Viele Ukrainerinnen suchten in der EU Schutz vor dem Krieg, doch ein neuer Bericht zeichnet ein alarmierendes Bild: Jede vierte Befragte berichtet von körperlicher oder sexueller Gewalt. Dazu kommen prekäre Jobs, Angst vor Ausbeutung und eine hohe Dunkelziffer.
Viele Frauen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind, erleben auch in der EU körperliche, sexuelle und psychische Gewalt. Das zeigt ein Bericht der EU-Grundrechteagentur FRA, der am Dienstag, dem 24. Februar, veröffentlicht wurde.
Seit Moskau seine großangelegte Invasion im Februar 2022 begann, sind nach Angaben der Studie rund 2,5 Millionen Ukrainerinnen in die EU geflohen. Sie erhielten dort vorübergehenden Schutz. Dieser ermöglicht unter anderem, zu arbeiten und medizinische Versorgung zu erhalten. Die Regelung läuft im März 2027 aus, sofern sie nicht verlängert wird.
In den vergangenen vier Jahren gab etwa ein Viertel der befragten Frauen an, Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein. Das ist deutlich mehr als in Umfragen in der Allgemeinbevölkerung. "Frauen, die durch den Krieg gegen die Ukraine vertrieben wurden, sind aufgrund ihrer Erfahrungen sowohl in den Mitgliedstaaten als auch in der Ukraine einem erhöhten Risiko körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt", heißt es in dem Bericht. Grundlage sind 1.223 Interviews in Deutschland, Polen und Tschechien.
62 % der Ukrainerinnen gaben an, im Gastland Gewalt erlebt zu haben. 9 % berichteten von Übergriffen während der Flucht aus der Ukraine.
Die Studie nennt auch besonders heikle Vorwürfe: 6 % der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, sagten, der Täter sei ein Angehöriger von Polizei oder Grenzschutz gewesen. 4 % nannten einen Dienstleister wie einen Arzt oder einen humanitären Helfer.
"Die Suche nach Zuflucht in Europa hätte eigentlich Trost spenden sollen. Doch trotz des Schutzes, den die EU bietet, erleiden viele Frauen schwere Verletzungen. Und andere fühlen sich unsicher", sagte FRA-Direktorin Sirpa Rautio.
Schwieriger Einstieg in den Arbeitsmarkt
Auch fern der Front prägt der Krieg den Alltag vieler Geflüchteter. Laut Studie hatten nur 45 % der Befragten in ihrem Aufnahmeland Arbeit. Und nur 21 % sagten, sie könnten ihren Lebensunterhalt "leicht oder ziemlich leicht" bestreiten.
Ein Grund sind prekäre Arbeitsbedingungen. 36 % gaben an, ohne Vertrag zu arbeiten oder einen Vertrag zu haben, der nicht alle Arbeitsstunden abdeckt. "24 % der Frauen waren unterbezahlt oder gar nicht bezahlt worden, und 12 % war es verboten worden, Pausen zu machen", heißt es im Bericht.
15 % beschrieben Jobs, bei denen ihnen Aufgaben oder Bedingungen unangenehm waren. 13 % vermuteten, dass ein Angebot mit sexuellen Erwartungen verbunden war.
Eine Frau aus der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre, die nach Deutschland geflohen war, berichtete von Belästigung am Arbeitsplatz. "Er hat mir angeboten, mir Deutsch beizubringen, zu ihm zu kommen und dass er Nachrichten schreiben könne. Ich habe drei oder vier Mal nein gesagt", erzählt sie. "Er machte weiter." Sie sei dann zu einem älteren Bruder des Mannes gegangen, der ebenfalls dort arbeitete. "Er hat mir dann den Staub vom Rücken gewischt, mein Hemd hochgezogen und gesagt, dass ich 'einen schönen Hintern' hätte." Die Belästigung habe auch nach dieser Situation angehalten.
Darüber hinaus sagten 22 % der Frauen, die mit als missbräuchlich beschriebenen Angeboten für Transport, Unterkunft oder Arbeit konfrontiert waren, sie hätten Offerten erhalten, die sexuelle Gefälligkeiten beinhalteten oder die Abnahme von Ausweispapieren. Das könne, so die FRA, auf Versuche von Menschenhandel hindeuten.
Einsamkeit und geringe Anzeigebereitschaft
Viele Frauen kämpfen außerdem mit psychischen Folgen. 27 % gaben an, keinen Zugang zu psychologischen Angeboten zu haben, um Kriegserlebnisse zu verarbeiten. "Die EU-Mitgliedstaaten müssen sicherstellen, dass Frauen Schutz, Unterstützung und Gerechtigkeit für das, was sie erlitten haben, erhalten, damit sie ihr Leben wieder aufbauen können", sagte Rautio.
Hinzu kommt ein Gefühl der Isolation. Viele sind von Familie, Partnern und ihrem früheren Leben getrennt.
Die FRA weist darauf hin, dass nur 12 % der befragten Frauen Vorfälle, die sie in der EU erlebt haben, bei Behörden gemeldet haben.
Eine andere Frau schilderte einen Vorfall in einer Straßenbahn in Tschechien. "Ich sagte meinem Sohn, er solle still sein. Da stand ein Mann auf und warf mir ein 'Ukraine?' entgegen", berichtet sie. Seine Frau habe gesagt: "Natürlich ist das die Ukraine. Warum sind Sie hierher gekommen? Gehen Sie weg von hier." Der Mann habe sie am Ärmel gepackt und aufgefordert auszusteigen. "Gehen Sie weg, gehen Sie weg. Sie haben hier nichts zu suchen. Sie sitzen auf meinem Geld", habe er gesagt.
Die Frau zog daraus ein bitteres Fazit: "Ich konnte nichts tun. Von all den Menschen, die in der Straßenbahn saßen, ist niemand aufgestanden, um uns zu verteidigen. Niemand hat etwas gesagt."