Ärzte im Gazastreifen warnen vor schweren Krankheitsausbrüchen durch die Ausbreitung von Nagetieren und Parasiten. Zugleich ist das Gesundheitssystem überlastet, Medikamente und medizinische Versorgung fehlen vielerorts.
Die Sorge vor schweren Krankheitsausbrüchen im Gazastreifen wächst. In den überfüllten Vertriebenenlagern breiten sich Nagetiere stark aus - begünstigt durch eine zerstörte Umwelt, fehlende Hygiene, mangelnde Bekämpfungsmittel und ein Gesundheitssystem am Limit.
Seit Anfang 2026 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 17.000 Fälle von Nagetierbefall und Ektoparasiten unter Binnenvertriebenen registriert. Die Zahlen spiegeln die dramatischen Bedingungen in den Lagern wider, in denen es kaum Hygiene- und Sanitärkontrollen gibt.
"Ein zweiter Krieg": Ein Feind, der nicht schläft
Maha Sharaf, eine Vertriebene aus dem südlichen Gazastreifen, sagt, die Gefahr beschränke sich längst nicht mehr nur auf den Beschuss. Sie beginne inzwischen auch im Inneren ihrer provisorischen Unterkunft.
"Das ist ein zweiter Krieg", sagt sie. Ratten und Wiesel breiteten sich in den Zelten aus. "Wir wissen nachts nicht mehr, wie wir vor ihnen schlafen sollen."
Sharaf berichtet, sie habe bereits mehrere Ratten und Mäuse gefangen. Die größte Gefahr gehe jedoch weiterhin von den Tieren aus, die sich wegen Müll, Schutt und Abfällen rund um die Vertriebenenlager kaum kontrollieren ließen.
Zerstörte Umwelt begünstigt Nagetierplage
Menschenrechts- und Umweltberichte warnen, dass der Gazastreifen mit einer vielschichtigen Krise konfrontiert ist. Sie beschränkt sich nicht mehr nur auf die direkten Folgen des Krieges, sondern umfasst auch einen Umweltkollaps, der ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Nagetieren schafft.
Nach Angaben des Internationalen Komitees zur Unterstützung der Rechte des palästinensischen Volkes, Hashd, liegen im Gazastreifen schätzungsweise mehr als 60 Millionen Tonnen Schutt. Die zerstörten Gebiete seien dadurch zu einem riesigen Netz aus Hohlräumen und Gängen geworden, das Ratten und anderen Schädlingen Schutz biete.
Auch die Ansammlung von Müll, vermischt mit Abwasser und beschädigten Kanalisationsnetzen, beschleunigt die Ausbreitung von Nagetieren rund um Zelte und Notunterkünfte.
Teams des Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) dokumentierten die Ausbreitung von Nagetieren und Parasiten in Vertriebenengebieten vor dem Hintergrund einer beispiellosen Verschlechterung der Lebensbedingungen.
Fehlende Mittel erschweren die Bekämpfung
Die lokalen Behörden sind kaum in der Lage, wirksame Bekämpfungskampagnen durchzuführen. Pestizide und andere Mittel zur Schädlingsbekämpfung sind nahezu aufgebraucht, ihre Einfuhr in den Gazastreifen ist stark eingeschränkt.
Der Umweltexperte Saeed al-Aklouk sagt, die vorhandenen Mittel zur Nagetierbekämpfung seien "völlig unzureichend". Er warnt, die anhaltenden Bedingungen könnten den Ausbruch von Krankheiten begünstigen.
Örtliche Beamte verweisen darauf, dass sich täglich fast 1.300 Tonnen Müll ansammeln - zusätzlich zu den gewaltigen Schuttmengen. Das begünstige die Ausbreitung von Nagetieren und erschwere es, ihre Baue zu erreichen.
Abdul Latif Hassouna, ein Vertriebener aus Khan Younis, beschreibt die Lage in seinem Zelt so: "Sie schleichen sich unter das Zelt und wir können nicht schlafen."
Sein Kind sei von einem Nagetier gebissen worden, erkrankte daraufhin und habe mehrere Tage im Bett verbringen müssen, ohne medizinisch behandelt zu werden.
"Wir wissen nicht, wie wir sie bekämpfen sollen. Es gibt weder Medikamente noch Mittel", sagte Hassouna.
Ärzte warnen vor Krankheiten
Das Gesundheitsministerium im Gazastreifen warnt, die derzeitigen Bedingungen seien ein Nährboden für schwere Krankheiten. Infektionen könnten durch Bisse, Ausscheidungen oder Parasiten übertragen werden.
Zu den Risiken zählen bakterielle und virale Krankheiten, die von Nagetieren übertragen werden können. Gleichzeitig steht der Gesundheitssektor kurz vor dem Zusammenbruch, Medikamente und medizinische Vorräte fehlen vielerorts.
Moatasem al-Nakhaleh, ein Vertriebener aus dem Gazastreifen, sagt, besonders Kinder litten unter der Situation.
"Kleine Kinder haben Angst. Überall gibt es Wiesel, Ratten, Mäuse, Kakerlaken und Moskitos", sagte er. Wegen der verschmutzten Umgebung breiteten sich unter Kindern zunehmend Hautkrankheiten aus.
Mounir al-Shakhrit, Facharzt für Medizin und Notfallmedizin am al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt, bestätigt, dass in den Krankenhäusern immer mehr Fälle von Nagetierbissen behandelt werden müssen. Die Möglichkeiten, diese Fälle angemessen zu versorgen, seien jedoch begrenzt.
Die Folgen der Plage betreffen nicht nur die Gesundheit. Auch die Lebensmittelversorgung und das Sicherheitsgefühl in den Lagern leiden.
Familien müssen ihre Lebensmittel in den Zelten aufbewahren, weil es keine sicheren Lagermöglichkeiten gibt. Dadurch können Vorräte leicht verderben oder verunreinigt werden - in einer Situation, in der viele Menschen ohnehin unter Lebensmittelknappheit leiden.
Kinder haben Angst und schlafen schlecht, weil sie nachts Geräusche und Bewegungen in den Zelten hören. Mütter leben in ständiger Sorge, ihre Kinder nicht ausreichend schützen zu können.
Rund 1,4 Millionen Binnenvertriebene leben unter diesen Bedingungen in Zelten oder Notunterkünften. Zwar gilt seit Oktober 2025 ein Waffenstillstandsabkommen, doch die Einfuhr lebenswichtiger Hilfsgüter bleibt weiterhin eingeschränkt.
Unter diesen Umständen sind viele Zelte selbst zu einem Gesundheitsrisiko geworden. Zerstörung, Verschmutzung und fehlende Ressourcen verschärfen eine Gesundheits- und Umweltkrise, die weit über die unmittelbaren Folgen des Krieges hinausgeht.