Nvidia kauft die KI-Plattform Hugging Face für 12,9 Mrd. Dollar (11,1 Mrd. Euro) – der zweitgrößte Deal in der Geschichte des Konzerns.
Nvidia übernimmt Hugging Face, die Plattform, die sich zum Standard für Open-Source-KI-Entwicklung entwickelt hat, für 12,93 Mrd. Dollar (11,1 Mrd. Euro). Das gab Konzernchef Jensen Huang am Mittwoch bekannt.
Der Deal bringt zwei Unternehmen zusammen, die an entgegengesetzten Enden der KI-Lieferkette sitzen, inzwischen aber stark voneinander abhängen.
Nvidia stellt Grafikprozessoren her, mit denen heute fast alle wichtigen KI-Modelle trainiert und betrieben werden. Damit verfügt der Konzern über enorme Macht auf der Hardware-Seite der Branche.
Hugging Face hat seinen Einfluss dagegen aufgebaut, indem das Unternehmen offen und weitgehend neutral blieb. Die Plattform beherbergt mehr als 3 Mio. KI-Modelle, 500.000 Datensätze und 1 Mio. Anwendungen. Mehr als 18 Mio. Entwicklerinnen und Entwickler sowie 200.000 Unternehmen nutzen sie, um KI-Systeme zu entwickeln, zu testen und auszurollen – unabhängig davon, auf wessen Chips oder in wessen Cloud diese laufen.
Für Nvidia bedeutet der Kauf, dass der Konzern nicht nur die Infrastruktur kontrolliert, auf der KI läuft, sondern auch den direkten Draht zu den Entwicklern, die entscheiden, was entsteht und wie.
Für Hugging Face eröffnet der Deal den Zugang zu Kapital und Ingenieursressourcen des wertvollsten Chip-Herstellers der Welt – in einer Phase, in der die Nachfrage nach Rechenleistung und die Debatte darüber, wer sie kontrolliert, so groß sind wie nie.
Huang erklärte in einem Blogeintrag, Hugging Face werde als offene Plattform weiterarbeiten. Entwicklerinnen und Entwickler könnten frei wählen, welche Modelle, Cloud-Anbieter oder Hardware sie nutzen.
„Nvidia-Rechenleistung wird nicht erforderlich sein, um auf Hugging Face zu entwickeln oder dort auszuliefern“, schrieb er. Die Plattform werde Open-Weight-Modelle und Multi-Cloud-Bereitstellungen „von allen Modelleentwicklern“ weiter unterstützen, fügte er hinzu.
Hugging-Face-Mitgründer und -Chef Clément Delangue sagte dem Sender CNBC, er habe im Sommer das Gespräch mit Huang über einen Deal gesucht. Das Unternehmen sei an einem Punkt angekommen, an dem Open-Source-KI „mehr Ressourcen, mehr Skalierung, mehr Sichtbarkeit“ brauche.
Nvidia hielt bereits eine Minderheitsbeteiligung an Hugging Face und hatte 2023 rund 235 Mio. Dollar (202 Mio. Euro) in einer Finanzierungsrunde investiert. Damals wurde Hugging Face mit 4,5 Mrd. Dollar (3,87 Mrd. Euro) bewertet. Der jetzt genannte Preis liegt damit fast beim Dreifachen dieses Werts in drei Jahren.
Die Übernahme ist die zweitgrößte in der Geschichte von Nvidia. Größer war nur der Kauf von Vermögenswerten des Konkurrenzunternehmens Groq Ende vergangenen Jahres für rund 20 Mrd. Dollar (17,2 Mrd. Euro). Deutlich dahinter liegt der bisherige Rekord, der fast 7 Mrd. Dollar (6 Mrd. Euro) schwere Kauf des israelischen Chip-Herstellers Mellanox im Jahr 2019.
Der Zeitpunkt spiegelt den wachsenden Druck auf beide Unternehmen wider. Nvidias Dominanz bei KI-Chips gerät zunehmend unter Konkurrenz, da OpenAI, Google und Anthropic eigene maßgeschneiderte Chips entwickeln, um die Abhängigkeit von Nvidia-Hardware zu verringern. Wenn Nvidia die Plattform gehört, die Millionen Entwicklerinnen und Entwickler täglich nutzen, verschafft sich der Konzern einen Zugang, den Wettbewerber nur schwer umgehen können.
Huang wirbt zudem seit Monaten öffentlich für die weitere Verbreitung von Open-Weight-KI-Modellen. Gemeinsam mit mehr als 20 anderen Unternehmen, darunter Microsoft und Meta, unterzeichnete er einen Brief. Darin heißt es, offene Modelle „erweitern den Zugang zu KI“ und verhindern, dass ihre Vorteile bei wenigen Firmen konzentriert werden.
Delangue argumentiert ähnlich. In früheren Interviews warnte er, dass chinesische Labore wie Moonshot AI den Abstand zu führenden US-Modellen mit einem Bruchteil der Kosten verringern. Das schürt in Washington die Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit der USA bei KI.
Der Deal markiert auch eine Rückkehr von Nvidia ins Cloud-Geschäft. Der Konzern hatte seine eigene Cloud-Sparte vor etwa einem Jahr deutlich zurückgefahren.
Hugging Face stellt Entwicklern bereits gemietete Rechenleistung für den Betrieb von Modellen zur Verfügung. Damit erhält Nvidia einen Wiedereinstieg in dieses Geschäft, ohne den Dienst von Grund auf neu aufbauen zu müssen.
Keines der beiden Unternehmen nannte einen Zeitplan, wann die Übernahme abgeschlossen sein soll.