersuchen konnten – obwohl dies zuvor vereinbart gewesen sei.
Wörtlich heißt es: Einer Bitte von Foster, "seine Teamgefährten und die Ärztinnen unverzüglich hinzuzuholen", sei nicht nachgekommen worden. "Ebenso wurde ihm im Laufe der Vorgänge untersagt, sein Handy zu nutzen, unter Androhung, dieses ins Meer zu werfen."
Abschließend heißt es: "Wir distanzieren uns hiermit ausdrücklich von den Geschehnissen und der Art und Weise, welche zur Aussetzung des Wals führten."
Das Tier war nicht am ursprünglich von der Rettungsinitiative geplanten Ort ins offene Meer entlassen worden, sondern rund 70 Kilometer nördlich von Skagen in Dänemark. Ursprünglich sollte es weiter westlich im offenen Nordatlantik freigelassen werden – deutlich außerhalb stark befahrener Küsten- und Schifffahrtsrouten.
Freigelassen, Tracker funktioniert nur sporadisch
Kritik gibt es auch von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus. In einem Statement beim Livestream-Anbieter News5 sagte er: "Was mich wirklich ärgert, ist ausdrücklich: Es war vereinbart, dass uns die Daten übermittelt werden, damit wir ihn auch begleiten können. (...) Uns sind bis heute keine Daten zur Verfügung gestellt worden."
Die Notwendigkeit, Daten zu übertragen, um den Wal verfolgen zu können, sei im Vorfeld besprochen worden. Zudem sollte auf der Barge ein Videosystem installiert werden, damit die Tierärzte den Vorgang überwachen können – beides sei nicht umgesetzt worden, sagte Backhaus.
Offenbar funktioniert der Sender nicht einwandfrei. Was er jedoch übermittelt sind Werte zu den Vitalfunktionen des Tieres.
Thema in internationalen Medien
Greenpeace kritisiert, der Wal sei in einer der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten Europas ausgesetzt worden. Die Überlebenschancen gelten als gering. Ohne Trackingdaten lasse sich nicht nachvollziehen, ob die Aktion dem Tier tatsächlich geholfen habe.
Eine Stellungnahme der Besatzung bleibt bisher aus. Der Kapitän der "Fortuna B" machte von seinem Hausrecht Gebrauch und untersagte dem Team jede weitere Dokumentation.
Zahlreiche internationale Medien haben über die "Walrettungsaktion" berichtet - von der New York Post über Al Jazeera bis hin zu ABC News Australia. Wie auch in Deutschland spalteten sich die Geister in der Debatte zwischen denen, die Rettung als ethische Pflicht sahen, und denen, die sie als ethisch fragwürdigen Eingriff betrachteten.