Eine pro-russische Online-Kampagne stilisiert die estnische Stadt Narwa zur "Volksrepublik", verbreitet Propaganda und ruft teils zu Gewalt und Sabotage auf. Rund 400 Kilometer entfernt ist die Bundeswehr-Brigade in Litauen stationiert – Teil der NATO-Ostflanke, die im Ernstfall reagieren müsste.
Eine Flagge, ein eigenes Wappen, neu gezogene Grenzen – und eine Rhetorik, die stark an die Ausrufung der sogenannten "Volksrepubliken" im Donbas im Osten der Ukraine sowie an die Annexion der Krim im Jahr 2014 erinnert: In sozialen Netzwerken wird die drittgrößte estnische Stadt Narwa (estnisch Narva) plötzlich als "Volksrepublik Narwa" inszeniert.
Hinter der Social-Media-Kampagne steckt laut Recherchen der estnischen Anti-Propaganda-Plattform Propastop ein mutmaßlich separatistisches Projekt, das auf eine Abspaltung des russischsprachig geprägten Nordostens Estlands zielt – direkt an der Grenze zu Russland.
Separatismus in Estland: eine Gefahr für deutsche Brigade?
Sollte es zu einer derartigen militärischen Eskalation in Estland kommen, könnte dann auch die in Litauen stationierte deutsche Brigade in den Konflikt hineingezogen werden?
Die Panzerbrigade 45 ist im litauischen Pabradė nahe der belarussischen Grenze stationiert – rund 400 Kilometer vom estnischen Narwa entfernt und dient zur Abschreckung. Auch wenn die Brigade formal in Litauen ist, reicht ihr Auftrag über das Einsatzland hinaus: Sie ist Teil der Absicherung der gesamten NATO-Ostflanke – mit dem Baltikum als vorderster Verteidigungslinie.
Im Falle eines Konfliktes, wäre nicht auszuschließen, dass "dann natürlich die deutsche Präsenz in Litauen unmittelbar als Verstärkung dazu gerufen wird", erklärt der Militärexperte und Professor an der Universität der Bundeswehr, Dr. Carlo Masala, im Gespräch mit Euronews.
Laut Masala könnte es aber auch sein, dass die Bundeswehr-Brigade aus Befürchtung möglicher weiterer Aktionen auf Litauen an ihrem Standpunkt bleibt.
"Hast du Angst?"
Erstellt wurde der bislang wohl prominenteste Telegram-Kanal namens "Narva Republic" am 14 Juli vergangenen Jahres. Aktuell hat er über 700 Abonnenten. Aktiv darin gepostet wird jedoch erst seit dem 18. Februar 2026.
Neben Aufrufen zum bewaffneten Widerstand und Sabotageakten wird das Narrativ der diskriminierten russischen Minderheit propagiert und Angst vor einem estnischen Einmarsch in Russland geschürt. So wird der estnische Außenminister in einem Beitrag vom 19. Februar zitiert: "Die estnische Armee werde die Grenze überschreiten und den Krieg auf russisches Gebiet verlagern, sollte die russische Armee in Estland einmarschieren". Beendet wurde der Beitrag mit der Frage: "Hast du Angst?"
Das Zitat des estnischen Außenministers Margus Tsahkna ist jedoch aus dem Kontext gerissen. Tsahkna sagte in einem Interview mit dem britischen Telegraph, dass man, im Falle eines russischen Angriffs auf die baltischen Staaten, "den Krieg auf russisches Territorium tragen und im Hinterland zuschlagen" würde. Von einem präventiven Einmarsch ist in dem Interview jedoch nicht die Rede.
In einem weiteren Beitrag auf Telegram heißt es, dass die Separatisten "für Autonomie eintreten", die sich, sollte sie verweigert werden, zu einem "vollwertigen bewaffneten Konflikt und zur Gründung eines unabhängigen Staates innerhalb der Grenzen von Ida-Viru" zuspitzen würde. Ida-Viru ist ein Landkreis, der sich an der östlichen Grenze zu Russland befindet.
Memes, die nervös machen sollen
Militärexperte Carlo Masala sieht allerdings keine akute Bedrohung, auch wenn man die Kampagne nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Ihm zufolge ist das "alles Teil einer psychologischen Kriegsführungskampagne". Masala ist nicht der Meinung, dass Russland neben ihren Angriffskrieg auf die Ukraine eine zweite Front öffnen würden, weswegen er keine Anzeichen auf einen unmittelbaren Angriff auf Narwa sieht. Dennoch seien die Aktionen "nicht auf die leichte Schulter zu nehmen", so Masala.
Vielmehr sei die Mischung aus Memes, provokanten Witzen und Propaganda-Elementen "Teil einer psychologischen Kriegsführungskampagne Russlands", so Masala. Die Inhalte dienten dazu, "nervös" und "hysterisch" zu machen. Memes, von denen Masala spricht, sind beispielsweise Bilder eines Tagesablaufs der "Narwa Miliz", in denen die Einnahme zweier estnischer Städte -Sillamäe und Kohtla-Järve - thematisiert werden.
In dem Beitrag heißt es zum Beispiel: "Um 6:00 Uhr Aufstehen, gefolgt von Morgentoilette um 7:00 Uhr und Frühstück um 8:00 Uhr, bevor um 9:00 Uhr der Sturm auf Narva beginnt, mittags um 12:00 Uhr gegessen wird, am Nachmittag um 15:00 Uhr Sillamäe und Kohtla-Järve eingenommen werden, anschließend um 17:00 Uhr ein Burzum-Konzert stattfindet, um 19:30 Uhr das Abendessen folgt, um 20:00 Uhr ein Konzert von Akim Apatschew beginnt und der Tag schließlich um 22:00 Uhr mit einem Salut endet." Akim Apatschew ist ein pro-russischer Rapper und Propagandist, die Band Burzum steht wegen ihrer ideologischen Nähe zum Nationalsozialismus in der Kritik.
Auch Karten, auf denen die angebliche "Volksrepublik" und neue Grenzen definiert werden, werden in dem Kanal neben grün-schwarz-weißen Flaggen geteilt.
Im Gespräch mit Euronews erklärt Masala, was bei einer akuten Bedrohung militärisch passieren würde: "Dann werden die Regionalpläne aktiviert, also wenn die Staaten damit einverstanden sind. Und das heißt, als allererstes wäre die EFP [NATO-Mission Enhanced Forward Presence also die verstärkte Vornepräsenz an der Ostflanke] in Estland zuständig." Masala zufolge ist es jedoch nicht auszuschließen, "dass dann natürlich die deutsche Präsenz in Litauen unmittelbar als Verstärkung dazu gerufen wird." Er ergänzt jedoch, dass Regionalpläne dieser Art "aus gutem Grunde" als streng geheim eingestuft sind und detaillierte Handlungen der Esten und der NATO somit nicht vorhersehbar sind.
Die sogenannte "Volksrepublik Narwa"
Die Stadt Narwa liegt direkt an der Grenze zu Russland und ist mit 50.000 Einwohnern drittgrößte estnische Stadt. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung sind russischsprachig, viele haben die estnische Staatsbürgerschaft.
Viele von ihnen oder ihre Familien wurden nach dem Zweiten Weltkrieg dort angesiedelt, nachdem die ursprüngliche Bevölkerung 1944 während der sowjetischen Eroberung weitgehend vertrieben worden war.
Als Euronews im Jahr 2022 in Estland vor Ort war, erklärten uns Bewohner, dass sie nicht aufgrund ihrer russischen Sprache diskriminiert werden.
Dennoch bemühen sich die von Moskau gelenkten TV-Sender seit Jahren, die russischsprachige Minderheit in eine Opferrolle zu drängen. In russischen Staatsmedien, etwa in Talkshows wie 60 Minuten (60 минут) auf Rossija 1, ist zum Beispiel regelmäßig von "manipulierten Strafverfahren gegen russischsprachige Landsleute" im Baltikum die Rede.
Estnischer Inlandsgeheimdienst geht von "koordinierter Kampagne" aus
Laut dem estnischen Inlandsgeheimdienst (ISS) gibt es Hinweise darauf, dass es sich um eine koordinierte Informationskampagne handeln könnte. "Solche Taktiken wurden schon früher sowohl in Estland als auch in anderen Ländern angewendet", sagte eine Sprecherin des ISS der estnischen Nachrichtenseite Delfi. "Es ist eine einfache und billige Methode, die Gesellschaft zu provozieren und einzuschüchtern."
Auch der estnische Inlandsgeheimdienst geht davon aus, dass dadurch Verwirrung gestiftet werden und der gesellschaftliche Zusammenhalt untergraben werden soll. Das passt zusammen mit der Einschätzung des Militärexperten Carlo Masala. In seinem 2025 veröffentlichten Buch "Wenn Russland gewinnt" wurde Narwa zum Gedankenspiel.
Inwiefern ist die NATO beteiligt, wenn Estland angegriffen wird? "Riskieren wir wegen der Befreiung einer 50.000-Einwohner-Stadt einen vollumfänglichen Konflikt gegen möglicherweise 1,5 Millionen russische Soldaten, der dann immer an der Schwelle zu einem Nuklearkrieg ist?", spitzte Masala in der Sendung ntv-Salon im Jahr 2025 weiter zu.
Von den "grünen Männchen" zur sogenannten "Volksrepublik"
Die Ausrufung einer sogenannte "Volksrepublik" ist kein unbekanntes Narrativ. Im Jahr 2014 riefen ebenfalls prorussische Separatisten mit Unterstützung von russischen Streitkräften im Donbas die sogenannten "Volksrepubliken" Luhansk und Donezk aus.
Während der Krim-Übernahme hat Russland im selben Jahr wurden sogenannte Truppen von "little green men" eingesetzt - also "grüne Männchen", Soldaten ohne Hoheitszeichen. Dabei ging es insbesondere um die Demonstration von Präsenz.
Mehrere Jahre später rechtfertige Moskau die großangelegte Invasion der Ukraine zudem unter anderem mit dem angeblichen Schutz russischsprachiger Bevölkerungsgruppen in den Gebieten. Es gibt jedoch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass ethnische Russen einer systematischen Verfolgung durch die ukrainischen Behörden ausgesetzt waren, geschweige denn der Gefahr der Auslöschung aufgrund ihrer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit oder kulturellen Identität. Dies wurde durch Berichte des Europarats, des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte und der OSZE bestätigt.
"Dass jetzt eine "Volksrepublik Narwa" auftaucht, legt den Grundstein dafür, dass später die Propaganda von angeblicher Unterdrückung und notwendiger Unterstützung durch Moskau betrieben werden kann und dass auch Akteure bei uns diese Erzählung weiter verbreiten", sagt auch Politikwissenschaftler Nico Lange in einem Beitrag auf der Plattform X.
Ihm zufolge müsse die "Propaganda aufgedeckt werden, Einflussnetzwerke bekämpft und russische Geheimdienste rausgeworfen werden".