In einem offenen Brief fordern Flughäfen, Airlines und Luftfahrtverbände die EU-Kommission auf, das Schengen-Einreise/Ausreisesystem in Spitzenzeiten auszusetzen. Wartezeiten von bis zu fünf Stunden an der Grenze treffen Reisende, Flüge und Tourismus.
Europas Flughäfen und Fluggesellschaften haben EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen dringenden Appell übermittelt. Sie warnen, die Einführung des Schengener Ein- und Ausreisesystems (EES) habe einen „kritischen Punkt“ erreicht und bringe in der Hochsaison massive Störungen für Millionen Reisende mit sich.
In einem am 1. Juli veröffentlichten offenen Brief fordern die Branchenverbände ACI Europe, Airlines for Europe (A4E) und der internationale Luftfahrtverband IATA die EU-Kommission auf, den Mitgliedstaaten zu erlauben, das digitale Grenzsystem vorübergehend auszusetzen, sobald das Passagieraufkommen die Kapazitäten der Grenzkontrollen übersteigt.
„Heute haben wir einen kritischen Punkt erreicht“, schreiben die Organisationen. „Die derzeitige Umsetzung des EES hat gravierende operative Folgen, stört den Reiseablauf und setzt Grenzbehörden, Flughäfen und Fluggesellschaften unter untragbaren Druck.“
„Wir dringen deshalb auf ein sofortiges Eingreifen, bevor sich die Lage in der Hauptreisezeit im Sommer weiter zuspitzt.“
Das EES ist seit April 2026 im gesamten Schengen-Raum vollständig in Betrieb. Es ersetzt bei den meisten Nicht-EU-Reisenden den Stempel im Pass durch ein digitales System, das Ein- und Ausreisen zusammen mit biometrischen Daten wie Fingerabdrücken und Gesichtsbildern erfasst.
Das System soll die Grenzsicherheit stärken, Visa-Überzieher identifizieren und das Management der Außengrenzen effizienter machen.
Nach Einschätzung der Luftfahrtbranche zeigt die Einführung an vielen Flughäfen jedoch die gegenteilige Wirkung.
Dem Schreiben zufolge dauern die Kontrollen an den Grenzen inzwischen „in Spitzenzeiten bis zu fünf Stunden“. Dadurch verpassen Reisende Anschlussflüge, Abflüge verspäten sich und der Druck auf das Personal an der vordersten Linie wächst.
Die Verbände warnen, dass auch kleinere Flughäfen in beliebten Urlaubszielen an ihre Grenzen kommen. Dort stehen Passagiere teils vor den Terminals an, weil die Grenzstationen die Ankommenden nicht schnell genug abfertigen können.
„Fluggesellschaften stehen bei Toresschluss vor halb leeren Flugzeugen, Passagiere stecken gleichzeitig in den Schlangen vor der Grenzkontrolle fest“, heißt es in dem Brief.
Die Branche räumt ein, dass die Mitgliedstaaten bereits bis Anfang September die biometrische Datenerfassung vorübergehend aussetzen dürfen. Diese Flexibilität reiche jedoch nicht aus, um überlange Schlangen und Betriebsstörungen zu verhindern.
Europäische Flughäfen rechnen im Juli und August mit rund 40 Millionen zusätzlichen Passagieren im Vergleich zu den beiden Vormonaten. Ohne weitere Maßnahmen könne sich die Lage deshalb sehr schnell verschlechtern, warnen die Verbände.
In ihrem Schreiben bitten sie die EU-Kommission „nachdrücklich“, „jetzt zu handeln“ und ohne Verzögerung folgende Schritte einzuleiten:
- Den Mitgliedstaaten unverzüglich alle nötigen Spielräume geben, um das EES komplett auszusetzen – vorsorglich immer dann, wenn das Passagieraufkommen die Kapazitäten der Grenzkontrollen übersteigt, mindestens für die Monate Juli und August.
- Bis September gemeinsam mit Mitgliedstaaten und Branche einen dauerhaften Flexibilitätsmechanismus schaffen. Dieser soll es den Grenzbehörden ermöglichen, die EES-Verfahren in klar definierten Ausnahmesituationen auszusetzen, um eine effiziente, auf Reisende ausgerichtete Grenzabfertigung zu sichern.
Auch der Ruf der EU und das Vertrauen in ihren Rechtsrahmen „stehen auf dem Spiel“, heißt es weiter in dem Brief. Europa müsse ein Reiseziel bleiben, das „nicht nur sicher, sondern auch effizient, gastfreundlich und wettbewerbsfähig“ ist.
Der Brief warnt zudem, dass manche internationale Gäste wegen der „Aussicht auf übermäßige Wartezeiten an der Grenze“ ihre Europareise überdenken. Dies „untergräbt insbesondere Europas Ansehen, den europäischen Tourismus und die Konnektivität“.
WTTC fordert abgestimmtes Vorgehen
Als Reaktion auf den offenen Brief von ACI Europe, A4E und IATA fordert der World Travel & Tourism Council (WTTC) ein „koordiniertes Vorgehen“, um die Einführung des EES abzusichern, ohne den Reiseverkehr zu beeinträchtigen.
WTTC erkennt die Bedeutung moderner Grenzsysteme und höherer Sicherheit in Europa an. Der Verband warnt jedoch seit Langem, dass ohne ausreichende Flexibilität, verlässliche Technik, genügend Personal und gute Information der Reisenden „operative Engpässe das Besuchserlebnis und Europas globale Wettbewerbsfähigkeit als Reiseziel gefährden“ könnten.
Werden die Probleme nicht angegangen, gerate Europa „klar ins Hintertreffen“, heißt es vom WTTC – gegenüber anderen Reisezielen weltweit, die schnellere und reibungslosere Einreiseverfahren anbieten.
Jüngste Analysen des WTTC zeigen, dass regelmäßige Wartezeiten von drei Stunden oder mehr die Nachfrage „deutlich dämpfen“ könnten. Rund ein Drittel der Befragten gibt an, den Schengen-Raum dann eher zu meiden. Auf Basis der Prognosen für 2026 könnten so bis zu 41 Millionen Ankünfte und 45,4 Milliarden US-Dollar an potenziellen Ausgaben von Besucherinnen und Besuchern in Europa gefährdet sein.
„Das EES ist ein wichtiger Schritt hin zu intelligenteren, sichereren Grenzen in Europa“, sagte Gloria Guevara, Präsidentin und Geschäftsführerin des WTTC. „Die Umsetzung muss jedoch praxisnah, abgestimmt und auf die Bedürfnisse der Reisenden ausgerichtet sein. Wenn lange Wartezeiten zum Normalfall werden, suchen sich Reisende andere Ziele aus.
„Europa kann es sich nicht leisten, seine Wettbewerbsfähigkeit oder das Erlebnis für Millionen Besucherinnen und Besucher aufs Spiel zu setzen. Wir ermutigen die politischen Entscheidungsträger, eng mit der Branche zusammenzuarbeiten, damit das System sein Versprechen besserer Grenzkontrollen einlöst, ohne neue Hürden für das Reisen zu schaffen.“