Von einer russischen Einrichtung für Menschen mit Behinderung wurden mindestens 50 Menschen ins Krankenhaus gebracht, neun weitere sind verstorben. Ermittlungen sollen die Umstände aufklären - Vorwürfe richten sich gegen die Heimleitung.
Die Tragödie, die sich im Januar im psychoneurologischen Internat von Prokopjewsk ereignete, ist vermutlich weit mehr als ein weiterer Fall behördlichen Versagens. Sie macht strukturelle Missstände sichtbar, die sich in geschlossenen Sozialeinrichtungen über Jahre hinweg angestaut haben.
Neun tote Bewohner, mehr als 50 Erkrankte und hospitalisierte Patienten, widersprüchliche Erklärungen der Behörden, belastende Aussagen von Mitarbeitenden, geheime Bestattungen im Wald und auffällige Finanzströme – all das ergibt ein düsteres Gesamtbild.
Todesfälle ohne eindeutige Ursache
Ende Januar wurde bekannt, dass neun Bewohner des Internats im Alter zwischen 19 und 73 Jahren gestorben waren. Nach Angaben des Untersuchungsausschusses begann die gleichzeitige Erkrankung der Patienten am 23. Januar. Damals mussten Dutzende Patienten notfallmäßig in Krankenhäuser eingeliefert werden. Mehrere von ihnen befanden sich in kritischem Zustand.
Während das regionale Arbeitsministerium erklärte, die meisten Todesfälle seien auf chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen, geht der Untersuchungsausschuss von einer Virusinfektion aus, deren Ausbreitung durch mangelhafte Bedingungen im Internat begünstigt worden sei. Entsprechend wurde das Strafverfahren verschärft: Es geht nunmehr um die Verletzung von Hygienevorschriften mit Todesfolge.
Hinter dieser juristischen Formulierung verbirgt sich nach Aussagen von Mitarbeitenden eine erschütternde Realität.
Kälte, Hunger und unterlassene Hilfeleistung
Mehrere Angestellte, die anonym bleiben wollen, sprechen von einer "dauerhaften Gefahrenzone". In einigen Gebäuden funktionierte im Winter die Heizung nicht, Patienten lagen tagelang in eiskalten Räumen. Viele seien geschwächt und unterernährt gewesen – ihre Immunabwehr habe bereits versagt, bevor das Virus überhaupt ausbrach.
Nach Angaben des Personals begann die Grippewelle nicht erst im Januar, sondern bereits im November. Aus Angst vor Kontrollen habe die Heimleitung jedoch verboten, Ärzte zu rufen oder Quarantänemaßnahmen einzuleiten. Trotz hohen Fiebers und starker Beschwerden erhielten die Patienten keine fiebersenkenden Medikamente.
"Man hat gewartet, bis es wirklich schlimm wurde", berichten Krankenschwestern.
Auch die Ernährung war offenbar unzureichend: verdorbenes Gemüse, abgelaufenes Fleisch, Fisch zweifelhafter Qualität. Für bettlägerige Patienten wurde das Essen in einem einzigen Fleischwolf zerkleinert – derselbe für Rohware und fertige Speisen.
Bereits im September des Vorjahres hatten Medien Fotos der Lebensmittel und von Zuständen in der Küche veröffentlicht. Nach Kontrollen durch die zuständigen Behörden besserte sich die Lage kurzzeitig, verfiel jedoch rasch wieder in alte Muster.
Wohin Millionen verschwanden
Besonders widersprüchlich erscheinen diese Berichte angesichts der staatlichen Ausgaben. Russischen Medien zufolge erhielt das Internat rund 60 Millionen Rubel. Davon flossen 17 Millionen in Renovierungsarbeiten, beispielsweise der Turnhalle und der Wohnräume.
Für Lebensmittel wurden innerhalb von nur drei Monaten 40 Millionen Rubel bereitgestellt.
Gleichzeitig berichten ehemalige Mitarbeitende von chronischem Nahrungsmangel. Teilweise habe ein Teller für eine ganze Station reichen müssen. Wohin sind die Lebensmittel mit diesen Mitteln verschwunden - eine Frage, die heute nicht nur von Journalisten, sondern auch von Ermittlern gestellt wird.
Personalmangel und ein Leben ohne Freiheiten
Der Aktivist Alexej Muchin, der seit Jahren Beschwerden aus Internaten im Kusbass sammelt, bezeichnet den Fall Prokopjewsk als Symptom eines kranken Systems. Bewohner, die formal freiwillig untergebracht seien, lebten faktisch rechtlos: ohne Telefon, ohne Bewegungsfreiheit, ohne Möglichkeit, den Vertrag zu kündigen.
Das Personal sei massiv unterbesetzt. An manchen Tagen habe eine Krankenschwester bis zu 100 Menschen betreuen müssen – Pflege, Sicherheit und Hygiene seien unter solchen Bedingungen unmöglich. Bereits zuvor sei ein Fall offener Tuberkulose vertuscht worden, der zur Ausbreitung einer Lungenentzündung in der Einrichtung geführt haben soll.
Ausgerechnet jüngere Mitarbeitende brachten den Stein ins Rollen: Sie wandten sich an Aufsichtsbehörden, sagten bei Ermittlern aus und informierten die Öffentlichkeit.
Druck und Einschüchterung
Nach Beginn der Berichterstattung habe die Heimleitung massiven Druck ausgeübt, berichten Mitarbeitende. Wer über Kälte oder verdorbenes Essen sprach, durfte plötzlich nicht mehr arbeiten. Der Zutritt zum Gelände wurde mit Verweis auf angebliche Anweisungen "von oben" verweigert.
Offiziell hieß es, schlechte Testergebnisse oder "festgestellte Infektionen" seien der Grund. Doch Rospotrebnadzor teilte den Betroffenen mit, dass entsprechende Analyseergebnisse noch gar nicht vorlägen.
Die Mitarbeitenden sind überzeugt: Sie würden isoliert, damit die Kommissionen des Gesundheitsministeriums, des Ministeriums für Sozialschutz und der Strafverfolgungsbehörden nicht mit denen zusammentreffen, die bereit seien, die Wahrheit zu sagen.
"Der Direktor hat uns direkt aufgefordert, zu schweigen", sagen sie.
Anonyme Gräber im Wald
Zusätzliche Empörung lösten Fotos eines Anwohners aus, der mehrere unmarkierte Gräber im Wald nahe dem Internat entdeckte.
Ohne Zäune, ohne Namensschilder. Einige Kreuze wirkten alt, offenbar wiederverwendet.
Nach Recherchen von Journalisten wurden dort verstorbene Bewohner beerdigt – auch solche, die im Januar starben.
Reaktionen der Behörden und ein zweiter Fall
Nach Bekanntwerden der Vorfälle ordnete der Gouverneur des Kusbass, Ilja Seredjuk, umfassende Kontrollen aller Internate der Region an. Ein Ärzteteam aus Kemerowo wurde entsandt, die Leiterin des Internats, Jelena Morosowa, suspendiert. Künftig sollen die Bewohner zweimal jährlich medizinisch untersucht werden.
Brisant ist jedoch: Es handelt sich bereits um die zweite schwere Tragödie in medizinischen Einrichtungen der Region innerhalb eines Monats. Anfang Januar starben in Nowokusnezk neun Neugeborene in einer Entbindungsklinik. Auch dort steht eine Infektion im Raum, mehrere Ärzte wurden festgenommen.
Fragen, die bleiben
Die Ermittlungen dauern an, Gutachten werden erstellt, Behörden äußern sich vorsichtig. Doch zentrale Fragen sind weiterhin unbeantwortet:
Warum lebten Menschen monatelang in Kälte und Hunger, obwohl Millionen zur Verfügung standen? Warum wurde ein Krankheitsausbruch ignoriert? Warum wurden Tote heimlich im Wald begraben? Und wie viele ähnliche Fälle verbergen sich noch hinter den Mauern geschlossener Einrichtungen?
Solange diese Fragen offen bleiben, ist die Tragödie von Prokopjewsk nicht nur ein menschliches Drama, sondern ein systemisches Versagen – eines, das keine kosmetischen Korrekturen braucht, sondern eine grundlegende Reform im Umgang mit den Schwächsten der Gesellschaft.