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Büchnerpreisträger 2019 Lukas Bärfuss: "Sie waren nie weg, die Nazis"

Lukas Bärfuss im Staatstheater Darmstadt
Lukas Bärfuss im Staatstheater Darmstadt
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Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss hat in Darmstadt den wichtigsten Preis für deutschsprachige Literatur, den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis, entgegengenommen.

In seiner Dankesrede sagte der fast 48-Jährige: "Ich bin ein Schriftsteller aus dem Europa des 20. Jahrhunderts." Und dabei führe unweigerlich der Weg zu einem Massengrab. Aufgewachsen im Kalten Krieg sei der Fall der Mauer vor genau 30 Jahren eine Sternstunde der Menschheit gewesen, ein Wunder: "Ein Imperium fiel ohne Gewalt."

Doch wenig später kommt die Gewalt zurück: Sarajevo. Dazu sagte Bärfuss: "11.000 Menschen blieben liegen." So sei er erwachsen geworden und mit einem polnischen Freund nach Auschwitz gereist.

Gewalt ist immer wieder Bärfuss' Thema

Dem Schriftsteller geht es auch darum, Wege aufzuzeigen, sich der Gewalt entgegenzustellten: "Wenn wir den Mut hätten, könnten wir uns der Gewalt entgegenstellen. Freiheit und Empathie sind niemals umsonst, aber sie sind möglich."

"Sie sind nicht plötzlich wieder da, die Nazis, sie waren nie weg"

Zu neuesten Ereignissen meinte der Schweizer Autor: "Wenn ich in Richtung Sachsen schaue... Sie sind nicht plötzlich wieder da, die Nazis. Sie waren nie weg."

Bärfuss erinnerte daran, dass es bald keine Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs mehr geben wird. Deshalb sieht er es auch als seine Aufgabe an zu erinnern. "Wer den letzten Krieg vergisst, der bereitet den nächsten vor."

Die Laudation auf Bärfuss hielt die Dramaturgin Judith Gerstenberg. Sie findet: "Er sieht früher als andere, was uns beschäftigen sollte." Und Gerstenberg sieht den Autoren vor allem auf der Suche nach Wahrhaftigkeit.

In der Begründung der Jury um den Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Ernst Osterkamp, für den Büchnerpreis steht: "Lukas Bärfuss begleitet die heutige Welt mit furchtlos prüfendem, verwundertem Blick und der Fähigkeit zur Gesellschaftssanalyse".

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Ernst Osterkamp übergibt Büchnerpreis an Lukas BärfussEuronews

"Für mich ist Schreiben der Weg hinein in die Gesellschaft"

Lukas Bärfuss ist 1971 in Thun geboren, lebt heute in Zürich, hat eine Tochter und einen Sohn. Wie er im Gespräch mit dem ZEIT MAGAZIN berichtet, war Bärfuss mit 15 obdachlos, sein biologischer Vater wegen Betrugs im Gefängnis, die Mutter mit dem Stiefvater in eine andere Stadt gezogen. "Mein Vater war das schwarze Schaf, und leider bin ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, was in einer Kleinstadt sehr schwierig war.". Die Mutter lebte in "Elend, Armut und Isolation" und starb vor etwas mehr als einem Jahr in der Dominikanischen Republik. Als junger Mann hat sich Bärfuss als Gabelstablerfahrer, Tabakbauer, Gärtner und Buchhändler durchgeschlagen, bevor er vor allem als Autor von Theaterstücken wie "Alices Reise in die Schweiz" und "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" Erfolge feierte. "Für mich ist Schreiben der Weg hinein in die Gesellschaft", sagt der Autor. Bärfuss' Roman "Koala" (2014), in dem der Ich-Erzähler den Selbstmord des Halbbruders zu verstehen versucht, wurde 2015 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

Lukas Bärfuss - Büchnerpreisträger 2019

"Hundert Tage", der Roman zum Völkermord in Ruanda

In seinem Roman "Hundert Tage" (2008) geht es um den Völkermord in Ruanda vor 25 Jahren aus der Sicht des Schweizer Entwicklungshelfers David Hohl, der "in die Wirren eines Jahrhunderverbrechens" gerät. Lukas Bärfuss bietet eine ganz andere Perspektive auf den Genozid als der in Bujumbura geborene Rap-Musiker Geël Faye im neueren Roman "Kleines Land". Tatsächlich ergänzen sich die beiden Bücher über das - wie Bärfuss schreibt "größte Blutbad seit 1945" mit etwa einer Million Toten. Beide Romane - "Hundert Tage" und "Kleines Land" - zeigen Frauen - bei Bärfuss die Geliebte, bei Faye die Mutter -, die am Völkermord persönlich zerbrechen und zugrunde gehen.

Lukas Bärfuss beschreibt auch, wie schwer es dem jungen Schweizer fällt, sich in dem afrikanischen Land zurechtzufinden - zwischen seinen durch jahrelange Arbeit in der Entwicklungshilfe entwurzelten Vorgesetzten und durch die koloniale Vergangenheit Weißen gegenüber extrem skeptischen Einheimischen. Im Hintergrund des Ruanda-Romans scheint immer wieder Bärfuss' Kritik an der Schweiz durch. Für die Entwicklungshilfe "suchte man sich ein Land, das unserem ähnlich war. Klein, bergig, bewohnt von schweigsamen, misstrauischen und fleißigen Bauern. Und eleganten Langhornkühen. Im Scherz nannten wir das Land unsere Kronkolonie. (...) Kaum ein Land, das mehr Gelder erhielt, die Staaten rissen sich geradezu darum, diesem armen Bergland zu helfen. In dieser Genügsamkeit und Ordnungsliebe erkannten wir Schweizer uns wieder." Im Laufe von "Hundert Tage" erkennt der Erzähler, wie die Entwicklungshilfe zur Hilfe für die Massenmörder wird, zum Beispiel indem Ruander nach Journalismus-Kursen im Propagandaradio zum Genozid aufrufen.

Lukas Bärfuss: "Hundert Tage" (2008), 8. Auflage
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