Präsident Emmanuel Macron, Politiker und Politikerinnen aller Parteien verurteilen die Gewalt in Lyon, die zum Tod des rechtsextremen Studenten Quentin D. führte. Und es gibt Schuldzuweisungen an die extreme Linke sowie an die Partei LFI.
Der 23-jährige Franzose Quentin D. ist am Samstagabend in einem Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Er war am Donnerstag in Lyon am Rande eines Vortrags der linken LFI-Europaabgeordneten Rima Hassan brutal zusammengeschlagen worden. Die Politikerin, die an Bord eines Schiffes der internationalen Flotilla war, sprach auf einer Universitätsveranstaltung über den Krieg in Gaza. Dagegen protestierten Mitglieder von Némésis, einem identitären, feministischen Kollektiv.
Was geschah wirklich?
Bisher ist nicht wirklich geklärt, was am Donnerstagabend in Lyon passiert ist. So wurde Quentin D. zwei Kilometer oder 20 Minuten Fußweg vom Ort der Veranstaltung und der Proteste entfernt von einem Rettungswagen abtransportiert.
Der Mathematikstudent Quentin D. war Berichten zufolge in der rechtsextremen royalistischen Bewegung Action française aktiv. Er soll "punktuell und inoffiziell" im Einsatz gewesen sein, um die Mitglieder von Némésis zu schützen. "Wir haben manchmal junge Männer, die uns vorschlagen, uns einfach zu helfen, wenn es für uns physisch zu kompliziert wird", erklärte Alice Cordier, die Vorsitzende des Kollektivs, laut der Nachrichtenagentur AFP.
Der Anwalt der Familie des toten Studenten widersprach, denn Quentin sei_"weder ein Sicherheitsbeamter noch ein Mitglied eines Ordnungsdienstes"_ gewesen. Er "verteidigte seine Überzeugungen gewaltlos, trat für einen friedlichen Aktivismus ein" und "war in der Vergangenheit nie angeklagt worden", zitiert ihn die Nachrichtenagentur AFP_._
Vor der Sorbonne in Paris protestierten rechte Studierende, sie forderten "Gerechtigkeit für Quentin" und skandierten "LFI Mörder".
Emmanuel Macron reagierte am Samstagabend auf den Tod des jungen Mannes. Quentin sei das Opfer eines "unerhörten Ausbruchs von Gewalt", schrieb der Präsident auf X und sprach der Familie sein Beileid aus.
"In der Republik wird keine Ursache, keine Ideologie jemals rechtfertigen, dass man tötet", erklärte Macron. Es sei unerlässlich, "die Urheber dieser Schmach zu verfolgen, vor Gericht zu bringen und zu verurteilen".
Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez forderte die Präfekten auf, "die Wachsamkeit rund um Versammlungen politischer Natur sowie um Wahlkampfbüros zu erhöhen".
Seit Freitagabend, so franceinfo, waren mehrere Büros von Aktivisten und Abgeordneten der linken Partei "La France insoumise" (LFI) in Lille, Metz, Castres Bordeaux und Rouen Ziele von Angriffen. Es wurden Fensterscheiben eingeschlagen, Gebäude mit roter Flüssigkeit beschmiert oder mit Plakaten zum Angriff auf Quentin beklebt.
Besondere Betroffenheit in Lyon
Der Tod des jungen Studenten erregte in Lyon besondere Aufmerksamkeit, nicht nur, weil sich die tragischen Ereignisse hier abspielten, sondern auch wegen der langen Geschichte rechtsextremer Gewalt in der Stadt an der Rhône.
Mehrere Kandidaten für die Kommunalwahlen in Lyon setzten ihren Wahlkampf am Sonntag aus. " Ich kann mir nicht vorstellen, unter diesen Bedingungen Wahlkampf zu machen. Ich rufe alle auf, sich die Zeit zu nehmen, um den Ernst des Augenblicks zu erkennen, den wir gemeinsam erleben ", sagte der rechte Kandidat Alexandre Dupalais auf France 3.
"Der Tod von Quentin macht mich sprachlos", reagierte der konservative Unternehmer Jean-Michel Aulas am Samstag auf X. " Nichts rechtfertigt es, für seine Ideen zu töten oder zu sterben. Nichts rechtfertigt, dass eine politische Meinungsverschiedenheit zu Gewalt führt ".
Die LFI-Abgeordnete Anaïs Belouassa-Cherifi, die für ebenfalls die Kommunalwahlen in Lyon kandidiert, wurde in Kommentaren im Internet kritisiert. Sie soll das linksextreme Kollektiv "Jeune Garde" ("Junge Garde") unterstützt haben, das in sozialen Netzwerken für den Tod von Quentin verantwortlich gemacht wird.
Die Politikerin sprach der Familie von Quentin ihr Beileid aus.
Der amtierende grüne Bürgermeister von Lyon Grégory Doucet, der für eine zweite Amtszeit antritt, bedauerte " eine Tragödie " und betonte, dass "ein solcher Ausbruch von Gewalt im Herzen der Stadt inakzeptabel" sei. Doucet versprach, dass "die Stadt Lyon der Justiz alle ihre Mittel zur Verfügung stellen wird, um die am Tod von Quentin beteiligten Personen zu ergreifen".
Minister schalten sich ein
Mehrere Mitglieder der Regierung in Paris machten der Partei LFI und Ultralinken Vorwürfe.
"Gewalttätige politische Diskurse führen zu physischer Gewalt. (...) Es war die Ultralinke, die Quentin offensichtlich getötet hat", erklärte Justizminister Gérald Darmanin in der Sendung "Le Grand Jury RTL-Le Figaro-Public Sénat" am Sonntag, den 15. Februar. "Das ist unbestreitbar", behauptete der Justizminister, obwohl die nach dem Tod des Aktivisten eingeleitete Untersuchung keinesfalls abgeschlossen ist.
Gérald Darmanin "glaubt nicht", dass die Behörden "die Gewalt der extremen Linken unterschätzt" haben, er selbst habe politische Gewalt "immer angeprangert", egal ob sie "von der Ultralinken, der Ultrarechten, den Survival-Bewegungen, den Maskulinisten..." komme. "Ich denke, es gibt eine Nachgiebigkeit der LFI und der extremen Parteien im Allgemeinen gegenüber der politischen Gewalt ", die "so tun, als würden sie nicht sehen, dass Worte töten", so der Justizminister.
Als Gast auf Franceinfo kritisierte die französische Ministerin für Gleichstellung von Frauen, Aurore Bergé, den "Willen von La France insoumise, jungen Leuten etwas einzuflößen, indem sie durch die Universitäten touren."
Rechte und extreme Rechte gegen LFI
Wenig überraschend kritisieren die traditionelle Rechte (LR) oder die rechtspopulistische Partei Rassemblement National ihre politischen Gegner von La France Insoumise und prangern ebenfalls die Gewalt in der gesamten öffentlichen Debatte an.
"Es ist nicht die Polizei, die in Frankreich tötet, es ist die extreme Linke", erklärte der LR-Vorsitzende und ehemalige Innenminister Bruno Retailleau.
"Ich bin empört, dass La France insoumise den fruchtbaren Boden für diese Ultragewalt schafft", kritisierte Othman Nasrou, Generalsekretär der Konservativen LR und Vizepräsident der Region Île-de-France, am Sonntag, den 15. Februar, auf franceinfo.
Die Vorsitzende der Fraktion Rassemblement National in der Nationalversammlung, Marine Le Pen, schloss in ihre Empörung_"die Regierung_" mit ein und forderte sie auf, "aus ihrer Schockstarre zu erwachen angesichts linksextremer Milizen, die seit Jahren, gestützt auf die Nachsicht und Unterstützung von Parteien wie La France insoumise, im öffentlichen Raum Einschüchterungen, Drohungen und Aggressionen vervielfachen".
"Die Miliz von Mélenchon und LFI hat getötet", klagte Le Pens Nichte Marion Maréchal auf X unverblümt an und forderte "die Aufnahme der Jungen Garde und dieser ganzen Antifa-Bewegung auf die Liste der terroristischen Organisationen".
Der RN-Abgeordnete des Departements Somme, Jean-Philippe Tanguy, beklagte am Sonntag, den 15. Februar, in Questions politiques auf France Inter, franceinfo tv und Le Monde "eine Banalisierung der politischen Gewalt (die) immer zur ultimativen Gewalt führt, d. h. zur Verletzung von Personen und zum Tod".
Die Linke verteidigt sich, verurteilt aber gleichzeitig die Gewalt
"La France insoumise verurteilt jede physische Gewalt aufs Schärfste, wie sie es immer getan hat", schrieb der nationale Koordinator der LFI, Manuel Bompard, am Freitag auf X. "Dieses Klima der Gewalt muss aufhören" (...), "niemand darf sein Leben für seine Ideen verlieren".
Die Europa-Abgeordnete Rima Hassan, deren Auftritt in Lyon Proteste ausgelöst hatte, distanzierte sich von der Gewalt."Ich habe mit Entsetzen von den Vorfällen um den jungen Mann Quentin erfahren (...) Bei jeder meiner Reisen ist der einzige Ordnungsdienst, mit dem ich zusammenarbeite und der mich begleitet, der von La France insoumise, der niemals auf Gewalt zurückgreift und der in keiner Weise in diese Zusammenstöße verwickelt ist."
Der LFI-Politiker Éric Coquerel rief die_"extreme Rechte_" dazu auf,"vor ihrer eigenen Tür zu kehren", wie der Figaro berichtete. Er verwies auch auf einen_"Lyoner Kontext_" mit_"seit vielen Jahren Aktionen der extremen Rechten, ohne dass dies viele Schlagzeilen_ machte" und ohne dass die Polizei_"eingreift_".
Während die "Jeune Garde" - eine ultralinke Gruppierung, die im Juni 2025 von der Regierung aufgelöst wurde - beschuldigt wurde, drückte ihr Gründer und nunmehriger LFI-Abgeordneter Raphaël Arnault sein_"Entsetzen und Abscheu_" aus . "Was ich seit Jahren in Lyon befürchte, setzt sich nun fort. Ich spreche der Familie dieses jungen Menschen mein Beileid aus und wünsche mir, dass die ganze Tragödie aufgeklärt wird."
Der erste Sekretär der Sozialistischen Partei (PS), Olivier Faure, verurteilte seinerseits "das Niveau der Gewalt ... inakzeptabel": "In einer Demokratie sollte niemand für seine Ideen sterben".
Der ehemalige Präsident und PS-Abgeordnete von Corrèze, François Hollande, antwortete: "Politische Gewalt darf keinen Platz in unserer Republik haben. Man zerstört keine Ideen, indem man Leben zerstört".