Kritiker werfen Palantir enge Verbindungen zu Armeen in aktuellen Konflikten und zur Einwanderungsbehörde ICE in den USA vor.
Europäische Regierungen wollen ihre Abhängigkeit von Palantir verringern. Das US-Datenanalyseunternehmen stellt mit seinen Plattformen die Daten- und KI-Infrastruktur für Streitkräfte weltweit.
Derk Boswijk, Staatssekretär für Verteidigung der Niederlande, sagte in der Zweiten Kammer des Parlaments in dieser Woche (Quelle auf Englisch), dass innerhalb von zwei Jahren eine „vollwertige Alternative“ zu Palantir verfügbar sein müsse.
Nach Angaben lokaler Medien nutzen die Niederlande Palantir seit 2010 in „sehr begrenztem, abgeschottetem und kleinem Umfang“.
Gleichzeitig arbeite die Regierung an einer „Strategie auf zwei Gleisen“, um die Abhängigkeit von dem Unternehmen zu verringern. Ziel sei es, so schnell wie möglich unabhängig agieren zu können. Unterlagen, die dem niederländischen Parlament vorliegen, zeigen, dass man eine europäische Alternative sucht.
Boswijk antwortete damit auf eine Frage der niederländischen Politikerin Michelle Jagtenberg. Sie warf dem Unternehmen eine „rassistische und antidemokratische Ideologie“ vor und forderte die Regierung auf, die Zusammenarbeit zu beenden. Zuvor hatte das Parlament bereits einen im Jahr 2025 angenommenen Antrag (Quelle auf Englisch) beschlossen, der die Regierung zu mehr Unabhängigkeit von Palantir und zu europäischen Lösungen auffordert.
Die Niederlande sind damit das jüngste Land in Europa, das seine Verträge von Palantir-Technologien lösen will.
Ein Bericht des britischen Parlaments kam kürzlich zu dem Schluss, dass Palantirs Programme für die Regierung des Vereinigten Königreichs einen „inakzeptablen Schwachpunkt“ darstellen. Die Schweiz lehnte Angebote von Palantir aus Sicherheitsgründen mindestens neunmal (Quelle auf Englisch) ab, und Dänemark sucht ebenfalls nach lokalen Alternativen zur Palantir-Software.
Euronews Next geht der Frage nach, welche Sorgen europäische Regierungen mit Blick auf den US-Rüstungstechnologie-Konzern haben und welche Verträge derzeit neu verhandelt werden.
Warum ist Palantir umstritten?
Palantir erklärt, es arbeite mit großen Datenmengen, um „die weltweit beste Nutzererfahrung für den Umgang mit Daten zu schaffen, die Menschen befähigt, komplexe Fragen zu stellen und zu beantworten“.
Eines der Produkte des Unternehmens, die Entscheidungssoftware Gotham (Quelle auf Englisch) für Waffensysteme, soll Soldaten mit einer „KI-gestützten Kill Chain“ bei der Identifizierung von Zielen unterstützen.
Das Unternehmen selbst und seine Spitzen, Mitgründer und Aufsichtsratschef Peter Thiel sowie Vorstandschef Alex Karp, stehen dies- und jenseits des Atlantiks seit Längerem im Mittelpunkt von Kontroversen.
In einem Gespräch mit Investoren (Quelle auf Englisch) sagte Karp, die von Palantir entwickelte Software sei dazu bestimmt, als tödliche Waffe eingesetzt zu werden.
„Palantir ist da, um zu stören … und, wenn es nötig ist, unsere Feinde zu erschrecken und sie gelegentlich zu töten“, sagte er laut Protokoll der Telefonkonferenz.
Laut Medienberichten erklärte Karp in einem weiteren Gespräch mit Investoren außerdem (Quelle auf Englisch), die Verankerung von Kriegsverbrechen in der Verfassung wäre gut fürs Geschäft, nachdem die USA Boote in der Karibik angegriffen hatten.
Kritiker von Palantir wie Amnesty International (Quelle auf Englisch) warnen, der Umgang des Unternehmens mit den riesigen Datenmengen berge Risiken für Privatsphäre und Transparenz und eröffne die Möglichkeit, Gesundheitsdaten weiterzuverkaufen. Hintergrund ist der Vertrag mit der britischen Regierung über eine Plattform für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS.
Amnesty hob hervor, es sei problematisch, Palantir „im Zuge großer NHS-Technikverträge während der Pandemie einen beispiellosen Zugang zu den Gesundheitsdaten der Bevölkerung“ zu gewähren.
Palantir-Technologie soll zudem (Quelle auf Englisch) vom US-Verteidigungsministerium genutzt worden sein, um geheime Informationen auszuwerten und Ziele für jüngste Raketenangriffe auf iranische Ziele auszuwählen.
Außerdem hat das Unternehmen 2024 einen Vertrag (Quelle auf Englisch) mit den israelischen Streitkräften (IDF) über „kriegsbezogene Missionen“ geschlossen, um Militäroperationen im Gazastreifen zu unterstützen, und es liefert Software, mit der die US-Behörde für Immigration und Zoll (ICE) Migrantenfamilien in den USA aufspüren kann.
Euronews Next bat Palantir für diesen Bericht um eine Stellungnahme, erhielt jedoch zunächst keine Antwort.
Welche europäischen Regierungen arbeiten mit Palantir?
Mehrere europäische Regierungen setzen in Teilen ihres öffentlichen Sektors auf Palantir-Technologien, vor allem in Verteidigung, Polizei und Geheimdiensten. Das Ausmaß der Nutzung unterscheidet sich jedoch deutlich von Land zu Land.
Das Vereinigte Königreich hat Palantir als Hauptanbieter für den NHS unter Vertrag genommen. Ein aktueller Bericht eines Parlamentsausschusses (Quelle auf Englisch) empfiehlt allerdings, diese Zusammenarbeit 2027 mit Vertragsende auslaufen zu lassen und stattdessen einen lokalen Anbieter zu suchen.
Palantir hat außerdem einen dreijährigen (Quelle auf Englisch) Vertrag im Wert von 240 Millionen Pfund (276 Millionen Euro) mit dem britischen Verteidigungsministerium geschlossen, um laut Ausschreibung „strategische, taktische und laufende operative Entscheidungen über alle Einstufungen im Verteidigungsbereich hinweg zu unterstützen, interoperabel mit der NATO und anderen verbündeten Nationen, die Palantir-Systeme nutzen“ (Quelle auf Englisch).
Einige deutsche Polizeibehörden in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen setzen eine eingeschränkte Version (Quelle auf Englisch) von Palantirs „Gotham“ ein, um etwa Terroranschläge und andere schwere Bedrohungen zu untersuchen, berichteten lokale Medien.
Auf Bundesebene will die Bundeswehr nach Angaben gegenüber Reuters keine US-Unternehmen wie Palantir für entsprechende Verträge beauftragen.
„So sehr wir an der Funktionalität für unsere eigene Datenbank interessiert sind, es ist derzeit schlicht unvorstellbar, Mitarbeitern aus der Industrie Zugang zur nationalen Datenbank zu gewähren“, sagte Thomas Daum, Leiter der deutschen Cyberabwehr, laut einem Bericht von Reuters (Quelle auf Englisch) in dieser Woche.
Stattdessen setzt die Bundesregierung auf europäische Alternativen und hat unter anderem das französische Unternehmen ChapsVision (Quelle auf Englisch) auf eine Shortlist für den künftigen Softwarebedarf gesetzt.
Dänemark hatte zuvor einen siebenjährigen Vertrag mit Palantir über die Überwachungs- und Datenanalyseplattformen Maven Smart System und Foundry geschlossen. Inzwischen hat das Land angekündigt (Quelle auf Englisch), nach heimischen Lösungen zu suchen, um die Palantir-Software zu ersetzen.
Nach einem Vertrag der spanischen Regierung über 16,5 Millionen Euro im Jahr 2023 setzen laut Berichten vor Ort (Quelle auf Englisch) mehr als 40 Unternehmen in Spanien auf Palantir-Software. Größere öffentliche Proteste gegen entsprechende Verträge gibt es dort bislang kaum.
Euronews Next fragte bei diesen Regierungen nach, ob sie Teile ihrer Verteidigungsverträge mit dem US-Konzern überdenken. Eine unmittelbare Antwort blieb aus.
Im privaten Sektor in Europa stößt Palantir weiterhin auf Interesse. Laut einer Recherche der Plattform Follow the Money (Quelle auf Englisch) haben im vergangenen Jahr über 100 große europäische Banken, Vermögensverwalter und Pensionsfonds ihre Beteiligungen an Palantir ausgebaut.