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Axel Springer suspendiert BILD-Chefredakteur Julian Reichelt

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Von Andrea Büring
Axel Springer Gebäude in Berlin
Axel Springer Gebäude in Berlin   -   Copyright  Axel Springer / Charles Yunck

Der Axel Springer-Verlag hat BILD-Chefredakteur Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Das teilte das Unternehmen am Montag in Berlin mit.

Causa Bild-Chef Reichelt: "Vögeln, fördern, feuern" und ... vertuschen?

Julian Reichelt soll jahrelang sexuelle Beziehungen zu zahlreichen Praktikantinnen und Volontärinnen gehabt haben. Nach einer Untersuchung durfte er zurückkehren. Doch Berichte, die die Vorfälle genauer unter die Lupe nehmen, werden am Ende nicht veröffentlicht - möglicherweise durch Druck.

Die Veröffentlichung war eigentlich für Sonntag vorgesehen. Investigative Journalist:innen von Ippen-Media hatten ein halbes Jahr lang zu den Vorwürfen rund um Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und das umstrittene Arbeitsklima beim Boulevard-Blatt recherchiert. Doch Verleger Dirk Ippen höchstpersönlich kippte den Enthüllungsartikel am Freitag - laut dem medienkritischen Onlinemagazin "Übermedien" sollen Vertreter von Axel Springer zuvor Kontakt zu "hochrangigen Ippen-Verlagsleuten" aufgenommen haben, um die Veröffentlichung in letzter Minute zu verhindern.

Über das Vorgehen beschwerte sich die betroffene Ippen-Redaktion in einem Protestbrief:

Der New York Times zufolge hat der Ippen-Verleger die brisante Geschichte zurückgezogen, "um den Anschein zu vermeiden, man vermenge eine journalistische Veröffentlichung mit dem wirtschaftlichen Interesse, einem Konkurrenten zu schaden."

Im Bericht des Rechercheteams geht es offenbar um neue Vorwürfe gegen den mächtigen Chefredakteur. Die Enthüllungen über den umstrittenen Blattmacher dürften somit in eine neue Runde gehen.

Praktikantinnen und Volontärinnen im Visier

Sex sells - ein Credo des Boulevard-Journalismus. Welche übergeordnete Rolle Sex möglicherweise bei der Bild-Zeitung gespielt hat, davon gaben die Vorwürfe gegen Chefredakteur Julian Reichelt im März eine Ahnung. Der 41-Jährige soll laut Spiegel-Artikel "Vögeln, fördern, feuern" mit vielen jungen Kolleginnen das (Hotel-) Bett geteilt und diesen dann berufliche Vorteile verschafft haben: Sex mit Frauen, die beruflich von ihm abhängig waren. Das wären eigentlich Machtmissbrauch und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen.

Rund ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen hatte dem Medienhaus Vorfälle aus den vergangenen Jahren geschildert. Frauen, die - offenbar aus Angst vor Rache - anonym bleiben wollten. Sie kritisierten, dass ihre Aussagen intern nicht verfolgt oder durch ein Klima der Angst erstickt worden seien. Vorwürfe, die der heutige Chefredakteur und früherere Kriegsreporter bestreitet: Es habe keine beruflichen Entscheidungen von ihm gegeben, die von privaten Beziehungen geprägt oder sonst beeinflusst gewesen seien.

Zu wenig Konkretes?

Um Klarheit zu schaffen, wandte sich der Axel Springer-Verlag an die Compliance-Abteilung, die eine Kanzlei einschaltete. Doch die Untersuchung wurde schnell abgeschlossen: Reichelt habe zwar Fehler gemacht, die jedoch angesichts seiner strategischen und strukturellen Veränderungen sowie journalistischen Leistungen wettgemacht würden. "Entgegen der in einigen Medien kolportierten Darstellung", habe es "keine Vorwürfe und auch im Untersuchungsverfahren keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung gegeben", hieß es vom Springer-Konzern. Reichelt hat zwar die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die anderen Vorwürfe jedoch bestritten.

Obwohl ans Licht kam, dass Reichelt zahlreiche Berufs- zu Bettbekanntschaften machte, wurde er nicht entlassen. Nach zwölf Tagen Abwesenheit kehrte Reichelt zurück, seine Macht an der Spitze des Blattes wurde allerdings beschnitten. Seitdem teilt er sich die Leitung mit Alexandra Würzbach.

Früherer Druck auf Journalisten?

Bereits im April 2018 wollte das "Handelsblatt" einen Artikel über Interessenkonflikte bei "Bild" veröffentlichen, berichtet der "Spiegel". Hintergrund waren Reichelts intime Beziehungen zu einer Frau, die für eine PR-Firma arbeitete. Doch die Geschichte verschwand nach einem Anruf von Reichelt, der auf seine Privatsphäre pochte, in der Versenkung.

Weitere Quellen • Spiegel, New York Times