Folgen der ukrainischen Angriffe machen sich mehr und mehr an Tankstellen in Russland bemerkbar. Nach Angaben der Behörden der Ukraine habe ihre Angriffe auf Raffinerien in Russland zu einem Ausfall von 40 Prozent der Öl-Verarbeitung geführt.
Die Menschen in Russland bekommen die Folgen der ukrainischen Drohnenangriffe auf Raffinerien mehr und mehr zu spüren: Mindestens 15 Regionen, darunter Moskau und das Umland, haben den Verkauf von Benzin und Dieselkraftstoff rationiert, indem an en Tankstellen Obergrenzen eingeführt wurden.
In der Region Moskau haben die Tankstellenketten ORTK, Lukoil und Gazprom diesen Schritt vollzogen, wie das Portal MSK1.RU berichtet. An den Lukoil-Stationen erhalten Kundinnen und Kunden demnach nur noch höchstens 100 Liter Benzin, an den Gazprom-Tankstellen gibt es je nach Tankstelle zwischen 100 und 150 Litern Benzin oder Diesel pro Person.
Zuvor hatte das Petersburger Portal "Fontanka“ bereits über einen sich abzeichnenden Benzinmangel berichtet. An zahlreichen städtischen Tankstellen gelten demnach Beschränkungen im Bereich von 50 bis 95 Litern pro Käuferin oder Käufer.
In der Region Belgorod füllen Tankstellen der Rosneft-Kette keine Kanister mehr ab, und Autos dürfen ihre Tanks nicht mehr komplett füllen, meldet das Portal "Pjepel“.
Zu den ersten, die Mitte Mai mit Engpässen bei den Sorten AI-92 und AI-95 konfrontiert waren, gehörten die Bewohnerinnen und Bewohner von Rjasan. Zuvor hatten ukrainische Streitkräfte die örtliche Raffinerie mit Drohnen angegriffen, es ist eine der größten Anlagen in Russland.
"Kein Bargeld für den Kauf von Treibstoff"
In der von Russland besetzten ukrainischen Region Luhansk gibt es ebenfalls Probleme mit Treibstoff. Am Dienstag berichteten lokale Medien über das Risiko von Engpässen und kündigten an, dass die Tankstellen im Gebiet pro Person nicht mehr als 20 Liter Benzin verkaufen.
Die annektierte Krim ist der erste Landesteil, in dem der Verkauf von Sprit gegen Bargeld offiziell gestoppt wurde. Das schrieb am Donnerstag Sergej Aksjonow, der Leiter der russischen Besatzungsverwaltung der Halbinsel, nach neuen Angriffen der ukrainischen Armee auf Logistikrouten. Zuvor hatte die Krim bereits Treibstoffgutscheine eingeführt, die den Kauf auf 20 Liter pro Person begrenzen.
Behörden spielen den Treibstoff-Mangel herunter
Bei der Ankündigung der Beschränkungen sprechen die lokalen Behörden von "vorübergehenden Schwierigkeiten“, "außerplanmäßigen Reparaturen“ und "saisonaler Nachfrage nach Treibstoff“ und suggerieren damit, die Knappheit sei nur kurzfristig. Zugleich meldet die Agentur Bloomberg, dass ukrainische Drohnen im Mai mindestens 30-mal Einrichtungen der russischen Ölindustrie angegriffen haben – öfter als in jedem anderen Monat seit Beginn des Krieges.
Insgesamt wurden 16 Raffinerien getroffen, darunter acht der zehn größten in Russland, einige Anlagen gerieten mehrfach unter Beschuss.
Dadurch sank die Raffinerieverarbeitung im Mai auf 4,58 Millionen Barrel pro Tag. Das sind 13 % weniger als vor einem Jahr und es ist der niedrigste Stand seit dem Herbst 2009, wie Analystinnen und Analysten des Dienstes OilX berechneten. Nach ihren Angaben erweitert die Ukraine die Liste der Ziele und greift verstärkt Sekundäranlagen, Terminals und Pumpstationen an, die sich wegen der Sanktionen deutlich schwerer reparieren lassen.
"Förderung etwas gesunken“, Kreml spricht von stabiler Lage
Russlands Regierung betont, die Lage sei unter Kontrolle. Vizepremier Alexander Nowak räumte ein, dass die Ölförderung wegen "außerplanmäßiger Reparaturen“ an mehreren Raffinerien „etwas“ zurückgegangen sei, bewertete die Situation auf dem Markt aber als stabil.
Zuvor hatte der Kreml einen vollständigen Exportstopp für Benzin und Flugkerosin verhängt. Medien heben hervor ,( dass Russland zu solch drastischen Maßnahmen bislang noch nie gegriffen hat.
Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland, das lange den Spitznamen "Tankstelle der Welt“ trug, werde "in eine Wand eines echten Krisenzustands rasen“.
Nach seinen Angaben haben die ukrainischen Streitkräfte von Januar bis Mai 15 russische Raffinerien getroffen. Stand Mai seien fast 40 % der russischen Primärölverarbeitung außer Betrieb, so Selenskyj, der vermutete, Wladimir Putin bekomme "nicht die gesamte Statistik über das, was tatsächlich geschieht“.
"Wir sagen seit Langem, dass die Russen diesen Krieg beenden müssen“, unterstrich der ukrainische Staatschef und kündigte an, dass es für die Menschen in Russland von nun an keine ruhigen Zeiten mehr geben werde.
In der Ukraine machen Politiker kein Geheimnis daraus, dass die Angriffe auf die russische Ölbranche darauf abzielen, die Industrie lahmzulegen, die den Staatshaushalt füllt und die Kriegsmaschinerie speist. Zugleich sollen die Menschen in Russland die realen Folgen der umfassenden Aggression am eigenen Leben zu spüren bekommen.