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Therapie für pädophile Priester: Anspruch auf ein Leben in Würde?

Therapie für pädophile Priester: Anspruch auf ein Leben in Würde?
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"Wir sind eine Werkstatt, kein Schrottplatz", sagt Marco Ermes Luparia. "Wer sein Auto verschrotten will, braucht nicht zu uns zu kommen." Der Diakon und Psychotherapeut betreibt seit über 20 Jahren in Rom ein Therapiezentrum für Priester mit psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten - darunter auch Pädophile.

Allein in Italien sind in den vergangenen 15 Jahren etwa 150 Priester wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Pädophile Priester sind für die katholische Kirche ein Dauerproblem. Im Februar 2019 lud Papst Franziskus alle Bischöfe der Welt zum Missbrauchsgipfel. Im Dezember schuf er das sogenannte päpstliche Geheimnis ab, eine Regelung, die es verbat, bestimmte Vorgänge aus Kirchenprozessen öffentlich zu machen. 2019 wurden dem Vatikan laut eigenen Angaben rund tausend Missbrauchsfälle gemeldet - ein starker Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Doch was passiert eigentlich mit den Priestern, die beschuldigt oder verurteilt wurden?

In Italien werden sie in Zentren wie dem von Luparia behandelt. "99 Prozent der Priester, die wegen Missbrauchs unter Hausarrest stehen, werden dort behandelt", so Francesco Zanardi, Gründer der Opferorganisation "L'abuso". 24 Therapieeinrichtungen dieser Art seien ihm in Italien bekannt. Die älteste sei die der Venturini-Priester in Trento.

Luparias Zentrum "Divino Amore" gibt es seit 25 Jahren. Die Fälle, die dort behandelt werden, sind für den Leiter ein "persönliches Drama, das zu einem weiteren Drama führt, dem der missbrauchten Person." Die Therapie solle auch dafür sorgen, dass es keine weiteren Verbrechen gebe. Die Therapeuten in den Zentren gehen davon aus, dass es ein Leben lang dauern kann zu genesen und die Patienten isoliert werden müssen.

Therapie für Pädophile dauert Jahre

Zu "Divino Amore" kommen Geistliche aus Italien und anderen Ländern, die pädophil sind, aber auch ein Burnout oder eine Glaubenskrise haben. In dem Zentrum arbeiten fünf Psychotherapeuten, die alle ihre Treue zum Evangelium geschworen haben - das sei Voraussetzung, so Luparia. Die Patienten kämen entweder auf eigene Initiative oder auf Veranlassung eines Bischofs. Einige ständen unter Hausarrest.

"Wir bieten eine Therapie an, die Jahre dauert", so der Diakon. Die Patienten sollen verstehen, warum sie zu Tätern geworden sind. "Wir versuchen zu verstehen, was die entscheidenden Ereignisse für die psychosexuelle Entwicklung waren." Die Patienten führen ein abgeschiedenes Leben, das auf das Spirituelle bedacht ist. Ein Leben, das dem Gebet und der Gemeinschaft gewidmet ist. Pädophile müssten wie Alkoholiker ständig beobachtet werden. "Wir haben gute Therapieerfolge", sagt Luparia. "Aber das geht nur, wenn sich die Patienten an strikte Regeln halten."

Ist Pädophilie heilbar?

"Die Wissenschaft betrachtet Pädophilie nicht als Krankheit, sondern als unnormales sexuelles Verhalten", erklärt der Psychiater und frühere Kriminologie-Professor Maurizio Marasco. Er war Experte in vielen Gerichtsverfahren zu sexuellem Missbrauch. Seiner Erfahrung nach werden viele Geistliche rückfällig. "Manche Priester realisieren, dass sie ein sehr schlimmes Verbrechen begangen haben. Sie akzeptieren die Strafe, aber das heißt nicht, dass sie nie wieder jemanden missbrauchen werden. Ich habe Fälle von Priestern gesehen, die zu einer Therapie verurteilt wurden und Jahre später wieder das gleiche Verbrechen begangen haben." Über die kirchlichen Therapiezentren sei wenig bekannt, so Marasco. "Wie können wir sicher sein, dass die Patienten nicht erneut Kinder missbrauchen?"

Was passiert nach dem Gefängnis?

Wer wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger eine Haftstrafe abgesessen hat, bekommt meistens keine Therapie. Eine Behandlung in Zentren wie "Divino Amore" ist für Verurteilte eher die Ausnahme. "Die meisten Priester werden nach dem Gefängnis obdachlos", so Luparia. Er würde den Geistlichen gerne ein dauerhaftes Leben in Abgeschiedenheit anbieten. Viele seiner Patienten seien keine Priester mehr. "Wir träumen von einem Kloster, in dem sie würdevoll leben können. Terroristen, Mörder, alle haben das Recht auf ein anständiges Leben. Warum nicht auch pädophile Priester?"

Im Mailänder Bollate-Gefängnis gibt es ein Projekt, das Verurteilten hilft, die Frauen und Kinder missbraucht haben. "Wir bieten keine Therapie an", so Paolo Giulini vom Italienischen Zentrum für die Stärkung von Mediation, das das Projekt leitet. Stattdessen gebe es Hilfe beim Stressmanagement, man versucht zu verstehen, wie es zum Missbrauch kam und die Insassen dabei zu unterstützen, Empathie gegenüber den Opfern zu empfinden. Seit 2015 nahmen laut Giulini mehr als 300 Häftlinge freiwillig an dem Projekt teil. Nur elf seien strafrückfällig geworden. Wie lange das Angebot noch bestehen kann, sei jedoch fraglich. "Es ist ein Wunder, dass es uns noch gibt", so der Zentrumsleiter. Das Angebot sei erst von der Region Lombardei, dann von der EU finanziert worden. Mittlerweile werde es von einer privaten Stiftung unterstützt. "Wir stehen jedes Jahr vor dem Ende."

Was ist mit den Opfern?

Opferorganisationen beklagen, dass die Missbrauchsopfer vergessen werden. "Wir brauchen nicht nur die Unterstützung des Vatikans, sondern auch die des Staates", so "Abuso"-Gründer Zanardi. "Paradoxerweise hat die Kirche Zentren für Priester eingerichtet, aber keine für Opfer." Er verweist auf die sogenannte Lanzarote-Konvention des Europarates, die vorsieht, dass Missbrauchsopfer eine Invalidenrente bekommen und dass Menschen, die mit Minderjährigen arbeiten, ein "Anti-Pädophilie-Zertifikat" vorweisen können. "Aber so etwas gibt es in Italien nicht", so Zanardi. Dabei ist das Land Unterzeichner der Konvention.