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Grüner Deal der EU: Gibt es einen Öko-Aufschwung in der Krise?

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Grüner Deal der EU: Gibt es einen Öko-Aufschwung in der Krise?
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Was bedeutet der europäische Grüne Deal für die Wirtschaft? Wir treffen spanische Öko-Unternehmer, die kreative Wege zur Verwertung von Abfallprodukten gefunden haben – Thema im Interview bei Real Economy: gibt es einen grünen Aufschwung?
Diese Woche wird es grün – Es geht um den europäischen Grünen Deal. Wie wirkt er sich auf Arbeitsplätze und die Wirtschaft aus? Die EU hat sich verpflichtet, bis 2050 CO2-neutral zu werden. Aber wie kann man angesichts der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen gleichzeitig die Arbeitslosigkeit und den Klimawandel bekämpfen? Real-Economy-Reporterin Fanny Gauret hat in Spanien Öko-Unternehmer getroffen.

Der Grüne Deal kurz erklärt

Der Grüne Deal ist die ehrgeizige Initiative der EU, bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent zu werden. Von der Produktion bis zum Konsum soll Europas Wirtschaft in eine nachhaltige Wirtschaft umgewandelt werden. Dazu gehört die Förderung einer effizienteren Ressourcennutzung, Abfall zu minimieren und die Nettoemissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren.

Der Übergang zu einer klimafreundlichen Gesellschaft wird Regionen, Länder und Industrien, die stark von fossilen Brennstoffen abhängig sind, stärker belasten. In den nächsten sieben Jahren werden im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF) mit den neuen Vorschlägen des Europäischen Sozialfonds Plus mehr als 88 Milliarden Euro zur Förderung von Beschäftigung und sozialer Eingliederung investiert. Damit werden grüne Arbeitsplätze geschaffen, Bildungsmöglichkeiten unterstützt und Menschen in neuen Fähigkeiten geschult - bereit für den Übergang zu einer grünen und digitalen Wirtschaft.

Grüner Arbeitsmarkt belebt die Wirtschaft

Die EU ist davon überzeugt, dass der Übergang zu einem grüneren Arbeitsmarkt der Schlüssel zur Wiederbelebung der Wirtschaft ist. Fanny Gauret hat sich zwei Öko-Unternehmen in Madrid und Teneriffa angeschaut, die - unterstützt vom Europäischen Sozialfonds - Abfälle sinnvoll nutzen.

"Empleaverde" ist ein staatliches Programm, das grüne Arbeitsplätze und Unternehmertum unterstützt. Es wird vom Europäischen Sozialfonds kofinanziert, Die Initiative bietet auch Schulungen und Projektberatung für nachhaltige Unternehmen an. Die Reporterin hat ein Öko-Unternehmen in Madrid besucht.

Aus altem Speiseöl wird Seife

Sergio und Catalina Trujillo Villa haben "Souji" vor fünf Jahren gegründet. Das kleine Unternehmen hat ein Produkt entwickelt, das ein Küchen-Abfallprodukt wiederverwertet: Speise-Öl.

"Das Öl, das bei der Zubereitung von Kartoffeln übrigbleibt, lassen wir abkühlen", erklärt Catalina Trujillo Villa . "Wir haben es gefiltert und jetzt messen wir die Menge des Produkts und des Öls ab, um eine Mischung herzustellen, die eine Minute lang geschüttelt wird. Auf diese Weise verwandeln wir das Öl in Seife."

Mit dieser Seife kann man die Pfanne reinigen, in der die Kartoffeln gebraten wurden, Wäsche waschen oder den Boden reinigen. Ein Beispiel fü eine Kreislaufwirtschaft, bei der Entwicklung wurde "Souj" von Experten unterstützt. Sergio Fernández Fernández, "Souji"-Mitgründer: "Empleaverde hat uns bei der Ausbildung und beim Networking sehr geholfen. Dank der Unterstützung weiß man, ob man wirklich auf dem richtigen Weg ist."

Die Unternehmer haben eine Maschine entwickelt, die große Mengen an Öl verwerten kann. Zielgruppen sind Restaurants und Hotels:

"Wenn wir in die Gastronomie oder die Lebensmittelindustrie vordringen, verdreifacht sich der Ölverbrauch. Deshalb hoffen wir, im nächsten Jahr um 30 bis 40 Prozent zu wachsen", so Catalina Trujillo Villa.

Abfälle sinnvoll verwerten

Auf Teneriffa wird das spanisch-baskische Start-up "Recircular" von Empleaverde unterstützt. Das Unternehmen bietet Lösungen an, wie Abfälle wie Leder, Plastik oder Braumalz-Rückstännde, die bei der Bierherstellung anfallen (Biertreber), wiederverwertet können. Mitgründerin Patricia Astrain González erklärt:

"Wir entwickeln andere Möglichkeiten, andere Optionen, die Nebenprodukten einen höheren Wert bzw. eine längere Lebensdauer geben. Aus Biertreber kann man beispielsweise Brot, Mehl oder Müsli herstellen."

Recircular bringt Unternehmen miteinander in Verbindung. Dabei ist das „Empleaverde“-Netzwerk der grünen Unternehmen sehr nützlich, so die Mitgründerin: "Durch sie wurden wir und unser Projekt bekannter, unsere Außenwirkung größer. Sie unterstützen unsere Entwicklung."

Mit einem Budget von 47 Millionen Euro, das zu 75 Prozent vom Europäischen Sozialfonds kofinanziert wird, wird Empleaverde von der Fundación Biodiversidad verwaltet. Sie wählen innovative Unternehmen aus und unterstützen sie, um den ökologischen Wandel voranzutreiben.

"Innovation ist ein Schlüsselprozess bei diesem ökologischen Wandel", meint Elena Pita Domínguez, Direktorin der Fundación Biodiversidad. "Sie leitet uns bei der Auswahl der Vorschläge. Denn wir stehen vor völlig neuen Herausforderungen. Wir müssen kreativ damit umgehen."

Neben der Unterstützung von Unternehmen hilft "Empleaverde", grüne Arbeitsplätze zu schaffen. Die Arbeitslosigkeit war in Spanien bereits vor der Pandemie hoch. Mit der Coronakrise stieg sie bis Ende 2020 auf 16 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent. Elena Pita Domínguez: "Wir unterstützen insbesondere die Schaffung von Arbeitsplätzen. Diese Art von Hilfen kann der Schlüssel sein, um einen tiefgreifenden Wandel zu bewirken."

Können also staatliche Programme wie dieses einen ökologischen Wirtschaftsaufschwung fördern und Arbeitsplätze schaffen?

Interview mit Connie Hedegaard

Die euronews-Reporterin Naomi Lloyd gibt diese Frage an Connie Hedegaard weiter: Sie ist die Vorsitzende des Runden Tisches für nachhaltige Entwicklung der OECD und zu Gast zum Interview bei Real Economy.

Euronews:
Frau Hedegaard, können staatliche Programme wie "Empleaverde" eine grüne Erholung der Wirtschaft fördern?

Connie Hedegaard, Vorsitzende des Runden Tisches für nachhaltige Entwicklung der OECD:
Ja sicher, und das ist nicht nur ein Hirngespinst, das beobachten wir tatsächlich. Es hilft, wenn öffentliche Fonds wie der Sozialfonds oder die EU-Strukturfonds einen Bereich priorisieren. Dann werden Aktivitäten in diesen Bereich verlagert. Und, ja, es kann wirklich einen Aufschwung vor Ort ermöglichen.

Euronews:

In unserer Reportage haben wir zwei Unternehmen vorgestellt, die Abfall verwerten. Sind das die Öko-jobs der Zukunft?

Connie Hedegaard:
Ja, davon bin ich überzeugt. Wir bewegen uns von einer linearen zu einer Kreislaufwirtschaft. Das bedeutet, dass wir Abfall neu bewerten müssen. Wir müssen ihn wiederverwenden, recyceln, verwerten. Das erkennen immer mehr Menschen. Und die gute Nachricht ist, dass es für Unternehmen kostengünstiger ist, wenn wir Materialien effizienter nutzen. Damit werden nicht nur Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch bessere Aussichten für unsere Wirtschaft.

Euronews:

_Wir stecken mitten in einer Pandemie. Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt, um den Grünen Deal voranzutreiben? _

Connie Hedegaard:
Die Wirtschaftskrise, die nach der Pandemie auf uns zukommt, bietet eine einzigartige Gelegenheit, unser "business as usual" zu überdenken: Wirklich zu überlegen, wie wir auf intelligente Weise Arbeitsplätze schaffen können. Sich auf Innovationen zu konzentrieren, die Dinge intelligenter zu machen. Wir wissen, dass in den USA, in China und anderswo auf der Welt mehr grüne Produkte gefragt sind. Das ist der Grund, warum wir heute einen Wettbewerbsvorteil haben. Wir sollten ihn noch mehr nutzen. Und wenn wir das klug machen - nach Covid-19, mit dem europäischen Grünen Deal - dann werden wir auch ganz neue Arten von Arbeitsplätzen schaffen.

Euronews:

Connie Hedegaard, vielen Dank, dass Sie unser Gast bei Real Economy waren.

Europas Grüner Deal wird umgesetzt. Zu den ersten Initiativen gehört ein Klimagesetz, dass das Klimaneutralitätsziel bis 2050 im EU-Recht verankert. Jetzt geht es darum, wie man diese Chance für Innovation und die Schaffung von Arbeitsplätzen am besten nutzt, während Europas Wirtschaft immer ökologischer und nachhaltiger wird.

Cutter • Nicolas Coquet

Weitere Quellen • Produktion: Camille Cadet; Kamera Spanien: Aitor Lekue; Kamera Paris: Matthieu Bacques; Ton: Nicolas Personne; Motion Design: NEWIC (https://www.agence-newic.com/)