Es ist der „Kampf der Luftmassen“: Arktische Kaltluft fließt am Wochenende in Richtung Osteuropa. In Bayern benutzt der Wetterdienst jetzt sogar Gurkenwasser statt Streusalz, in Berlin muss die Reichstagskuppel wegen der eisigen Kälte gesperrt werden.
Der Januar in Berlin und Hamburg war so kalt wie seit 15 Jahren nicht mehr. Auch der Februar startet eisig. Arktische Kaltluft strömt nach Deutschland, dazu drohen Eisregen und gefährliche Glätte. Vielerorts muss der Winterdienst jetzt kreativ werden. In der Hauptsadt sorgt ein Vorstoß des regierenden Bürgermeisters Kai Wegner für Wirbel, während ein gestörter Polarwirbel die Kältewelle antreibt.
Gleichzeitig könnte sich in einigen Regionen – vor allem im Westen und Südwesten – schon in den kommenden Tagen vorübergehend deutlich mildere Luft durchsetzen, sodass der Frühling dort zumindest kurz anklopft.
Verkehrschaos: Bahnausfälle und Glätte-Unfälle
Wegen gefrierenden Regens und Glatteis kommt es in Norddeutschland am Freitag zu erheblichen Verkehrsbehinderungen und zahlreichen Unfällen. Mehrere Autobahnen mussten zeitweise voll gesperrt werden. Die Polizei meldet viele weitere Unfälle – meist mit Blechschäden – und warnt besonders vor Nebenstraßen, die teils nicht geräumt sind. In mehreren niedersächsischen Landkreisen fiel zudem der Präsenzunterricht aus, weil Schulbusse nicht fuhren.
Das Winterwetter hat schon zu Beginn der Woche den Schienen- und Straßenverkehr erheblich eingeschränkt. In Berlin kapitulierte die BVG vor dem Eis – wegen flächendeckend vereister Oberleitungen standen mehrere Straßenbahnlinien mehrere Tage komplett still. Zum Ende der Woche gibt es zumindest vorsichtige Entwarnung: Nach Angaben der BVG ist dank des Einsatzes von Hunderten Mitarbeitenden seit Freitag wieder mehr als drei Viertel des Schienennetzes befahrbar.
Frost-Warnungen für das Wochenende
Der Deutsche Wetterdienst hat für ganz Deutschland Warnungen der Stufe Eins herausgegeben. Vor allem anhaltender Frost, Glätte und Minustemperaturen dürften auch am Wochenende für Chaos auf den Straßen sorgen.
Im Nordosten des Landes sollen minus sieben Grad erreicht werden. Zudem drohen gefühlte Temperaturen bis minus 15 Grad in Vorpommern und Uckermark durch böigen Ostwind, mit kalten Nächten und schneidenden Tagen. Auch in Berlin droht Rekordkälte bis minus 13 Grad.
Gefrierender Regen und Eisregen drohen bundesweit mit Glätte. Samstag könnte es vorübergehend ruhiger werden, doch der Nordosten bleibt eisig.
Polarwirbel sorgen für Kältewelle
Meteorologisch steckt hinter der aktuellen Kältewelle ein klassischer „Kampf der Luftmassen“: Ein kräftiges Hoch über Nord- und Osteuropa lenkt trockene, eisige Kontinentalluft aus Skandinavien und Russland nach Nord- und Ostdeutschland, während Tiefdruckgebiete vom Atlantik milde, feuchte Luft in den Südwesten führen.
Die scharfe Grenze dazwischen sorgt nicht nur für Temperaturunterschiede von bis zu 20 Grad zwischen Vorpommern und dem südwestlichen Bundesgebiet, sondern auch für gefährliche Glätteereignisse.
Auf der Großwetterlage lastet gleichzeitig der Schatten eines gestörten Polarwirbels in rund 30 Kilometern Höhe: Klimaforscher beobachten seit Jahren, dass sich der stratosphärische Polarwirbel häufiger abschwächt oder sogar in mehrere Zentren aufspaltet, was immer wieder Kaltluftausbrüche bis weit nach Mitteleuropa begünstigt.
Berlin im Ausnahmezustand
In Berlin zeigen sich die Folgen des Winterwetters besonders sichtbar – meteorologisch wie politisch. Die gläserne Kuppel des Reichstags und die Dachterrasse bleiben an diesem Wochenende aus Sicherheitsgründen geschlossen, weil Glatteis und Minusgrade als zu hohes Risiko eingestuft werden.
Vor allem Fußgänger und Radfahrer stürzen auf vereisten Wegen, die Berliner Feuerwehr fährt außergewöhnlich viele Einsätze. Wie BILD berichtet, lag das Aufkommen am Montag und Mittwoch mit mehr als 1830 Einsätzen sogar über der Einsatz-Zahl an Silvester, zeitweise waren es bis zu 1955 Einsätze pro Tag. Der Berliner GdP-Sprecher Benjamin Jendro warnte auf X, am Freitagvormittag sei „nicht ein einziger RTW in der Hauptstadt verfügbar“ gewesen – Patiententransporte hätten deshalb teils mit Löschfahrzeugen stattfinden müssen.
Der Streusalz-Streit
Parallel dazu sorgte ein Vorstoß des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner in den sozialen Netzwerken für eine eine hitzige Debatte: Der CDU-Politiker forderte das Abgeordnetenhaus auf der Plattform X zu einer schnellen Gesetzesänderung auf, um den Einsatz von Streusalz auf eisglatten Gehwegen ausnahmsweise zu erlauben.
Denn in Berlin ist der Einsatz von Tausalz aus Umweltgründen weitgehend untersagt, es sollen vor allem Splitt und Sand genutzt werden. Wegners Appell, mit Blick auf „extreme Wetterbedingungen“ und „gefährliche Lage“ die Regeln zu lockern, löste Spott ebenso wie scharfe Kritik aus.
Selbst Politiker aus den eigenen Reihen reagierten auf den Vorstoß mit Augenzwinkern. Armin Laschet amüsierte sich auf darüber, dass sich selbst Grünen-Politiker aus Baden-Württemberg über Berlin lustig machten. „Und nein, es ist keine überraschende Wetterkrise: Man nennt es Winter“, schrieb er.
Für Kai Wegner und die Berliner gibt es dennoch gute Neuigkeiten: Tausalz darf in Berlin nun doch noch verstreut werden. Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) hat angesichts der extremen Glätte kurzerhand die rechtliche Grundlage für den Einsatz des umstrittenen Auftaumittels geschaffen.
Das teilte die Senatsverwaltung für Umwelt am Freitagnachmittag, einen Tag nach Wegners Hilferuf, mit. Statt einer gesetzlichen Änderung soll jedoch erstmal eine Allgemeinverfügung den Kampf gegen das Glatteis in der Hauptsatdt erleichtern.
Gurkenwasser gegen Glatteis: Bayerns salzige Recycling-Idee
In Niederbayern spart man sich Streiterein und setzt stattdessen auf eine ungewöhnliche Lösung: Gurkenwasser. Im Werk des Feinkostherstellers Develey in Dingolfing lagern Gurken vor der Weiterverarbeitung in Salzwasser, bisher musste diese Sole nach der Fermentation aufwendig und kostenintensiv entsorgt werden.
Ein Mitarbeiter brachte vor einigen Jahren die Idee ins Spiel, die Restsole aufzubereiten und als Streumittel zu verwenden – inzwischen kooperiert das Unternehmen mit dem bayerischen Verkehrsministerium und mehreren Straßenmeistereien.
Nach Angaben des Unternehmens lassen sich dadurch jährlich hunderte Tonnen konventionelles Streusalz und Millionen Liter Wasser einsparen; Versuchsbetriebe wie Dingolfing oder Taufkirchen sowie der Flughafen München berichten von guten Erfahrungen im laufenden Winterbetrieb. Der Kampf gegen den Frost kann also auch nachhaltig funktionieren.
Europaweit Frost und große Unsicherheit
Die aktuelle Kältewelle ist kein rein deutsches Phänomen, sondern Teil eines großräumigen europäischen Wintermusters. Ein ausgedehntes Hochdruckgebiet über Nord- und Osteuropa hält dichte Kaltluftmassen in weiten Teilen des Kontinents fest, während der Jetstream über Süd- und Südwesteuropa verläuft und dort die Tiefdruckgebiete bündelt.
Das Ergebnis sind „zwei Jahreszeiten“ zur gleichen Zeit: Im Norden und Nordosten herrschen vielerorts Dauerfrost, teils mit gefühlten Werten unter minus 15 Grad, während im Süden und Südwesten phasenweise deutlich mildere Bedingungen mit Regen und Plusgraden überwiegen.
Laut saisonalen Einschätzungen des DWD und europäischer Wetterdienste könnten in Mittel- und Nordeuropa auch im Februar immer wieder Kaltluftschübe durchziehen. Der Winter gibt sich also noch nicht geschlagen.