Deutschland übt derzeit, wie Verwundete im Ernstfall schnell von Litauen bis in heimische Krankenhäuser gebracht werden können. Doch als logistisches Drehkreuz der NATO spielt das Land schon heute eine zentrale Rolle bei der Verlegung von Truppen und der Versorgung im Bündnisfall.
Neben dem Rollfeld des Flughafens BER steht ein Airbus A400M der Luftwaffe. Der Flieger kommt aus dem Einsatzszenario in Litauen, wo die deutsche Panzerbrigade 45 stationiert ist. Sie soll dort einen Teil der NATO-Ostflanke vor einem russischen Angriff schützen.
Über die geöffnete Heckrampe des A400M tragen die Sanitäter einen verwundeten Soldaten auf einer Trage und übergeben ihn an Einsatzkräfte von Johannitern und Maltesern. Von dort aus wird er in Deutschland registriert und behandelt.
Noch ist das eine Übung.
Denn im Rahmen des Quadriga-Manövers trainiert die Bundeswehr bei Medic Quadriga gemeinsam mit zivilen Kräften die sogenannte Rettungskette für Verwundete – also den gesamten Weg vom Einsatzgebiet in Litauen bis zur Behandlung in Deutschland. Die Bundeswehr nennt die Übung die "komplexeste" und "größte" Übung des Sanitätsdienstes seit Beginn des russischen Angriffskrieges 2022.
"Gemeinsamer strategischer Belastungstest"
Ziel der Übung ist es, die Einsatzbereitschaft und Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr zu erhöhen und zugleich die Zusammenarbeit mit zivilen Akteuren im Gesundheitswesen – darunter Johanniter und Malteser – zu stärken. Erstmals wurde dabei die komplette militärische Rettungskette erprobt: von der Versorgung Verwundeter im Einsatzgebiet in Litauen bis zur Behandlung in deutschen Kliniken. Unter einer militärischen Rettungskette versteht man ein abgestimmtes System von Maßnahmen, das die schnelle Versorgung vom Ereignisort bis ins Krankenhaus sicherstellen soll.
An der Übung haben rund 1.250 Personen teilgenommen, davon etwa 1.000 aus dem militärischen Bereich und 250 aus zivilen Organisationen. Beteiligt sind unter anderem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter, Malteser, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, ADAC-Luftrettung sowie der Berliner Senat.
Eigentlich sollte der MedEvac-Airbus – eine Art fliegende Intensivstation der Bundeswehr – vergangene Woche die Übungsverwundeten von Litauen nach Berlin bringen. Aufgrund der aktuellen Sicherheitslage im Nahen Osten wurde der Flug, zu dem auch exklusiv Euronews eingeladen war, jedoch kurzfristig gestrichen. Grund: Das Flugzeug befindet sich derzeit in Einsatzbereitschaft.
Trotz Ausfall des Fluges wurden vergangenen Freitag etliche Übungsverwundete in einem Zentrum beim Flughafen BER registriert, medizinisch begutachtet und je nach Schwere ihrer Verletzungen behandelt. Wie Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann erklärt, sollen im Ernstfall Evakuierungen jedoch nicht nur mit dem Flugzeug, sondern mit dem Zug stattfinden.
"Unser Ziel ist es, spätestens bis 2028 Züge bereitzustellen, die für den Transport Verwundeter genutzt werden können", verkündete er und erklärte, dass es sich am Beispiel des Krieges in der Ukraine, wo 90 Prozent der rückwärtigen Patiententransporte über die Schiene abgewickelt werden, gezeigt habe, dass Züge in Krisengebieten eines der wichtigsten Transportmittel sind.
Bei der Medic Quadriga-Übung fungierte jedoch der Flughafen als zentraler Knotenpunkt der Rettungskette. Dort beginnt der Prozess mit der Überprüfung, ob chemische oder biologische Kampfstoffe im Einsatz waren. Verwundete müssen also vor der Erstuntersuchung möglicherweise dekontaminiert werden.
Anschließend folgen Erstuntersuchung und medizinische Priorisierung, bevor die Patienten an Rettungsteams übergeben werden. Diese organisieren den Weitertransport in zivile oder militärische Krankenhäuser in der Umgebung. Mit Krankenwagen oder Hubschraubern werden die Verwundeten schließlich in Kliniken in Berlin und Brandenburg gebracht.
"Nur was man übt, kann man auch"
Hoffmann sagte, dass "es darauf ankommt, dass wir im Ernstfall in der Lage sind, auch mit einer großen Anzahl von Verwundeten umzugehen und sie versorgen zu können." Sollte es zu einem Spannungsfall an der NATO-Ostflanke kommen, wird mit bis zu 1.000 Verwundeten pro Tag gerechnet, die aus dem Baltikum nach Deutschland gebracht werden müssten. "Unsere Berechnungen zeigen, dass wir unter Berücksichtigung der Liegezeiten etwa 15.000 Akutbetten im System benötigen würden. Aus meiner Sicht ist das organisierbar, wenn man sich rechtzeitig darauf vorbereitet", so Dr. Hoffmann.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, der sich vergangenen Freitag ein Bild der Übung gemacht hat, sagte, dass das ganze dem Credo folge: "nur was man übt, kann man auch. Und nur das, was man in ruhigen Zeiten trainiert und einstudiert, beherrscht man im Spannungs- und Verteidigungsfall."
Dem Minister zufolge ist die Übung deswegen ein "gemeinsamer strategischer Belastungstest", der die Rolle Deutschlands aufgrund seiner zentralen Lage als logistische Drehscheibe im Ernstfall zeigt.
NATO-Drehkreuz Deutschland
Im Kriegsfall soll Deutschland zum zentralen logistischen Drehkreuz der NATO werden. Das sieht der sogenannte Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) vor. Demnach könnten im Ernstfall bis zu 800.000 Soldaten über deutsches Gebiet an die NATO-Ostflanke verlegt werden.
Nach Informationen des Wall Street Journal umfasst der OPLAN DEU ein geheimes, rund 1.200 Seiten langes Dokument, das vor rund zweieinhalb Jahren in der Berliner Julius-Leber-Kaserne verfasst wurde und nun "auf Hochdruck" umgesetzt werden soll.
Mit dem Plan soll sichergestellt werden, dass politische Entscheidungen in einem möglichen Krisen- oder Konfliktfall schnell, verfassungskonform und koordiniert getroffen werden, damit schnell gehandelt werden kann. Die Umsetzung würde laut dem Wall Street Journal jedoch aufgrund veralteter Infrastruktur, darunter maroden Brücken, einsturzgefährdete Häfen, fehlende militärische Fähigkeiten und unzureichende Zusammenarbeit mit zivilen Stellen, nicht reibungslos ablaufen.
Was Deutschland noch übt, machen die USA längst
Der amerikanisch-israelische Militäreinsatz gegen den Iran dauert inzwischen seit mehr als einer Woche an. Neben den amerikanischen Militärstützpunkten im Nahen Osten spielt dabei auch Deutschland eine Rolle: Die Ramstein Air Base gilt als einer der wichtigsten Knotenpunkte für die US-Armee in Europa, auch für die medizinische Evakuierung Verwundeter.
Hier zeigt sich, wie eine militärische Rettungskette im Ernstfall funktionieren würde. Ähnlich wie bei einem möglichen Spannungsfall an der NATO-Ostflanke, etwa in Litauen, beginnt sie im Einsatzgebiet: Dort übernehmen Sanitäter und Feldlazarette die Erstversorgung.
Schwer verletzte Soldaten werden anschließend mit strategischen Transportflugzeugen – häufig vom Typ Boeing C-17 Globemaster III – im Rahmen des sogenannten "Aeromedical Evacuation Systems" ausgeflogen.
Viele dieser Flüge landen zunächst in Ramstein, von wo aus die Patienten in das nahegelegene Landstuhl Regional Medical Center gebracht werden – das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb der Vereinigten Staaten.