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Nach russischer Haft: Wie der Film "Traces" Trauma in Widerstand verwandelt

Der Film "Traces" portraitiert sieben Frauen in der Ukraine, die die russische Kriegsgefangenschaft überlebt haben. Der Film läuft bei der Berlinale.
Der Film "Traces" portraitiert sieben Frauen in der Ukraine, die die russische Kriegsgefangenschaft überlebt haben. Der Film läuft bei der Berlinale. Copyright  Franziska Müller / Euronews
Copyright Franziska Müller / Euronews
Von Sonja Issel & Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Sie überlebten russische Gefangenschaft, Folter und sexuelle Gewalt. In "Traces" erzählen sieben Ukrainerinnen ihre Geschichte - und verwandeln Schmerz in Stärke. Eine Doku über Kriegsverbrechen, Würde und den Kampf um Gerechtigkeit.

Es ist eine Dokumentation unvorstellbarer Grausamkeit. Sieben Frauen aus der Ukraine erzählen von Gewalterfahrungen durch russische Soldaten. Eine von ihnen, Iryna hat sich durchgekämpft und etwas Neues geschaffen - Stärke, Gemeinschaft, Hoffnung.

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Ein Film über die schreckliche Realität von Frauen in russischer Gefangenschaft oder unter russischer Besetzung - und Geschichten von Frauen, die sich davon nicht kaputt machen haben lassen. Der Dokumentarfilm "Traces" hatte auf der Berlinale seine Weltpremiere.

"Traces" - Spuren, die der Krieg hinterlässt

In der ukrainischen Botschaft wird es still, als der Trailer des Dokumentarfilms "Traces" beginnt. In der ersten Reihe sitzen die Protagonistinnen – sieben Frauen, die nach eigenen Angaben Gewalt in russischer Gefangenschaft erlebt haben.

Eine von ihnen ist Iryna. Als sie spricht, hört der Saal aufmerksam zu. Sie berichtet von Haft, Misshandlungen und dem Versuch, ihre Würde zu bewahren. Es sind Schilderungen von Gewalt, die in dem warmen, sicheren Raum mitten in Berlin kaum vorstellbar sind. Für Iryna jedoch sind sie Realität. Sie hat überlebt – und mit ihr die Erinnerungen an das Erlebte.

"Sie drohten, meinen Sohn zu vergewaltigen, und sagten, dass Menschen wie wir nicht leben sollten", erzählte eine andere Frau im Trailer. "Und erst danach werde ich dich mit diesem Kind töten. Die Zeit blieb stehen, und ich stand einfach nur da."

Der Anlass ist der Launch der Social-Impact-Kampagne zu "Traces", jenem Dokumentarfilm, der im Programm von Panorama bei der Berlinale gezeigt wurde. In die Botschaft sind Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft gekommen, ebenso eine UN-Vertreterin und der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev. Der Großteil der geladenen Gäste sind allerdings Frauen.

Die Kampagne will auf das Schicksal von inhaftierten und misshandelten Ukrainerinnen und Ukrainern aufmerksam machen - und politische sowie juristische Konsequenzen einfordern.

Portrait von sieben Frauen: "Sie opfern ihre Privatsphäre"

Im Film führt Iryna durch ihr eigenes und das Schicksal von sechs anderen Frauen in russischer Gefangenschaft. Sie haben Folter, sexuelle und andere Formen der Gewalt überlebt – Kriegsverbrechen durch russische Soldaten.

Iryna wird von der Dokumentarfilmerin Alisa Kovalenko begleitet. Die Filmemacherin hatte 2014 gegen die Besatzung der Krim gekämpft und selbst russische Kriegsgefangenschaft erlebt. "Ehrlich gesagt wollte ich diesen Film nicht machen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich es tun musste", erzählt Kovalenko Euronews. "Ich wusste, dass es sehr, sehr schwer werden würde. Dass ich leiden würde. Aber ich wusste, warum ich das tat. Das war es mir wert."

Alisa Kovalenko hat bei "Traces" mit Marysia Nikitiuk Regie geführt. Sie ist selbst Überlebende russischer Kriegsgefangenschaft.
Alisa Kovalenko hat bei "Traces" mit Marysia Nikitiuk Regie geführt. Sie ist selbst Überlebende russischer Kriegsgefangenschaft. Franziska Müller / Euronews

Auch die Frauen mussten ihrer Meinung nach ein weiteres Opfer bringen. "Sie opfern ihre Privatsphäre. Aber sie wissen, wofür sie es getan haben. Denn sie sprechen auch für diejenigen, die noch schweigen", erzählt Kovalenko weiter. Und trotzdem sei der Film ein Beweis für Würde, Solidarität und den gemeinsamen Kampf für Gerechtigkeit und Schwesternschaft.

Iryna und den anderen Frauen ist es der Regisseurin nach gelungen, ihren Schmerz in Kraft umzuwandeln. "Ich glaube also, dass dieser Film Empathie hervorrufen kann, aktive Empathie, auf die Taten folgen."

"Ich habe nach fünf Jahren zum ersten Mal darüber gesprochen"

Wenige Frauen sind mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen. Iryna ist Teil der Vereins SEMA Ukraine, der Frauen ermutigt, das Erlebte untereinander zu teilen. "Ich habe viele Jahre gebraucht, um diese Kraft zu sammeln", erzählt sie Euronews. "Ich habe erst fünf Jahre nach dem Erlebten zum ersten Mal darüber gesprochen, und das war nicht einfach."

Letztendlich will sie dokumentieren, dass Russland sexuelle Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe einsetze und nimmt Interviews mit sechs anderen Frauen auf. Im Laufe des Films lernt der Zuschauer nicht nur ihre grausamen Geschichten kennen, sondern kann auch die Stärke ihrer Gemeinschaft wahrnehmen und den gegenseitigen Halt. Über den Film und die Kampagne sagt Iryna: "Das wird unser kleiner Sieg sein. Und wieder einmal wird dies ein Beweis dafür sein, dass es doch Gerechtigkeit gibt."

Iryna Dovhan führt durch die Portraits von sieben Frauen, die ihre Gewalterfahrungen schildern.
Iryna Dovhan führt durch die Portraits von sieben Frauen, die ihre Gewalterfahrungen schildern. Franziska Müller / Euronews

Gezeigt werden keine expliziten Darstellungen von Gewalt, vielmehr kehren die Frauen in ihre früheren, teils zerbombten und zerstörten Häuser zurück, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie finden Wände mit Dutzenden Einschusslöchern wieder, Teile der Dächer fehlen, der Garten von Minen unterwandert. In einer Szene sieht man entfernt ein Feuer, es knallt im Sekundentakt, dann ertönt der Sirenenalarm. Teile des Publikums schreckten auf.

Alisa Kovalenko hat bewusst auf das Zeigen der Interviews verzichtet: "Ich beschloss, dass ich keine Frauen filmen, sondern nur Audioaufnahmen machen würde", erklärte die Regisseurin. Man würde eher Vertrauen aufbauen, "wenn man mit einer Person spricht, wenn man ihr in die Augen sieht, wenn man nicht hinter der Kamera steht."

Doch als sie für die Interviews in der Region Cherson war, habe sie überall Spuren des Krieges gesehen. "Es waren Minenfelder, brennende Felder, zerstörte Häuser, aber auch verwundete Menschen." Letztendlich wollte sie aber auch die Wunden abbilden, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, wie die Erinnerungen der Frauen an die erlebte Gewalt.

Weitermachen als Beweis, dass der Feind gescheitert sei

Doch nicht nur der Dokumentarfilm war Ziel, sondern auch das Abbilden möglicher russischer Kriegsverbrechen. Iryna, Kovalenko und die anderen Frauen wollen nicht nur, dass die Welt weiß, was russische Soldaten gemacht haben. Sie stehen in der ukrainischen Botschft in deutschland und nutzen die Plattform der Berlinale - zwischen all dem roten Teppich und goldenen Preisen und hollywood stars, damit die Botschaft ihers Films nur der Anfang ist.

"Der beste Weg, ein Trauma zu überwinden, ist, nach vorne zu schauen. Für mich war es sehr wichtig, mich von ihnen nicht unglücklich machen zu lassen", erzählt eine Frau im Trailer. "Das ist meine Waffe, die ich anderen Frauen zur Verfügung stellen könnte. Die Tatsache, dass sie es überwunden haben, ist der beste Beweis dafür, dass der Feind gescheitert ist."

Am Rande der Berlinale unterstützen zahlreiche Zivilgesellschaftsvertreter in der Botschaft die Initiative der Frauen unter dem Namen SEMA, die gegen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe kämpft und Betroffene unterstützt.

Der Zusammenschluss fordert Anerkennung, dass Russland sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt (conflict-related sexual violence, CRSV) als Kriegswaffe einsetze. Für die Betroffenen bietet der Verein sowohl finanzielle als auch psychologische Unterstützung.

Systematische Gewalt als Kriegsverbrechen anerkennen

Am Ende der Dokumentation steht geschrieben, Russland solle auf die "shame"-list der UN gesetzt werden. In der Organisation der Vereinten Nationen wird CRSV eigens definiert. Dabei steht die angewandte Gewalt im Zusammenhang mit einem Konflikt.

Laut dem jüngsten UN-Report über das Jahr 2023 wurden demnach in der Ukraine 85 Fälle von konfliktbezogener sexueller Gewalt gegen Zivilisten und Kriegsgefangene festgestellt. Diese soll sich im gleichen Maße gegen Männer und Frauen gerichtet haben.

"In den meisten dokumentierten Fällen, in denen erwachsene männliche Opfer betroffen waren, wurde sexuelle Gewalt als Foltermethode während ihrer Gefangenschaft durch russische Streitkräfte und Strafverfolgungsbehörden eingesetzt", heißt es in dem Report.

Sieben Frauen erzählen bei "Traces" ihre Geschichte.
Sieben Frauen erzählen bei "Traces" ihre Geschichte. Franziska Müller / Euronews

Auch von ukrainischer Seite solle 10 solcher Fälle ausgegangen sein. Sie reichen von der Androhung von Gewalt bis hin zur Ausführung. Der Verein SEMA Ukraine geht von einer hohen Dunkelziffer an Betroffenen von russischer CRSV-Gewalt aus.

"Das ist keine Dokumentation über die die Menschen reden werden. Viele Menschen schauen lieber weg", sagte auch der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev auf dem Event. Die Gemeinschaft von ukrainischen Frauen, "dieses Streben nach Wahrheit" sei für ihn "ein Bestandteil der ukrainischen Resilienz."

"Die Ukrainer heute können ein gutes Beispiel dafür sein, wie Gesellschaft funktioniert, wie Demokratie verteidigt wird und was gerade die europäischen Werte, die zugrunde von unserem Bewusstsein in Europa liegen, was die eigentlich heißen", so Makeiev weiter.

Sowohl bei der Weltpremiere des Films als auch bei der Vorstellung der Kampagne in der Ukrainischen Botschaft blieb am Ende ein Gefühl der Hoffnung und der Stärke. Wie die Frauen sich gegenseitig aus den grausamen Erinnerungen geholt haben und Schulter an Schulter auf den Bühnen Berlins stehen, zeigt auch die Schaffenskraft, die daraus entstanden ist. Ihre Stimmen verstehen sie als Schwert gegen die Gewalttaten der russischen Soldaten.

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