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Sardinen-Bewegung: "Wir können die Lügen der Politiker beenden"

Sardinen-Bewegung: "Wir können die Lügen der Politiker beenden"
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Sie sind keine Partei und wollen keine offizielle Flagge. Es sind vor allem junge Menschen, die die Plätze in ganz Italien erobern, vom Norden bis in den Süden, um Matteo Salvini, den Populismus und die Hassreden der rechten Parteien zu bekämpfen. Sie nennen sich selbst "Sardine", wie der Fisch, der sich in Rudeln bewegt und zusammenbleiben muss, um zu überleben. Die gewaltfreie Bewegung fordert ein Ende der "Zeit der politischen Lügen" und dass die Parteien die Verantwortung für das, was sie sagen, übernehmen.

Sie ist als lokale Bewegung in Bologna entstanen, wo die Lega, die Partei von Matteo Salvini, eine Kundgebung vor den Regionalwahlen in der Emilia Romagna anberaumt hatte. Und sie sind zu einer nationalen Bewegung geworden: Am 14. Dezember haben sich die Sardinen in Rom versammelt und Hunderttausende sind gekommen.

Aber wer sind die Sardinen?

Der Experte für politische Kommunikation Massimo Panarari erzählt Euronews von der Bewegung und analysiert fünf Aussagen, die auf der offiziellen Facebook-Seite der Sardine veröffentlicht wurden.

"Wir wissen, was wir nicht wollen": eine Bewegung gegen Matteo Salvini.

Das erste Mal, dass die Sardinen auf die Straße gegangen sind, war am 14. November: Die erste Veranstaltung wurde auf dem Hauptplatz von Bologna organisiert, wo Matteo Salvinis Lega ein Treffen für die Regionalwahlen organisiert hatte. Die Idee der Sardinen stammt von Matteo Sartori, einem 32-Jährigen, der die Nacht zuvor nicht schlafen konnte: Er kontaktiert seine drei Freunde und organisiert eine Veranstaltung auf Facebook. "Bringen Sie Ihre "Sardine" mit und schließen Sie sich der größten ichthyischen Revolution der Geschichte an", schreiben die vier im Internet.

Ihr Ziel war es, mehr als 6.000 Unterstützer zu gewinnen, aber die Einladung auf Facebook erhält viel mehr Zuspruch. Nach dem Erfolg von Bologna wurden die Sardinen in Modena, Florenz, Taranto, Turin und Mailand aktiv.

"Wir stehen vor einer Bewegung, die sich im Laufe der Zeit verändert", erklärt Politexperte Panarari, aber sicher ist, dass sie seit ihrer Entstehung "durch die Opposition gegen die Lega definiert ist, sie bringt Menschen mit unterschiedlichen Visionen zusammen".

"Es sollte nicht vergessen werden, dass der Ursprung der Bewegung in der Emilia Romagna liegt, wo nach Ansicht vieler Beobachter bei Regionalwahlen eine entscheidende Schlacht ausgetragen wird", betont Panarari.

"Sardinen haben auf ein Meinungsklima reagiert, deshalb sind sie ein Zeichen der Zeit. Sie erzählen die Geschichte der Krise des politischen Angebots und stellen gleichzeitig keinen Versuch dar, die Parteien zu ersetzen", erklärt Panarari.

Eine große Umarmung

In der Rede, die zuerst auf der Demonstrationen in Bologna gehalten wurde, heißt es auch: "Lasst unsere Politiker nicht in Ruhe. Denn sie brauchen uns".

"Keine Flagge, sondern nur Leute, die sich gegenseitig in einer großen Umarmung halten wollen."

Von Bologna bis Palermo, auf der Durchreise durch Florenz, wurde die "Herde der Sardinen" nur wegen ihrer bunten Schilder bekannt: Keine Parteiensymbole ist die Parole, die in vielen Statements im Internet von denen ausgegeben wird, die Treffen organisieren.

In Turin, als ein Vertreter der Bewegung Sì Tav (für den Bau eines Hochgeschwindigkeitszuges, der Turin mit Lyon verbinden würde) vorschlug, in Orange - der Farbe seiner Bewegung - an dem Sardinen-Treffen teilzunehmen, war die Antwort der Organisatoren klar: "Sardinen haben keine Farbe".

Für keine Partei, aber nicht unpolitisch

Für keine Partei, aber nicht unpolitisch: Dies ist einer der wichtigsten Aspekte der Bewegung. "Jede Sardine ist ein Individuum für sich - erklärt Panarari - jeder soll seine eigenen Interesse vertreten. Die Sardine ist ein Werkzeug, um verschiedene Ideen zu erleben: Denn das ist jetzt ihre Hauptfunktion. Sie verurteilt das Unbehagen einer gemäßigten und zentralen Politik und weist auf ihre unterschiedlichen Tendenzen hin", sagt Panarari.

"Wenn die Bewegung in diesem Stadium bleibt - das erklärt der Experte -, wird sie ihre Funktion dennoch erfüllt haben. Was als nächstes passieren wird, ist eine Frage, die die Organisatoren der Bewegung und die Parteien der Mitte betrifft. Die vorerst von einer völlig unerwarteten Bewegung überwältigt sind", sagt der Experte.

"Wenn wir es wollen, ist der Populismus schon vorbei. Wenn wir es wollen, können wir politische Lügen beenden".

Die Sardinen sind gegen Matteo Salvinis Partei, aber nicht nur. Seit der ersten Rede auf der Piazza Maggiore hat die Bewegung ihren Feind gut umrissen: die populistischen Parteien und die "Lügensaison", die sie eröffnet hat.

"Populistische Rhetorik ist ein Element der heutigen Politik, sie kommt aus der Ferne und Salvini ist nur ein letzter Aspekt", argumentiert Panarari. "Aber das ist eine der großen Innovationen der Sardinen: Es ist noch nie zuvor passiert, dass eine Bewegung dringend darum bat, eine neue politische Sprache zu entwickeln", erklärt der Experte.

"Sardinen bitten um ein anderes Spielfeld, eine Sprache, die nicht die gleichen Worte der Lega benutzt, die sie besiegen wollen. Die Herausforderung für die Parteien besteht darin, diesem Auftrag zuzuhören", schließt Panarari.

Eine Herausforderung für die Mitte-Links-Parteien, die sich, wie Panarari betont, "in einem Wortfeld bewegen, in dem die populistische Hegemonie dominiert."

"Die Sardinen haben sich sofort als antifaschistisch erklärt und beabsichtigen, weiterhin die Politik zu beeinflussen.".

Wenige Tage nach der großen Demonstration in der Hauptstadt stand die Sardinenbewegung vor ihrem ersten internen Problem: Stephen Ogongo, einer der Organisatoren der Kundgebung in Rom, sagte in einem Interview mit der Zeitung Il fatto quotidiano, dass selbst Anhänger von CasaPound, einem neofaschistischen Verband, willkommen wären, wenn sie sich entscheiden würden, nicht im Namen ihrer Bewegung zu demonstrieren.

Kurz darauf kommt von der offiziellen Facebook-Seite der Sardine Widerspruch: "Keine Öffnung für CasaPound oder andere faschistische Vereinigungen. Weder jetzt noch in Zukunft".

CasaPound - von Euronews kontaktiert - antwortete: "Wir werden an der Veranstaltung teilnehmen, nicht als Gruppe, aber viele von uns werden gehen. Wir wollen sehen, ob die Sardinen nur gegen etwas sind oder ob wir unsere politischen Vorschläge einbringen können".

"Die Aussagen von CasaPound sind das Ergebnis einer Offenheit, aber nicht im Einklang mit den Gefühlen der überwiegenden Mehrheit der Bewegung", kommentiert Politexperte Panarari: "Wenn es in den Parolen der Sardinen ein Element gibt, das von Anfang an aufgetreten ist, dann ist es genau das des Antifaschismus. Eine Öffnung in diesem Sinne wäre erstaunlich gewesen."

Zusammenkommen und ihrer Stimme Gehör verschaffen: In ihren Aussagen hat die Sardinen-Bewegung immer wieder die Notwendigkeit erklärt, einen Raum physisch zu besetzen, um das Feld nicht dem Populismus zu überlassen.

"In der Politik gibt es so etwas wie ein Vakuum nicht", erklärt Panarari. "Wenn die Parteien sie nicht besetzen, tun es andere, wie die Sardine".

"Andere Mitte-Links-Bewegungen haben in der Vergangenheit ihr Unbehagen gezeigt, aber sie wurden von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geleitet und hatten klarere Inhalte. Heute stehen wir vor einem Massenphänomen mit einer allgemeineren Botschaft, es ist eine Selbstbeschwörung der Zivilgesellschaft", erklärt der Experte.

Panarari meint auch: "Die heutigen Demonstrationen sind gigantische Flashmobs, in voller Harmonie mit dem Geist einer hypersubjektiven Zeit, in der jeder seine eigenen Erwartungen projiziert, ohne die Notwendigkeit von Vermittlern".

"Aber selbst wenn Technologien diese Selbstbeschwörung erleichtern", - so der Experte, "kann die Politik die Militanz nicht ignorieren: Es ist ein großes Missverständnis von heute zu glauben, dass Politik mit einem Klick gelöst werden könnte. Die Sardinen auf den Straßen sind das natürliche Ergebnis einer politischen Beteiligung, die uns überrascht, weil wir sie nicht mehr gewohnt waren", schließt Panarari.

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