Nur noch das Ja des Europaparlaments fehlt: Ein neues Regelpaket soll Fluggastrechte deutlich stärken und könnte in einem Jahr gelten. Das sind die wichtigsten Neuerungen für Reisende.
Die Europäische Union hat viele Jahre an einem Paket mit neuen Fluggastrechten gearbeitet. Neben den zähen Gesprächen mit den Fluggesellschaften erwiesen sich auch die Verhandlungen zwischen den EU-Institutionen – Europäischem Parlament, EU-Kommission und Rat – als schwierig. Die Unterhändler einigten sich schließlich auf einen Kompromiss.
Nun kommt der Entwurf in der Juli-Plenarwoche ins Europäische Parlament. Stimmen die Abgeordneten zu – was als wahrscheinlich gilt – treten die neuen Regeln im Juli des kommenden Jahres in Kraft.
Die wichtigsten Neuerungen
Rückflugticket verfällt nicht mehr bei verpasstem Hinflug
Fluggesellschaften dürfen ein Rückflugticket künftig nicht mehr streichen, nur weil die oder der Reisende den Hinflug nicht angetreten hat. Wer sich zum Abflug verspätet oder sich in letzter Minute für ein anderes Verkehrsmittel entscheidet, verliert damit nicht mehr automatisch die Rückflugreservierung und muss kein neues, oft deutlich teureres Ticket kaufen.
Kinder bis 14 Jahre ohne Aufpreis neben den Eltern
Airlines dürfen künftig keine Gebühr mehr verlangen, um Kindern bis zum 14. Lebensjahr Plätze direkt neben Eltern oder Begleitpersonen zu garantieren. Bislang kassierten einige Anbieter extra Geld dafür, obwohl sie selbst aus Sicherheitsgründen verlangten, dass Familien zusammensitzen.
Entschädigung ab drei Stunden Verspätung bleibt
Die neuen Vorschriften lassen die bisherigen Entschädigungen für verspätete Flüge unverändert. Fluggäste haben weiterhin ab einer Verspätung von drei Stunden Anspruch auf Ausgleichszahlungen zwischen 250 und 600 Euro. Mehrere Mitgliedstaaten wollten in den Verhandlungen die Mindestverspätung verlängern und die Beträge senken. Sie setzten sich jedoch nicht durch.
Kein Zwang zur digitalen Abfertigung
Fluggesellschaften dürfen Reisende nicht mehr ausschließlich zur Online- oder App-Abfertigung zwingen. Die Änderung trifft Anbieter wie Ryanair, die Papier-Bordkarten faktisch abgeschafft und ihre Kundschaft auf Smartphone-Apps festgelegt hatten. Für ältere Menschen und Passagiere ohne Smartphone war das ein erhebliches Hindernis.
Ticketpreis standardmäßig mit Handgepäck
Bei der Flugsuche muss als erster Preis künftig der Tarif inklusive Handgepäck erscheinen. So lassen sich die tatsächlichen Reisekosten verschiedener Airlines leichter vergleichen. Wer auf Handgepäck verzichtet und einen Tarif ohne Gepäck wählen kann, darf – sofern die Airline das anbietet – ein entsprechend günstigeres Ticket buchen.
Maximal zwei Stunden Warten auf dem Rollfeld
Flugzeuge dürfen Passagiere künftig höchstens zwei Stunden im stehenden Jet auf dem Rollfeld festhalten. Danach haben Reisende das Recht, auszusteigen und in das Terminal zurückzukehren.
Airlines müssen über Fluggastrechte informieren
Fluggesellschaften sind verpflichtet, ihre Kundschaft binnen vier Tagen über ihre Rechte und das Verfahren für Entschädigungsanträge zu informieren.
Weniger Nachteile bei Überbuchung
Bei überbuchten Flügen dürfen Airlines schwangeren Frauen und Menschen mit Behinderung das Boarding nicht mehr verweigern.
„Ich glaube, das ist einer der größten Erfolge dieser Legislaturperiode des Europäischen Parlaments. Als Schattenberichterstatter bin ich darauf besonders stolz“, sagt im Gespräch mit Euronews der EKR-Europaabgeordnete Kosma Złotowski.
Zugleich weist er darauf hin, dass die Europäische Union parallel Maßnahmen einführt, die sich seiner Ansicht nach negativ auf Fluggesellschaften und Passagiere auswirken werden.
„Alle Fluggastrechte machen nur einen kleinen Teil der Kosten der Airlines aus. Dass sich die Unternehmen so lange gegen das Paket gewehrt haben, hatte andere Gründe: Sie lehnen jene Elemente des Grünen Deals der EU ab, die direkt auf die Luftfahrt zielen. Die Airlines sind verpflichtet, sogenannte nachhaltige Flugkraftstoffe zu verwenden. Chemisch unterscheiden sie sich nicht von herkömmlichem Kerosin, doch die Art der Herstellung macht sie bis zu zehnmal teurer. Das treibt die Betriebskosten in die Höhe. Am Ende zahlen die Passagiere die Rechnung der Energiepolitik der Europäischen Union, denn die Ticketpreise werden steigen“, betont Złotowski.