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5G in der Schweiz: Wunderwerk oder Gesundheitsgefahr?

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5G in der Schweiz: Wunderwerk oder Gesundheitsgefahr?
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5G kommt. Alle sprechen darüber, viele fürchten mögliche Gesundheitsschäden. Wer ist dafür, wer dagegen? Und warum? euronews-Reporterin Monica Pinna hat sich des umstrittenen Themas angenommen und ist dafür in die Schweiz gereist, um mit Gegnern und Befürwortern zu sprechen.

Wir sehen keinen wiederholt bestätigten wissenschaftlichen Beweis, dass drahtlose Kommunikationsmittel wie 5G einen schädigenden Einfluss auf die Gesundheit haben.
Jafar Keshvari
Vorsitzender des Internationalen Ausschusses für elektomagnetische Sicherheit
Seit Jahrzehnten gibt es unwiderlegbare Beweise, dass elektromagnetische Wellen einen thermischen und nicht-thermischen Einfluss auf den Menschen haben.
Daniel Favre
Biologe
Keine wissenschaftliche Arbeit lässt den Schluss zu, dass es irgendeine Gefahr für die Gesundheit gibt.
Christian Neuhaus
Swisscom-Sprecher

Überall auf der Welt liefern sich Länder ein Wettrennen, um die fünfte Generation der drahtlosen Kommunikation aufzubauen. Jetzt, da 5G kommt, drücken immer mehr Behörden auf die Bremse. Bedenken über mögliche Auswirkungen auf den menschlichen Körper schüren Ängste, sorgen für Falschmeldungen und spalten die Wissenschaftswelt.

Die Schweiz nimmt beim Ausbau von 5G eine Vorreiterrolle ein: Mehr als 2000 Sendemasten wurden im vergangenen Jahr aufgestellt, doch die Umsetzung hat sich verlangsamt. Weil gesundheitliche Bedenken bestehen, steht der Ausbau mancherorts vollkommen still. In Nyon am Genfersee macht sich Anna Frusciante Sorgen über mögliche Auswirkungen auf den Menschen. Sie berichtet von einem Sendemast in einem Wohngebiet: „Er steht mitten in der Stadt auf einem Wohnhaus. Hier gibt es nur Wohnungen und nebenan eine Schule, an der Jugendliche ab 16, 17 Jahren unterrichtet werden", so Frusciante.

Schlafstörungen, Herzrasen

Frusciante leidet, was elektromagnetische Wellen betrifft, unter einer Überempfindlichkeit - wie rund zehn Prozent der Bevölkerung in der Schweiz. Sie musste deshalb ihre Arbeit aufgeben und mehrmals umziehen. Frusciante: „Ab Mitte April 2019 konnte ich nicht mehr schlafen, ich bekam Herzrasen. Nach drei Tagen war ich völlig kaputt. Eines Tages sagte mir jemand, dass es in Nyon einen 5G-Sendemast gebe. Ich habe mir dessen Standort auf der Karte angesehen und herausgefunden, dass der Mast 200 Meter Luftlinie von unserem Schlafzimmer entfernt lag", erläutert sie. „Ich habe mein Bettzeug ins Auto gepackt und habe in der ganzen Zeit, in der ich nicht wusste, wie ich mich schützen soll, im Wald geschlafen", so Frusciante.

Strenge Grenzwerte in der Schweiz

In 17 europäischen Ländern hat der Ausbau des 5G-Netzes begonnen - in weiteren Ländern gibt es Probeläufe für die noch leistungsfähigere drahtlose Technik. Das 5G-Netz deckt 90 Prozent der Schweiz ab. Ursprünglich waren noch mehr Sendemasten vorgesehen. Christian Neuhaus, Sprecher des Telekommunikationsunternehmens Swisscom, sagt: „Um 5G-Plus - wie 5G in einer Frequenz von 3,5 Giga genannt wird - auszubauen, brauchen die drei Anbieter in der Schweiz rund 26 000 neue Sendemasten. In der Schweiz gibt es sehr strenge Grenzwerte - zehn Mal strenger als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen und strenger als in den meisten Ländern."

Messen in der Genfer Innenstadt

Doch selbst die Richtlinien und Grenzwerte sind umstritten. Jedes Land macht es anders. Aber sorgt das dafür, dass die Gesundheit der Bevölkerung nicht gefährdet ist? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Zusammen mit Olivier Bodenmann, der gegen 5G ankämpft und die Bürgerinitiative Stop 5G ins Leben gerufen hat, unternehmen wir einen Versuch. Bodenmann hat in der Innenstadt von Genf ein Messgerät eingeschaltet. „Da hört man das Geräusch. Leider kann der Wert nicht gemessen werden. Er ist viel zu hoch. Wenn es gen Himmel zeigt, klappt es. Die Werte sind sehr hoch. Mehr als drei Volt pro Meter, machmal sogar vier. Es gibt da Spitzen. Wie wird das erst mit 5G? Denn das kann nur noch weiter ansteigen", sagt Bodenmann „Der Anstieg bereitet uns Sorge. Die Anbieter wollen erst auf einen Wert von vier erhöhen. In der Schweiz gibt es derzeit einen Grenzwert von fünf oder sechs Volt. Aber die Anbieter wollen irgendwann 20", so der 5G-Gegner.

Was machen elektromagnetische Wellen mit dem menschlichen Körper? Auch die Medizin hat noch einige Fragen. Denn ein klares Bild der körperlichen Beschwerden liegt bislang nicht vor.

Unklarheit über Langzeitfolgen

Philippe Tournesac ist der behandelnde Arzt von Anna Frusciante. Er erläutert: „Wenn es keine eindeutige Diagnose gibt, ist es schwierig, die Krankheit zu erforschen. Keine Forschung bedeutet auch keine Behandlung oder keine Entwicklung angemessener Behandlungsmethoden für den Patienten." Die körperlichen Auswirkungen, von denen Menschen berichten, sind sehr breit gefächert. Welche Langzeitfolgen es haben kann, elektromagnetischen Wellen ausgesetzt zu sein, ist noch nicht erforscht. Tournesac: „Ein Teil der Bevölkerung läuft Gefahr, unter dem Einfluss elektromagnetischer Wellen zu leiden. Und es kann Menschen geben, die plötzlich herausfinden, dass sie eine Überempflichkeit haben."

Ein Teil der Bevölkerung läuft Gefahr, unter dem Einfluss elektromagnetischer Wellen zu leiden.
Philippe Tournesac
Arzt

Einige Fachleute sprechen sich dafür aus, größere Mittel und mehr Zeit in die Forschung zu stecken, um mögliche schädliche Auswirkungen der Technik auf den Menschen zu untersuchen. Der Biologe Daniel Favre hat die Vereinten Nationen und die Europäische Union aufgefordert, sich dieser Wissenslücke anzunehmen. Er selbst will herausfinden, was elektromagnetische Wellen mit Bienen machen. Favre erklärt einen Versuch, mit dem er zeigen will, wie die Insekten reagieren. „Dieses Mobiltelefon sendet die Wellen aus, das andere empfängt sie. Ich habe hier ein Gerät, das die Geräusche des Volkes im Bienenstock misst. Das Gerät ist mit einem Mikrofon verbunden, das unter dem Bienenstock angebracht ist." Der Biologe wertet dann die Geräuschaufnahmen aus. Er zeigt auf ein Schaubild: „Schauen Sie sich diese Wellenform an. Je dicker sie sind, desto höher ist die Lautstärke. Wenn die Telefone benutzt werden, wird das Bienenvolk gestört. Werden die Telefone abgeschaltet, geht der Geräuschpegel des Bienenvolkes auf einen normalen Wert zurück."

Biophysiker Stura: „Genetische Schäden"

Enrico Stura beleuchtet den Einfluss elektromagnetischer Wellen aus molekularbiologischer Sicht. Er weist auf wissenschaftliche Untersuchungen hin, in denen es Anzeichen gibt, dass elektromagnetische Wellen für eine höhere Anzahl an Krebserkrankungen verantwortlich sein könnten. „Selbst wenn man Telekommunikationsgeräte ganz normal benutzt, sorgen sie für genetische Schäden. Das ist bewiesen", so der Biophysiker.

Anna Frusciante versucht dem Einfluss elektromagnetischer Wellen zu entkommen, indem sie es in die Berge zieht. Hier will sie fernab der 5G-Sendemasten in den Städten im Einklang mit der Umwelt leben.