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Bürgerwehren: Europas selbst ernannte Hilfssheriffs

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Bürgerwehren: Europas selbst ernannte Hilfssheriffs
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Von der Überwachung von Stadtvierteln bis hin zur Festnahme von auf frischer Tat ertappten Kriminellen: Überall in Europa unterstützen Bürger die Arbeit der Polizei. Sie nehmen ihren Schutz selbst in die Hand. Einige Staaten tolerieren oder ermutigen sie. Aber es gibt auch Sorgen, dass in diesen Bürgergruppen Macht missbraucht wird. Steigt die Gefahr der Selbstjustiz? Wird die Unschuldsvermutung missachtet? Um die Beantwortung dieser Fragen geht es in dieser Unreported Europe-Reportage. Euronews-Reporter Pierre Morel recherchierte in den Niederlanden, wo es etwa siebenhundert Bürgerwehr-Gruppen gibt und in Großbritannien: Dort war er mit Pädophilen-Jägern unterwegs, die Verdächtige in sozialen Netzwerken jagen.

Pädophilen-Jäger In London

Sie organisieren sich über soziale Netzwerke oder Messenger-Dienste, um ihre Nachbarschaft zu überwachen, Einbrüche zu verhindern und manchmal sogar Täter zu fangen. Was sind das für besorgte Bürger, die die Polizeiarbeit unterstützen wollen? Recherche im Londoner Stadtteil Wembley: Zwei Mitarbeiter des Vereins "Keeping Kids Safe" surfen durch Messenger-Dienste im Internet für 10- bis 19-Jährige:

"Vor acht Tagen haben wir einen Köder ausgelegt und begonnen, mit einem fiktiven Profil in sozialen Netzwerken zu surfen", erzählt Patrick Fripps von "Keeping Kids Safe". "Wir gaben vor, ein 12-jähriges Mädchen zu sein. Wir mussten nicht lange warten, bis sich jemand meldete. Und sehr schnell nahm die Unterhaltung zwischen dem Verdächtigen und mir eine sexuelle Wendung."

Wie viele andere Briten haben sich die beiden Männer selbst zu Pädophilen-Jägern ernannt: "Wir haben ihm sofort gesagt, wie alt wir sind. Er sagte, es sei ihm egal. Ziemlich schnell gab er uns seine WhatsApp-Nummer. Dort sprach er sehr schnell sexuelle Themen an. Er wollte Sex haben. Er schickte uns einige sehr schockierende Bilder, auf denen er völlig nackt war und mehrere Bilder von seinem Penis", so Patrick Fripps.

Ein virtueller Kontakt bevor die beiden besorgten Bürger den Mann im echten Leben treffen - wie wir später sehen werden.

Immer mehr Bürger-Streifen in den Niederlanden

Die aus den USA stammende Praxis der Bürgerwehren hat sich vor allem im Norden Europas etabliert, in Skandinavien, den Niederlanden, Deutschland oder Großbritannien. Schätzungen zufolge kommen diese Gruppen auf mehr als drei Millionen Bürger in Europa. Dabei wächst die Sorge vor Selbstjustiz oder einer Missachtung der Unschuldsvermutung.

Den Haag in den Niederlanden: Ganz normale Bürger, Frauen und Männer in Warnwesten, patrouillieren zweimal pro Woche durch ihr Viertel. Eine private Initiative von Freiwilligen, die von der Gemeinde unterstützt wird. Sie kümmern sich um "Müll auf der Straße, Graffiti. Abends, wenn es dunkel ist, prüfen wir, ob die öffentliche Beleuchtung funktioniert. So was in der Art", so Jan Overduin.

Mit einer App, die speziell für diese Bürgerwehren entwickelt wurde, können sie die Gemeinde in Echtzeit über alle Arten von Schäden oder andere Zwischenfälle informieren.

Jan Overduin erzählt: "In diesem Viertel hingen viele junge Leute herum. Das führte zu Problemen mit den Anwohnern. Also haben wir hier immer häufiger Runden gedreht, und jetzt ist diese Gegend sauber."

Auf ihren Straßenpatrouillen greifen diese wachsamen Bürger bei Verstößen ein, manchmal sogar vor der Polizei. Jan Overduin inspiziert einen Spielplatz: "Ok, da ist niemand. Manchmal finden wir hier Leute, die rauchen oder Drogen nehmen. Das ist ein Kinderspielplatz. Deshalb wollen wir solche Leute hier nicht haben. Also bitten wir sie höflich zu gehen. Und wenn sie nicht auf uns hören, rufen wir die Polizei."

Mangelnde Grenzen für Bürger-Streifen

Seit 2012 geht die Kriminalitätsrate in den Niederlanden kontinuierlich zurück. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Bürger-Streifen oder Nachbarschafts-Patrouillen. Die Soziologin Shanna Mehlbaum hat dieses Phänomen untersucht:

"Es wäre viel logischer, würde es diese Bürger-Streifen - egal ob virtuelle oder echte Gruppen - in unsicheren Gegenden geben. Aber das ist oft nicht der Fall. Die Menschen haben ein Sicherheitsbedürfnis, obwohl sie in sicheren Vierteln leben. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Gruppen keinen wirklichen Einfluss auf die Kriminalitätsrate in ihren Vierteln haben."

Wie andere Länder auch hat die Niederlande solcher Arten von Bürgerbewegungen gefördert, sie aber nicht reguliert. Eine Nachlässigkeit, die von Polizeigewerkschaften angeprangert wird:
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"Manchmal kommt es zu Gewaltausbrüchen, die nicht immer legal sind"_, sagt Gerrit van de Kamp, Präsident der AKP-Polizeigewerkschaft: "Wir versuchen, die Menschen auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Es gibt Grenzen für diese Gruppen. Und wir müssen auf sie bestehen und einen rechtlichen Rahmen dafür festlegen, was diese Gruppen dürfen und was nicht. Sonst werden sie selbst zu Gesetzlosen."

Der Rückzug und die Angst vor dem Fremden ist die Grundlage vieler Bürgerwehren in Europa. Oft besteht die Gefahr einer politischen Vereinnahmung. In Deutschland blicken Polizei und Politiker mit Sorgen auf die Entwicklung von Bürgerwehren, da sich vermehrt Personen mit rechter oder islamfeindlicher Gesinnung in diesen Gruppen finden. Die NPD hat mit einem Video eine Polemik ausgelöst: "Amberg ist der beste Beweis dafür, dass man selbst in kleineren Städten nicht vor Migranten-Gewalt sicher ist...Wenn auch Du das Schutzzonen-Projekt verstärken möchtest, dann melde Dich bei uns." Mit diesem O-Ton aus dem Video wird im Internet um Unterstützer geworben.

Der Kriminologe Marc Schuilenburg sagt: "Diese Gruppen können zu Diskriminierung, Stigmatisierung und ethnischem Profiling führen. Im Großen und Ganzen werden schwarze Männer, Männer mit langen Bärten, Frauen mit Burkas verdächtig - Dinge und Menschen, die in ihren Vierteln außerhalb der Norm liegen."

Großbritannien räumt Bürgergruppen besonders weitgehende Rechte ein

Diese ehrenamtliche Arbeit ist in vielen europäischen Ländern zu einem unverzichtbaren Element geworden. Besonders in Großbritannien gehen die Rechte der Bürgerwehren besonders weit. Dort dürfen diese Gruppen quasi ihre eigenen Untersuchungen durchführen.

Zurück in London: Die Pädophilen-Jäger sind in der Nacht unterwegs: "Wir wissen seinen Namen, sein Geburtsdatum, den Namen seiner Ehefrau, seinen Beruf, seine Telefonnummer und seine Adresse", so Patrick Fripps. "Wir sind auf dem Weg zu ihm. Er sollte von der Arbeit zu Hause sein. Er hat keine Ahnung, dass wir kommen."

Die beiden Männer - normale Bürger, keine Polizisten - wollen einen mutmaßlichen Pädophilen stellen. Aber sie treffen nur die Mutter des Verdächtigen an. Diese ruft ihren Sohn an und fordert ihn auf nach Hause zu kommen. Kurze Zeit später kommt es zur Konfrontation auf der Straße. Nach acht Tagen der Jagd haben die beiden Pädophilen-Jäger ihren Mann gestellt. Die beiden können sich auf das Jedermannsrecht (Citizens Arrest) berufen. Es erlaubt jedem Bürger, einen Kriminellen vorläufig festzuhalten, wenn er auf frischer Tat ertappt wird oder er offensichtlich ein Verbrechen begehen will. Sie konfrontieren den Mann mit den Botschaften und Fotos, die er seiner Meinung nach an ein 12-jähriges Mädchen verschickte.

Die Konfrontation wird live im Internet übertragen: "2400 Leute schauen zu, Du bist live auf Facebook", so Patrick Fripps zu dem Verdächtigen. In Missachtung der Unschuldsvermutung wird die Identität des Verdächtigen vor 2400 Menschen enthüllt. Dann wird die Polizei gerufen.

Bürgergruppen in der Grauzone

Patrick Fripps ist stolz auf seine Arbeit: "Wir haben insgesamt acht Tage gebraucht, um diesen Kerl zu fangen. Die Polizei hätte Wochen gebraucht, um ihn zu verhaften. Mein Ziel ist es, ihnen für den Rest ihres Lebens eine Scheißangst einzujagen."

Patrick Fripps hat mehr als 600 mutmaßliche Sexualstraftäter an die Behörden ausgeliefert. Zwar trägt diese Praxis dazu bei, gefährliche Kriminelle aus dem Verkehr zu ziehen, aber die Polizei ist nicht glücklich damit:

"Diese Gruppen von Pädophilen-Jägern verursachen mehr Probleme, als sie lösen", sagt Dan Vajzovic, Cambridge Police. "Manchmal rutschen diese Leute selbst in die Illegalität, wenn beispielsweise Menschen geschlagen und Beweise vertuscht werden, oder es zu Erpressung und Drohungen kommt."

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