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Frauen und Sport: Hindernislauf für Gleichberechtigung

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Frauen und Sport: Hindernislauf für Gleichberechtigung
Copyright  DAMIEN ROSSO / DROZ PHOTO for Liv Cycling France
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Frauen und Sport: ein glatter Boden für Gleichberechtigung, ein Bereich der noch immer von Diskriminierung und Stereotypen geprägt ist. Die Situation in Frankreich zwischen Fortschritt und Hindernissen. Thema in dieser Unreported-Europe-Folge.

Werden Frauen im Sport jemals den Kampf um Gleichberechtigung gewinnen?

"Seit meinem ersten Spiel habe ich schreckliche Beschimpfungen gehört, wie 'Schlampe' oder du hast hier nichts zu suchen, Hockey ist ein Männersport, geh zurück an den Herd", so Charlotte Girard-Fabre. "__Mit neun Jahren wollte ich mit Eishockey anfangen. In meinem Club hat man mir gleich gesagt, dass Mädchen und Jungen nicht zusammen aufs Eis gehen dürfen."

Beatrice Barbusse, Soziologin und Generalsekretärin des französischen Handballverbands, meint: "Uns wird vor allem Inkompetenz unterstellt. Weil man eine Frau ist. Als Frau muss man seine Kompetenz beweisen. Bei einem Mann fragt man nicht einmal."

Gleichberechtigung ist nach wie vor ein Hindernislauf. Trotz des Lockdowns trifft euronews-Reporterin Monica Pinna auf einer "Mini-Tour de France" Frauen, die in ihren Sportarten dieses Thema aufbrechen.

Audrey Cordon-Ragot ist die französische Meisterin im Straßenrennen. Sie fährt nicht nur, um zu gewinnen, sondern auch, um die Stellung der Frauen im Radsport zu fördern. Sie erklärt, dass Diskriminierung sehr tief verwurzelt ist:

"Heute unterschreiben Frauen weiterhin Amateurlizenzen innerhalb des französischen Radsportverbandes. Bei Männern ist das nicht der Fall: Sie unterschreiben Profilizenzen. Alles, was wir wollen, ist, dass unsere Leistungen anerkannt werden, und dass wir den Radsport zu unserem Beruf machen können."

Die Radrennfahrerin gründete eine Vereinigung zum Schutz der Rechte von Frauen im Radsport. Sie selbst fährt für das Team Trek-Segafredo:

"Für ein US-amerikanisches Team zu fahren, hilft mir, mich zu emanzipieren und die Dinge vielleicht anders zu sehen, als wenn ich in Frankreich geblieben wäre. Wir alle wissen, dass die englischsprachigen Länder zu den Vorreitern in puncto Gleichberechtigung gehören. Als Mitglied dieses Teams kann ich meinen Standpunkt zu diesem Thema vertreten und ihn noch besser verteidigen."

Sexismus im Sport

Sexismus im Sport kann von subtilem psychologischen Druck bis hin zu körperlicher Gewalt reichen. Wer es wagt, seine Stimme zu erheben, riskiert Isolation. Das kostete Charlotte Girard-Fabre ihren Job als internationale Eishockeyschiedsrichterin. Heute arbeitet sie als nationale Handball-Schiedsrichterin. Sie trainiert täglich mit ihrem Mann, der auch Schiedsrichter ist:

"Je mehr ich erreichte, desto schwerer wurde es. Beim Aufwärmen wurden Pucks gezielt gegen meinen Kopf geschlagen, oder ich wurde in eine schwierige Position gedrängt. Alles drehte sich wieder um mein Geschlecht. Und es ging um die Frage, wie viele sexuelle Gefälligkeiten ich gemacht haben musste, um zu den Olympischen Spielen fahren zu können, bis zur Diskriminierung in Umkleideräumen, wo niemand mit mir sprach", sagt Charlotte Girard-Fabre.

Sie arbeitete 10 Jahre lang als internationale Schiedsrichterin im Eishockey, davon 7 Jahre in der höchsten französischen Profiliga der Männer. Sie war Schiedsrichterin bei sechs Weltmeisterschaften und zwei Olympischen Spielen, Sotschi und Pyeongchang:

"Nicht ich habe meine Karriere beendet. Mein Recht wurde mir entzogen, nachdem ich bei den Olympischen Spielen 2018 meinem Verband über sportliche und Management-Diskriminierungen während meiner Karriere berichtet habe. Ich prangerte Diskriminierung, Sexismus, sexuelle Übergriffe auf andere Schiedsrichter an. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich geschnitten, ich wurde zum Schweigen verdonnert. Mir wurde klar gesagt, dass das Opfer nicht ich bin, sondern die Institution, die ich beschuldigte."

"Männersache" Sport?

Sport ist traditionell eine "Männersache", sowohl in Bezug auf die Beteiligung als auch im Management. Der Frauenanteil in den EU-Sportverbänden liegt bei etwa 14%. Studien zeigen, dass ein Minimum von 30% erforderlich ist, um etwas zu bewirken. Beatrice Barbusse war die erste Französin, die einen professionellen Männersportverein leitete, und ist heute Generalsekretärin des französischen Handballverbandes. Keine leichte Aufgabe, wie sie in ihrem Buch "Sexismus im Sport" beschreibt.

"Ich habe in einer Reihe von Situationen erkennen können, dass man als Frau mit Disqualifikationen, Entzug von Rechten, Erniedrigungen konfrontiert wird, dass man niedergemacht wird. Man wird immer auf sein Geschlecht reduziert."

Die Soziologin unterstützt das französische Gesetz von 2014, das festlegt, dass Sportverbände, die mindestens 25% weibliche Mitglieder haben, 40% Frauen im Vorstand haben müssen. Sie sagt:

"Man bracht Frauen auf jeder Ebene der Sportpyramide. Das kann per Gesetz festgelegt werden. Da muss nicht nur in Frankreich, sondern auch in Europa gesetzlich vorgeschrieben werden. Ja, man braucht Quoten."

Frauensport und die Medien

Nächste Etappe : Paris, das Zentrum der französischen Medienindustrie. Dort können Sportler ins Rampenlicht gestellt werden oder im medialen Schatten bleiben.

Laut internationalen Studien machen Frauen-Sportveranstaltungen lediglich 15 bis 20 % der Medienberichterstattung in Europa aus. In Printmedien dominiert der Männersport besonders stark. Der Direktor von L'Equipe, der französischen Sportzeitung und dem Fernsehsender, sagt dazu:

"Es stimmt, wenn man sich die vergangenen 4-5 Jahre anschaut, haben wir zum Beispiel etwas weniger, - abgesehen vom Fußball oder Mannschaftssportarten - , den Frauensport, abgedeckt, weil es heute weniger weibliche Champions im französischen Sport gibt", sagt Jérôme Cazadieu.

Ende August wurde l'Equipe dafür kritisiert, die Tour de France auf dem Titel zu haben, und nicht den 5. Champions League-Sieg in Folge der französischen Frauenmannschaft von Olympique Lyonnnais:

"Es ist eine Frage der Gewichtung. Wir haben den Sieg der OL-Frauenmannschaft auch auf der Titelseite gebracht. Wir haben groß berichtet. Ich stehe morgens nicht mit dem Gedanken auf, dass ich Männer- und Frauensport gleich behandeln muss. Was den Frauensport irgendwann sichtbarer machen wird, ist die Leistung unserer Mannschaften. Wir werden dafür kritisiert, dass wir den Sieg von Lyon nicht als Schlagzeile gebracht haben, aber wer hat das Spiel der OL-Frauenmannschaft übertragen? Nicht die öffentlichen Sender", so Jérôme Cazadieu.

Frischer Wind im Frauensport

Der Kampf für mehr Gleichberechtigung im Sport beginnt sich auszuzahlen. Die Situation verbessert sich an vielen Fronten, auch wenn nach wie vor z.B. ein Gehaltsgefälle besteht. Claire Floret kämpft seit 2015 für eine Frauen-Tour de France: Das erste Rennen wird es 2022 geben. Ihr Projekt "Donnons des elles au vélo J-1" hat dazu beigetragen:

"Für uns ist das eine große Leistung. Das wird frischen Wind in den Frauenradsport bringen. Denn durch diese Publicity werden die Teams attraktiv für Sponsoren. Das gibt den Teams die Möglichkeit, sich zu strukturieren und die Fahrerinnen zu bezahlen. Das Eine bedingt das andere."

Seit 2015 fährt eine wachsende Gruppe von Radrennfahrerinnen die Etappen der Tour de France jeweils einen Tag vor den Männern. Claire Floret:

"Die Idee dahinter ist es, den Radsport für alle zugänglicher zu machen und zu zeigen, dass wir alle, unabhängig von unserem sportlichen Profil, unseren Platz auf dem Fahrrad haben."

Frauen haben erkannt, dass sie zusammenarbeiten müssen, um den Kampf um Gleichberechtigung im Sport zu gewinnen. Die Schaffung eines Netzwerks über die Sportarten hinweg ist entscheidend, um gleiche Ausgangsbedingungen zu schaffen, die keinen Raum für Seximus lassen.