Der russische Angriffskrieg geht am 24. Februar 2026 in sein fünftes Jahr. Zwar drängen die USA auf ein baldiges Ende des Krieges, doch bislang sind die Verhandlungen mit Russland erfolglos und das Sterben geht weiter.
Einen Tag vor dem Jahrestag der russischen Vollinvasion am 24. Februar 2022 wurde Berlin zum Treffpunkt für Unterstützer der Ukraine: Beim von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierten Café Kyiv kamen Politiker, Aktivisten, Unternehmer und Kulturschaffende zusammen.
Neben einer Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz waren zahlreiche europäische und ukrainische Initiativen vertreten – darunter die Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk sowie das deutsche Drohnenunternehmen Quantum Systems.
Ihr gemeinsames Ziel: die Aufmerksamkeit weiter auf die vom Krieg gezeichnete Ukraine zu richten und zu zeigen, dass die Unterstützung in Europa nicht nachlässt.
Auch Ruben Mawick war vor Ort. Der 22-Jährige reist seit dem zweiten Kriegsjahr immer wieder für mehrere Wochen in die Ukraine, um dort als freiwilliger Sanitäter zu helfen. "Mir war es wichtig, dass ich etwas für die Menschen vor Ort tue", sagt er im Gespräch mit Euronews. "Ich habe mein Leben nicht als mehr wert angesehen als das eines ukrainischen Kindes und wollte einfach meinen Teil dazu beitragen, Europa sicherer zu machen."
Am 9. September 2023 geriet er mit drei weiteren Helfern nahe Bachmut in einen russischen Angriff mit einer Panzerabwehrrakete. Ihr Fahrzeug wurde getroffen – zwei der Freiwilligen, Emma und Tonko, wurden getötet. Mawick und Johan überlebten.
Trotzdem kehrt Mawick weiterhin regelmäßig für mehrere Wochen in die Ukraine zurück, um zu helfen. Angst gebe es natürlich, sagt er. Man wisse, was passieren könne – schließlich habe er selbst einen solchen Angriff überlebt. Seine Motivation habe sich durch die Verwundung nicht verändert, sondern sei "eher noch bestärkt" worden.
Seit Februar 2022 hat sich der Krieg mehrfach verändert. Begonnen hat er vor allem als Artillerie- und Raketenkrieg, doch mit den Jahren hat er sich zunehmend zu einem Drohnenkrieg entwickelt. Das bedeutet, dass nicht nur die Frontlinie gefährlich ist, sondern auch Gebiete weit dahinter – teilweise bis zu 50 Kilometer entfernt.
Wie Russland mit Doppelschlägen Rettungskräfte attackiert
Neben Drohnen setzt Russland auch vermehrt auf sogenannte "Double-Tap"-Angriffe. Darunter versteht man einen zweiten, gezielt verzögerten Angriff auf denselben Ort, der darauf abzielt, Rettungskräfte, Helfer oder Umstehende zu treffen und so die Zahl der Opfer zu erhöhen.
Solche Doppelschläge verstoßen in der Regel gegen das humanitäre Völkerrecht – unter anderem gegen Artikel 3 der Genfer Konventionen – und können nach dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs als Kriegsverbrechen gelten.
Der deutsche Feuerwehrmann Nils Thal aus Nürnberg reist ebenfalls seit Beginn der Vollinvasion regelmäßig in die Ukraine, um dort zu helfen. Auch er hat solche "Double-Tap"-Angriffe mehrfach erlebt. "Die Feuerwehreinsätze waren von Beginn an sogenannte Double Taps", sagt Thal im Gespräch mit Euronews. Anfangs seien es häufig ballistische Raketen gewesen, später zunehmend Drohnen.
Im Jahr 2024 seien zudem viele Gleitbomben eingesetzt worden. Inzwischen seien die Angriffe oft gemischt, so Thal – häufig mit Drohnen vom Typ Geran-2 oder Shahed für den zweiten Schlag. Die ukrainische Luftabwehr sei bei solchen Einsätzen "besonders aktiv", sagt Thal.
"Wir werden regelmäßig gewarnt, wenn neue Angriffe im Anflug sind." Dann würden Einsätze unterbrochen und die Rettungskräfte gingen in Deckung – oft mehrmals während eines Einsatzes. "Es ist selten, dass wir nur einen einzelnen Angriff haben", so Thal. Häufig folgten weitere Attacken, von denen jedoch viele von der Luftabwehr abgefangen würden.
Merz: "Tiefpunkt der tiefsten Barbarei"
Eröffnet wurde das Café Kyiv von Bundeskanzler Friedrich Merz. In seiner Rede bezeichnete er Russlands Vorgehen als Ausdruck von Brutalität und verwies auf ein Zitat des französischen Reiseschriftstellers Astolphe de Custine: "Russland ist in unseren Tagen für den Beobachter das merkwürdigste Land, weil man in ihm die tiefste Barbarei neben der höchsten Zivilisation findet", sagte Merz.
Diese Gegensätze seien bis heute sichtbar, so der Kanzler weiter: "Die tiefste Barbarei neben der höchsten Zivilisation – künstlerisch, musikalisch, in der Literatur." Zugleich müsse man erkennen, "dass sich dieses Land unter der heutigen Führung auf dem Tiefpunkt der tiefsten Barbarei befindet".
Zudem betonte er, dass die Ukraine in diesem Krieg nicht nur ihr eigenes Territorium verteidige. "Sie verteidigen ihre und sie verteidigen damit unsere Freiheit", sagte Merz, der ergänzte, dass es auch um die Grundprinzipien der europäischen Friedensordnung – etwa darum, dass kein Staat das Recht habe, sich militärisch auf Kosten eines anderen zu vergrößern – gehe.
Deutschland und die Europäische Union würden ihre Unterstützung deshalb fortsetzen. Seit Beginn des Krieges habe Berlin Ukraine-Hilfen in Milliardenhöhe geleistet – sowohl zivil als auch militärisch. Ziel sei es, Kyjiw in die Lage zu versetzen, sich zu verteidigen und eine Grundlage für einen gerechten und dauerhaften Frieden zu schaffen.
Ein solcher Frieden müsse mehrere Bedingungen erfüllen, betonte Merz: Die Souveränität der Ukraine müsse gewahrt bleiben, über territoriale Fragen könne "nur die Ukraine selbst entscheiden – niemand anderes".
Trotz Verhandlungen immer mehr Tote
Die Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk kritisierte jedoch im Gespräch mit Euronews, dass bei den aktuellen Verhandlungen über ein Ende des Krieges das Schicksal der Menschen in der Ukraine zunehmend in den Hintergrund rücke. Gerade im Jahr "intensiver diplomatischer Gespräche" sei die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten deutlich gestiegen, so Matviichuk.
Nach Angaben der Vereinten Nationen in der Ukraine sind im Jahr 2025 mindestens 2.514 Menschen getötet und 12.142 verletzt worden.Das entspricht einem Anstieg von 31 Prozent gegenüber 2024 und sogar 70 Prozent mehr als im Jahr 2023. 2024 wurden 2.088 Menschen getötet und 9.138 verletzt, 2023 waren es 1.974 Tote und 6.651 Verletzte.
"Wir müssen uns ehrlich fragen, wie es sein kann, dass das Jahr der Verhandlungen zum tödlichsten Zeitraum für ukrainische Zivilisten seit Beginn des Großangriffs geworden ist?", fragte Matviichuk. Ihr zufolge gehe es den Gesprächen zu oft um Rohstoffe, Gebietsansprüche oder geopolitische Interessen. "Politiker sprechen über Mineralien oder Territorium, aber nicht über Menschen."
Genau diese "menschliche Dimension" müsse ihr zufolge jedoch wieder ins Zentrum der Friedensverhandlungen rücken und verwies auf Kriegsgefangene in russischen Gefängnissen, die "täglich Folter und sexualisierte Gewalt" erleiden, sowie auf die Angriffe auf zivile Infrastruktur.
Russland zerstöre gezielt das Stromnetz, sodass Menschen "buchstäblich in ihren Wohnungen ohne Heizung, Wasser und Strom frieren". Wenn Russland sehe, dass menschliches Leid keine Rolle spiele, verstehe der Kreml, "dass es keine roten Linien gibt", so Matviichuk.