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Wie unter Stalin? Russlands Eksmo-Verlag wegen "LGBT-Propaganda" in Putins Visier

Stand auf dem Russischen Buchfestival in St. Petersburg, 21. Mai 2025.
Stand auf dem Russischen Buchfestival in St. Petersburg, 21. Mai 2025. Copyright  AP Photo
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Von Yulia Schneider
Zuerst veröffentlicht am
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In Russland sind der CEO von Eksmo, einem der größten Verlagshäuser, und mehrere Topmanager festgenommen worden. Ihnen wird "LGBT-Propaganda" vorgeworfen. "Das ist Stalinismus in seinen dunkelsten Ausprägungen", sagt der Politikwissenschaftler Fjodor Krascheninnikow.

Das russische Verlagshaus Eksmo hat bestätigt, dass sein CEO Evgeni Kapiew (auch: Yevgeny Kapyev) sowie drei weitere Mitarbeiter wegen der Verbreitung von LGBT-Propaganda in Popcorn Books befragt werden. Im Jahr 2023 hatte Eksmo 51 Prozent von Popcorn Books übernommen, einem Verlag, der vor dem Krieg in der Ukraine häufig Bücher mit LGBT-Themen veröffentlicht hatte.

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"Mehrere Dutzend solcher Bücher waren nicht als Lagerbestände angegeben und wurden einige Zeit lang im Prozess der Schließung dieses Verlags weiterverkauft" schreibt der Eksmo-Verlag auf seinem Telegram-Kanal zu den Vorwürfen der russischen Justiz.

Der Verlag weist aber alle Anschuldigungen zurück und erklärt, dass die Verhöre durch die Aussagen eines in dem Fall beschuldigten Popcorn Books-Mitarbeiters ausgelöst wurden. Popcorn Books werde seit 2022 wegen möglicher "Propaganda für nicht-traditionelle Beziehungen, Geschlechtsumwandlung und Pädophilie" überprüft.

Die Kampagne gegen LGBT-Personen in Russland galt zunächst als eine wahltaktische Maßnahme, die darauf abzielte, die Popularität von Präsident Wladimir Putin zu steigern, der auf traditionelle Werte setzt.

Eksmo bezeichnete auch die Vorwürfe über ausländische Finanzierung als falsch. Die Strafverfolgungsbehörden hätten keine Ermittlungen dazu durchgeführt und es habe insbesondere keine Beschlagnahmungen von Büchern im Eksmo-Verlag in Moskau oder in seinen Lagerhäusern gegeben.

"Das ist Stalinismus in seinen dunkelsten Erscheinungsformen"

Wie der Politologe Fjodor Krascheninnikow in seinem Telegramm-Kanal kommentierte, wäre das, was jetzt in der Buchbranche geschieht, in der UdSSR nach Josef Stalin undenkbar gewesen.

Wenn die sowjetischen Behörden ein Buch, eine Zeitung oder eine Zeitschrift als "schädliches" Werk ansahen, war dies seiner Meinung nach nicht der Beginn einer strafrechtlichen Verfolgung. Die eigentliche Strafe sei zum Beispiel die Entlassung aus dem Dienst, die Schließung der Publikation oder die Entfernung des Buches aus der Bibliothek.

"Aber jede Beteiligung an der Veröffentlichung von etwas, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung völlig legal war, rückwirkend als Beteiligung an einer kriminellen Verschwörung zu deklarieren, ist Stalinismus in seinen dunkelsten Ausprägungen", schrieb Fjodor Krascheninnikow.

Wenn die Verhafteten angeklagt werden, könnte dies der größte Fall von LGBT-bezogenem Extremismus werden, erklärte der Anwalt Maxim Olenichew. Seiner Meinung nach zielt der Fall darauf ab, die Verlagsbranche einzuschüchtern.

In einem Interview mit dem Radiosender Business FM sagte Grigorij Mastrider, Autor des Telegram-Kanals "Book Chel", dass ein Schlag gegen den größten Akteur die Angst auf dem russischen Buchmarkt verstärke.

"Wenn es einen solchen Schlag gegen den größten Akteur gibt, werden die anderen Akteure jetzt noch mehr Angst haben, und die Leute werden diesen ganzen Bereich in Russland nicht entwickeln wollen, was zu seinem Verschwinden führen wird. Das ist alles traurig. Und was auch deprimierend ist, vor allem für diejenigen, die in dieser Branche tätig sind, ist, dass es keine klaren Spielregeln gibt, d.h.: macht dies, und wir werden euch definitiv nicht anfassen. Es ist nicht klar, wie man es macht. Jeder kann betroffen sein".

Valery Shabashov, Autor des Telegram-Kanals Books & Reviews, sagte in einem Kommentar an Business FM, dass die Branche insgesamt nicht verstehe, was gedruckt werden kann und was nicht.

"Erst neulich habe ich mich mit einem bekannten russischen Schriftsteller unterhalten. Er schickte sein neues Buch an einen Verlag. Ihm wurden zehn Teile markiert, einfach rot hervorgehoben, und die Anwälte schrieben: "Es gibt hier Punkte, die Aufmerksamkeit erfordern." Und der Autor fragte: "Was genau? Was muss ich tun: umschreiben, streichen, korrigieren oder sonst was?" Auch darauf gibt ihm niemand eine Antwort, denn niemand ist bereit, jetzt die Verantwortung dafür zu übernehmen."

Was geschah?

Am Dienstag, den 21. April, kamen bei Razzien Strafverfolgungsbeamte zu den Leitern des Verlags "Eksmo". Im Netz tauchte ein Video auf, das zeigt, wie ein schwarzer Kleinbus vor der Tür des Moskauer Büros des Verlags in der Zorge-Straße steht - unbekannte Personen, vermutlich Strafverfolgungsbeamte, steigen aus, transportieren Kisten ab und laden sie in ein nicht gekennzeichnetes Auto.

Später wurde bekannt, dass der CEO von Eksmo, Evgeny Kapiew, festgenommen wurde. Der "Kommersant" berichtet , dass Kapiew in einem Strafverfahren wegen der Organisation der Aktivitäten einer "extremistischen" Organisation (Artikel 282.2 des Strafgesetzbuches) verhört werde. Die Höchststrafe gemäß dem ersten Teil dieses Artikels beträgt 10 Jahre Haft.

Zusammen mit ihm wurden drei weitere Top-Manager von "Eksmo" festgenommen: die Finanzdirektorin Swetlana Tseplyajewa, der Vertriebsdirektor Anatoli Norowjatkin und die stellvertretende Direktorin der "Redaktion Nr. 1" für kommerzielle Aktivitäten Julia Sokolowskaja, berichtet "Verstka" unter Berufung auf ein Schreiben an die Verlagsmitarbeitenden.

Unterdessen schreibt die Zeitung "Moskowskij Komsomolez", dass sechs Festgenommene zum Untersuchungsausschuss gebracht worden seien. Der Quelle der prorussischen Zeitung zufolge wurden auch der Leiter der Verkaufsabteilung der ersten Ausgabe und der Leiter der Verkaufsabteilung für ausländische Kunden festgenommen.

Nach der von "Moskowski Komsomolez" zitierten Version der Ermittlungen waren die Top-Manager von "Eksmo" am Verkauf der Bücher "Worüber die Schwalbe schweigt" und "Sommer in einer Pionierkrawatte" von Elena Malisova und Katerina Silvanova in Kasachstan über die GmbH "RDC-Almaty" und über das Netzwerk "Chitay-gorod" beteiligt. Weitere tausend Bücher wurden angeblich im März 2025 im Dorf Radumlya in der Region Moskau gegen Bargeld verkauft.

Mash und dem BBC auf Russisch bringen die Durchsuchungen direkt mit dem sogenannten "Fall der Buchverlage" in Verbindung.

"Der Fall der Buchverlage"

Im Mai 2025 wurden Mitarbeiter von Popcorn Books und dem Individuum-Verlag, die zur Eksmo-Holding gehören - beschuldigt, "die Aktivitäten einer extremistischen Organisation organisiert zu haben". Damit meinen die russischen Behörden die (nicht existierende )"internationale soziale LGBT-Bewegung", die als "extremistisch" eingestuft und in Russland verboten wurde.

Insgesamt 11 Personen wurden im Frühjahr 2025 festgenommen. Die Anklage richtet sich gegen Dmitry Protopopov, Artem Vakhlyaev und Pavel Ivanov, die bei den Verlagen Individuum und Popcorn Books arbeiten.

Grund für das Verfahren ist der Roman "Sommer im Pionierlager" von Elena Malisova und Katerina Silvanova, der von der Beziehung zwischen zwei jungen Männern in einem Pionierlager im Jahr 1986 erzählt.

Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten sind mindestens zehn Bücher mit LGBT-Themen in dem Fall aufgeführt.

Das Geld aus dem Verkauf der "verbotenen Bücher" soll in die Kassen von Eksmo geflossen sein, und "die Leitung war sich dessen bewusst", schrieb die BBC.

"Eksmo" ist Teil der größten russischen Verlagsgruppe "Exmo-AST". Der Verlag wurde 2024 zum Spitzenreiter bei der Zahl der auf dem Gebiet der Russischen Föderation veröffentlichten Bücher.

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